Aus: Ausgabe vom 16.10.2018, Seite 1 / Titel

Nazis im Gleichschritt

Zehntausende ukrainische und deutsche Rechte erinnern in Kiew gemeinsam an faschistische Aufstandsarmee aus Zweitem Weltkrieg

Von Reinhard Lauterbach
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Deutsche Teilnehmer während des Aufmarsches am Sonntag in Kiew

Deutsche und ukrainische Neonazis Seite an Seite: Am Sonntag haben in der ukrainischen Hauptstadt Kiew Zehntausende Rechte den »Tag der Verteidiger der Ukraine« begangen. Das Datum erinnert an die Gründung der faschistischen Aufstandsarmee UPA 1943 und wird seit 2015 als offizieller Staatsfeiertag begangen. Bereits Anfang des Monats hatte die Regierung mit einem neuen Gesetz gezeigt, wohin die Reise geht: Der Gruß der ukrainischen Faschisten im Zweiten Weltkrieg, »Slawa Ukraini! Herojam slawa!« (Ruhm der Ukraine! Ruhm den Helden!), wurde zum offiziellen Gruß des Militärs erklärt.

Der Marsch der überwiegend uniformierten und vermummten Rechten verlief ohne größere Zwischenfälle. Beteiligt waren auch jeweils einige hundert Angehörige der ukrainischen Nationalgarde und der »Nationalen Gefolgschaft«, der Jugendorganisation des Bataillons »Asow«. Unter den Demonstranten sind auch Vertreter der NPD-Jugend und der deutschen Gruppierung »Der III. Weg« gewesen, wie Spiegel online berichtete.

Die UPA hatte sich im Zweiten Weltkrieg aus desertierten Angehörigen der ukrainischen Hilfspolizei gebildet, die die Nazibesatzer zur Sicherung ihres Hinterlands zugelassen hatten. Seit 1941 begingen sie unter Duldung von Wehrmacht und SS Pogrome an der jüdischen Bevölkerung. Ihr Ziel war eine »unabhängige Ukraine«.

Zu einer leicht grotesken Situation kam es am Rande des Marsches im Kiewer Regierungsviertel. Dort steht in einem Park ein Denkmal des sowjetischen Generals Nikolai Watutin, der die Operation zur Befreiung Kiews im Oktober und November 1943 geleitet hatte und Anfang 1944 in der Westukraine von Angehörigen der UPA in einem Hinterhalt ermordet wurde. Eine Gruppe von einigen Dutzend Leuten in Tarnanzügen mit »UPA«-Aufnähern versuchte, das Denkmal zu stürzen. Daran hinderte sie allerdings ein Polizeikordon, der die Statue umzingelt hatte. Als die UPA-Anhänger versuchten, über die Köpfe der Polizisten hinweg eine Aluminiumleiter auszufahren, endete die Aktion damit, dass die Leiter konfisziert wurde und die Aktivisten mit ihren Vorschlaghämmern dumm herumstanden. Das Video von der Aktion endet mit dem Ruf: »Gebt uns die Leiter zurück!«

Ruhig blieb es einige Kilometer vom Stadtzentrum entfernt in der Anlage des berühmten Kiewer Höhlenklosters. Das zum UNESCO-Weltkulturerbe zählende Kloster gehört der Ukrainisch-Orthodoxen Kirche Moskauer Patriarchats. Seine Geistlichen hatten ihre Gläubigen zu einem Massengebet zusammengerufen, weil sie befürchteten, ukrainische Nationalisten könnten versuchen, das Kloster zu stürmen. Doch Bilder von Faschisten, die betende Babuschkas verprügeln, wollte die Staatsmacht an diesem Tag wohl nicht haben.

Hintergrund ist der Konflikt um die mögliche Autonomie der Ukrainisch-Orthodoxen Kirche Kiewer Patriarchats. Die Ukraine will künftig »zu eigenen Göttern beten« (Petro Poroschenko) und übt ebenso wie die US-Regierung heftigen Druck in diese Richtung aus. Das Moskauer Patriarchat bezeichnet dies als »Kirchenspaltung« und warnt vor gewaltsamen Auseinandersetzungen. Derzeit tagt in Istanbul ein Synod der orthodoxen Gesamtkirche, um zu beschließen, ob die ukrainische Kirche aus der »kanonischen« Bindung an Moskau entlassen wird. Die Signale, ob die Kirchenleitung dieser Abspaltung ihren Segen geben wird, sind widersprüchlich.


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