Aus: Ausgabe vom 18.10.2018, Seite 2 / Ausland

Amoklauf in Kertsch

18 Tote in Berufsschule auf der Krim. Schüler als Täter identifiziert

Von Reinhard Lauterbach
RTX6FG7E.jpg
Rettungskräfte bergen Opfer des Angriffs am Mittwoch in Kertsch

In Kertsch auf der Krim sind am Mittwoch bei einem Überfall 18 Schüler und Lehrer einer Berufsschule getötet worden, etwa 50 weitere Personen wurden verletzt. Als mutmaßlichen Täter identifizierten die russischen Behörden einen 18jährigen Schüler der Einrichtung. Er habe sich nach seinem Angriff auf die Schule selbst das Leben genommen.

Die Ermittler hatten zunächst einen Terrorakt vermutet, qualifizierten das Geschehen aber später als mehrfachen vorsätzlichen Mord. Dabei stimmen die Darstellungen des Tathergangs bislang nicht völlig überein. Die offizielle Version lautet, dass sich der Täter im ersten Stock der Schule das Leben genommen habe. Die mit dem US-Propagandasender Radio Liberty liierte Internetseite Krym Realii zitierte dagegen angebliche Augenzeugen, die zwei Täter beobachtet haben wollen. Dies wurde allerdings von den in der Schule installierten Kameras nicht bestätigt. Sie zeigen nur einen schlanken jungen Mann, der mit einem halbautomatischen Gewehr durch das Treppenhaus geht. Außerdem, so die Seite, sei der mutmaßliche Haupttäter, nachdem er im Obergeschoss seine Patronen verschossen habe, ins Erdgeschoss zurückgegangen, um dort einen Sprengsatz zu zünden, den er in der Mensa zurückgelassen habe. Später dementierte das Zentrale Ermittlungskomitee Russlands diese Version ausdrücklich. Alle Opfer seien an Schussverletzungen gestorben.

Die Rettungsarbeiten litten offenbar daran, dass es an Krankenwagen und Tragen mangelte. Augenzeugen berichteten, Helfer hätten Verletzte auf ausgehobenen Türen ins Freie getragen.

Wie in solchen Situationen üblich, begann in den Medien eine heftige Spekulation über die möglichen Motive des Amokläufers. Mitschüler beschrieben ihn als zurückhaltend und ordentlich. Ukrainische Seiten wollten wissen, er habe vor kurzem einen Waffenschein für Kleinkaliberwaffen bekommen und gegenüber Mitschülern geprahlt, er mache Versuche mit Sprengstoff. Der mutmaßliche Täter hinterließ offenbar keine Hinweise auf die Tat; seine letzte Eintragung im russischen Netzwerk vk.com war eine Liebeserklärung an ein junges Mädchen.

Die anfängliche Einstufung des Vorfalls als Terroranschlag zeugt von der nervösen Atmosphäre in Kertsch. Die Stadt ist der westliche Endpunkt der neuen Brücke, die die Halbinsel Krim mit dem russischen Festland verbindet. Ukrainische Politiker bis hin zum Verkehrsminister des Landes treten immer wieder mit Drohungen hervor, »kaukasische Freunde« würden demnächst einen Anschlag auf diese Brücke verüben. Es ist dabei charakteristisch, dass insbesondere stark antiukrainische russische Seiten weiter von einem Terroranschlag sprachen, als das Zentrale Ermittlungskomitee diese Version schon nicht mehr bestätigte. Man traut dort Kiew offenbar alles zu – auch wenn ein Anschlag auf eine Berufsschule keine besondere Plausibilität besitzt.


Debatte

Artikel empfehlen:

  • Beitrag von Ivo B. aus T. (18. Oktober 2018 um 10:06 Uhr)

    Traurige Angelegenheit.

    Dass es eine Explosion gab, sieht man eindeutig auf dem Foto und auf Augenzeugenvideos. Alles spricht für einen Amoklauf bzw. »erweiterten Suizid«. Ich war im Sommer auf der Krim und kann sagen, dass die Situation entspannt war. In Russland gibt es generell einen hohen Sicherheitsstandard und erweiterte Kontrollen an Flughäfen und Bahnhöfen etc. Solche Taten lassen sich allerdings nur schwer verhindern.

    Viele Ukrainer machen Urlaub auf der Krim, und denen ist es egal, dass es jetzt zu Russland gehört. Ich habe auch viele ukrainische »Fahnenflüchtige« oder, besser gesagt, Kriegsdienstverweigerer dort getroffen.

Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Leserbriefe zu diesem Artikel:

Ähnliche:

Regio:

Mehr aus: Ausland
  • Druck auf Abgeordnete in Mazedonien wächst, geplanter Änderung des Staatsnamens zuzustimmen
    Roland Zschächner
  • Türkei: Mesale Tolu und ihrem Mann Suat Corlu droht weiter Haftstrafe
    Kevin Hoffmann
  • Frankreich: Staatsanwaltschaft ermittelt jetzt wegen Gewalt gegen Amtsträger gegen Chef der parlamentarischen Linken
    Hansgeorg Hermann, Paris
  • Syrien: Kampfverbände weigern sich, Idlib zu verlassen. Grenzöffnungen im Süden des Landes
    Karin Leukefeld