Aus: Ausgabe vom 16.10.2018, Seite 5 / Inland

Gefühl der Erschöpfung

Wissenschaftler: Hohe Belastung durch »flexible« Studienformen

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Absolventen des Bachelor-Studiengangs der Dualen Hochschule Baden-Württemberg (Stuttgart, 24.11.2014)

Neben dem klassischen Studium, das in Vollzeit an einer Hochschule absolviert wird, gibt es inzwischen eine Reihe »flexibler« Studienformen. Die zusätzlichen Belastungen, die diese Studienformen mit sich bringen, sind allerdings erheblich. Das zeigt eine am Montag veröffentlichte Studie, die Trends im dualen und im berufsbegleitenden Studium analysiert. Sie wurde von der Hans-Böckler-Stiftung gefördert und stützt sich zum einen auf eine Befragung von Studierenden, zum anderen auf eine detaillierte Auswertung einzelner Studiengänge.

Beim sogenannten dualen Studium wechseln die Studierenden zwischen Hochschule und Betrieb. Entweder wird dabei eine Berufsausbildung mit einem Studium oder ein Studium mit längeren Praxisphasen in einem Unternehmen kombiniert. Ein berufsbegleitendes Studium wird von Personen aufgenommen, die bereits berufstätig sind. Dementsprechend gibt es – anders als im dualen Studium – kaum formale oder strukturelle Verbindungen zwischen Hochschule und Arbeitsplatz.

Einen »regelrechten Boom« habe es in den vergangenen beiden Jahrzehnten bei den dualen Studiengängen gegeben, schreiben die Autoren Sigrun Nickel, Vitus Püttmann und Nicole Schulz. Während sich im Jahr 2005 weniger als ein Prozent aller Studienanfänger für ein solches Studium entschied, waren es 2014 schon fünf Prozent. Die Forscher gehen davon aus, dass sich dieser Trend fortsetzen wird. Das liegt auch daran, dass diese Studiengänge von Hochschulen und ihren Kooperationsunternehmen stark beworben werden. Die meisten berufsbegleitenden und dualen Studiengänge gibt es an privaten Fachhochschulen. Universitäten sind in beiden Bereichen weniger aktiv.

Den Angaben der befragten Studierenden zufolge wird die mit diesen Studiengängen verbundene Doppelbelastung oft als stressig empfunden. Häufig bleibt kaum Freizeit, vor allem dann, wenn noch ein Kind betreut werden muss. Auch das Vorbereiten von Prüfungen wird besonders von berufsbegleitend Studierenden als stark belastend wahrgenommen. Die Forscher führen das vor allem auf die hier besonders ausgeprägte Vereinzelung zurück. Allerdings sagen auch die dual Studierenden, dass sie ihre Freizeitaktivitäten stark einschränken müssen, weil das Vor- und Nachbereiten von Studieninhalten und der Besuch von Präsenzveranstaltungen neben der Ausbildung im Betrieb so viel Zeit in Anspruch nimmt. Ein Gefühl der Erschöpfung ist in beiden Gruppen weit verbreitet.

Viele Befragte finden, dass etwas getan werden könne, um die Belastung zu verringern. Vor allem wünschen sie sich, dass die Hochschulen beruflich erworbene Kompetenzen stärker als bisher anerkennen. Dadurch könnte die Studienzeit in vielen Fällen verkürzt werden. So wären dann häufig auch die Kosten geringer, da weniger gebührenpflichtige Veranstaltungen belegt werden müssten. Die Autoren sehen hier »klaren Handlungsbedarf«.

Die rechtliche Absicherung von dual Studierenden, heißt es außerdem in der Studie, sei oft problematisch: Die Studierenden erhielten häufig lediglich einen Vertrag als Praktikant oder Werkstudent. Damit sind sie schlechter gestellt als andere Beschäftigte oder Auszubildende, der Lohn und die Zahl der Urlaubstage sind geringer. Und während sich Azubis bei Problemen an eigene Vertreter und den Betriebsrat wenden können, fehlt dual Studierenden statusbedingt oft diese Möglichkeit. Hinzu kommt, dass sie sich mitunter nicht nur dazu verpflichten müssen, eine gewisse Zeit nach dem Studienabschluss im Unternehmen zu bleiben, sondern auch einwilligen, Studiengebühren und andere finanzielle Aufwendungen abzuarbeiten, damit sich die Investition für den Arbeitgeber rentiert. Dadurch könne, so die Autoren, ein Abhängigkeitsverhältnis entstehen. Sie empfehlen vor allem Betriebsräten, solche Situationen »kritisch zu prüfen und bei Bedarf zu intervenieren«. (jW)


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