Aus: Ausgabe vom 15.10.2018, Seite 9 / Kapital & Arbeit

Ruhe vor dem Sturm

China erzielt Rekordhandelsüberschuss gegenüber USA. Ab Oktober greifen die Sanktionen Washingtons. Krise bahnt sich an

Von Jörg Kronauer
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Noch fahren die chinesischen Containerschiffe in ruhigen Gewässern (Hafen von Shanghai, 24.4.2018)

Stabilität sieht anders aus: Den Verfall der Aktienkurse in der vergangenen Woche darf man getrost als Warnschuss der Finanzmärkte im Hinblick auf die eskalierenden Handelskonflikte interpretieren. Der Dax stürzte von Dienstag bis Donnerstag um satte 3,7 Prozent auf 11.539 Punkte ab; der Dow Jones brach im selben Zeitraum um 5,2 Prozent auf 25.053 Punkte ein. Zwar fingen sich die Börsen am Freitag wieder ein wenig, nicht zuletzt, weil mehrere US-Großbanken milliardenschwere Quartalsgewinne vermeldeten. Der Dow Jones verlor trotzdem im Laufe der Woche sämtliche Zugewinne, die er seit Januar 2018 hatte verzeichnen können; der Dax wiederum fand sich sogar auf dem Stand von Januar 2017 wieder. Auch wenn manche am Wochenende Zuversicht verbreiten wollten und, wie Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU), behaupteten, es gebe »keinen Grund«, warum die jüngste »Erfolgsgeschichte« der Wirtschaft »abreißen« solle – in einer Krise ist Ruhe schließlich die erste Ministerpflicht: Dass die Börsen gegenwärtig jederzeit kollabieren können, war nun wirklich klar.

Auf der Suche nach Erklärungen für den Absturz der Aktienkurse wurde denn auch nicht ein einzelner spezieller Grund, sondern eine ganze Reihe zusammenwirkender Ursachen genannt. So gab der Internationale Währungsfonds (IWF) während seiner Jahrestagung auf Bali die Senkung seiner Wachstumsprognose für 2018 und 2019 von 3,9 auf 3,7 Prozent bekannt. Das sind nur 0,2 Prozentpunkte, doch beruht die neue, niedrigere Schätzung auf Gefahren, die sich jederzeit zuspitzen können. Da wären zum einen schwelende Krisen in mehreren Schwellenländern: Die Türkei, Indien (immerhin die sechstgrößte Volkswirtschaft der Welt), Indonesien und Argentinien sind zuletzt ökonomisch stark ins Wanken geraten. Weil die Vereinigten Staaten den Handel mit iranischem Erdöl unbedingt austrocknen wollen, ist der Ölpreis in die Höhe geschnellt. »Die öffentliche Verschuldung ist weltweit hoch«, rief IWF-Direktorin Christine Lagarde in Erinnerung: »Jede Böe kann Kapitalabflüsse auslösen.« Hinzu kommt, dass die Euro-Zone einmal mehr für Negativschlagzeilen sorgt: Das deutsche Beharren auf Kürzungspolitik droht den Streit mit Italien zu verschärfen; eine erneute Kriseneskalation mit schweren Folgen ist durchaus drin.

Besonders schwer wiegt freilich der Handelskrieg, den die US-Regierung angezettelt hat. »Wenn die Spannungen zunehmen, wird die Weltwirtschaft dies deutlich zu spüren bekommen«, warnte Lagarde auf Bali, wo die zahlreich angereisten Finanzminister und Notenbankchefs sich insbesondere über die Strafzollpolitik von US-Präsident Donald Trump und deren Folgen austauschten. Erste Auswirkungen zeigen sich schon jetzt; so haben etwa die Einbußen, die Kfz-Konzerne mit Standort in den USA aufgrund bereits verhängter Stafzölle hinnehmen müssen, zu den jüngsten Börsenverlusten von BMW und Daimler beigetragen. In den neuesten chinesisch-US-amerikanischen Handelsstatistiken spiegelt sich der Handelskrieg noch nicht wider: So sind die chinesischen Exporte in die Vereinigten Staaten im September um 14,5 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat gestiegen. Auch die Einfuhren der Volksrepublik nahmen um 14,3 Prozent zu. Damit hat sie einen Rekordüberschuss von 34 Milliarden US-Dollar erzielt. Vermutlich trügen die Zahlen jedoch: Vieles spricht dafür, dass beide Seiten in der Zeit vor dem Inkrafttreten von Trumps 200-Milliarden-Dollar-Strafzollpaket am 24. September ihre Ausfuhren ein letztes Mal auf Teufel komm raus in die Höhe getrieben haben. Eine realistische Einschätzung, welche Einbrüche kurzfristig drohen, wird erst die Oktoberstatistik erlauben.

In einer vorläufigen Schätzung prognostiziert die WTO dramatische Rückgänge im internationalen Handel. Demnach könnte ein voll entbrannter Handelskrieg das globale Handelsvolumen um 17,5 Prozent reduzieren. Welche Gefahren das für exportfixierte Länder wie Deutschland mit sich bringt, liegt auf der Hand. Der IWF rechnet, wie es jetzt auf Bali hieß, für 2019 mit einem Rückgang des chinesischen Wachstums von 6,2 auf 4,6 Prozent sowie mit einem Einbruch des US-Wachstums von 2,5 auf 1,6 Prozent. Langfristig würden allerdings die Vereinigten Staaten mit Einbußen von einem Prozent deutlich härter getroffen werden als die Volksrepublik mit Verlusten von 0,5 Prozent. Und dann wären da noch die Börsen. Bereits in der vergangenen Woche stürzten vor allem Technologieaktien ab. Zum einen richtet sich Trumps Handelskrieg vor allem gegen chinesische High-Tech-Unternehmen – Kollateralschäden im Westen sind dabei aufgrund der engen Verflochtenheit der Branche vorprogrammiert. Zudem sind Konzerne wie Apple, die in China produzieren, bei einer weiteren Verschärfung des Konflikts empfindlich angreifbar. Und schließlich verfügt die Volksrepublik über begehrte Metalle, sogenannte Seltene Erden, auf die auch westliche Unternehmen angewiesen sind. In Wirtschaftskreisen wird bereits über einen etwaigen chinesischen Boykott diskutiert. Der Apple-Kurs war am Mittwoch zeitweilig um mehr als vier Prozent abgestürzt.


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