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Droste

Wahre Tierrechte (16)

Die Stimmung in der Scheune war britzelig prickelnd, wie elektrisch aufgeladen; etwas lag in der Luft, hatte aber noch keinen Ausdruck und keine Artikulation gefunden. Die Blicke der meisten Tiere waren erwartungvoll auf Melissa und Jochen gerichtet, und Melissa war es auch, die sich ein Herz fasste.

»Kombattantinnen und Kombattanten«, begann sie, »ja, so will ich euch nennen, alle, die ihr nun hier versammelt seid, Mitstreiterinnen und Mitstreiter! Wir befinden uns in der vorzüglichen Lage, über eine Operationsbasis zu verfügen – im Fall, dass Bauer Jochen uns gewähren lässt oder sich sogar unserer Sache anschließt. Wir haben in den letzten Monaten bei heimlichen Treffen klargestellt, dass wir nicht zu Fotomodels herabsinken wollen, die glückliche Tiere darstellen, zu Kreaturen, die ihr Geschlachtetwerden auch noch selbst bewerben. Wir wollen für die Haut, die man uns abzieht und die wir meistbietend feilhalten, nicht auch noch Reklame laufen. Die Menschen reden immer von ›abgeschlachtet werden wie Vieh‹, dabei wäre ›abgeschlachtet werden wie Menschen‹ viel treffender.« Sie hielt kurz inne, um zu verschnaufen und ihre Worte sacken zu lassen.

»Was die Menschen einander an Brutalität antun, geht uns zunächst nur insofern etwas an: dass sie mit uns nicht anders umspringen. Und dass sie ihre Gewalt ›bestialisch‹ nennen, ist die reine Infamie! Tiere mögen Bestien sein, aber Menschen sind eine weit üblere Plage. Der Mensch schlechthin ist der Irrläufer der Evolution!« Zustimmung ertönte in Form von Quakeln, Mähen und Bähen, dem Bellen der Hütehunde, Muhen, Gackern und Schnattern; sogar die eher sehr bequem liegenden Katzen maunzten.

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Jochen staunte immer mehr; Melissa war klug, und das Wort »Bestie« hatte sie nicht wie »Bästie« mit »ä« ausgesprochen, sondern »Béstie«, mit feinem Accent aigu. Sicher eine Petitesse, aber dass eine Kuh wusste, was den wenigsten Menschen geläufig war, erfüllte ihn mit Stolz. Er sah Melissa pathetisch an, als er verkündete: »Also ich bin dabei! Ich tue, was ich kann. Es wird nicht leicht, der Hof gehört mehr der Bank als mir selbst, und die Presse wird uns in die Pfanne hauen wie eine Monatsration Eier. Man wird uns für verrückt erklären. Egal – seien wir realistisch, versuchen wir das Unmögliche!« In gehobener Stimmung zitierte Jochen gern die Helden seiner Jugend. Die Tiere waren ganz aus dem Häuschen; hätten sie Mützen oder Hüte getragen, sie hätten ihre Kopfbedeckung vor Wonne in die Luft geworfen.

Fortsetzung folgt

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Erschienen in der Ausgabe vom 20.10.2018, Seite 10, Feuilleton

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