Aus: Ausgabe vom 15.10.2018, Seite 8 / Ausland

»Es gibt kein Interesse an gründlicher Aufarbeitung«

Extralegale Hinrichtungen in Kolumbien: Entschuldigung von Regierung verlangt. Ein Gespräch mit Omar Eduardo Rojas Bolaños

Interview: Carmela Negrete
RTS219GP.jpg
Angehörige von Opfern extralegaler Hinrichtungen am 13. September in Bogotá

Sie haben zehn Jahre lang über die außergerichtliche Ermordung von Unschuldigen während des jahrzehntelangen bewaffneten Konflikts in Kolumbien recherchiert, den sogenannten Falsos positivos (»Falsche Positive« oder »Fehlalarm«) Warum diese Bezeichnung?

Dieser Begriff wurde von den Militärs selbst erfunden. Sie haben dies in der Hoffnung getan, dass die Gesellschaft die Tötungen eines Tages besser verarbeiten kann. Das haben mir sogar Söldner der Armee in mehreren Interviews erzählt.

Sie beschreiben, wie sogar offizielle Dokumente gefälscht wurden.

Keiner der Fälle der »Falsos positivos« ist durch Zufall entstanden. Sie waren Bestandteil einer staatlichen Strategie. Es sollte gezeigt werden, dass man auf den Weg ist, den Krieg gegen die FARC zu gewinnen. Bevor die Menschen umgebracht wurden, gab es immer ein Treffen mit Oberst und anderen Verantwortlichen. Sie sprachen sich ab, wer wann und wo ermordet werden sollte. Dann wurden die Menschen entführt. Anschließen wurden sie in guerillatypischer Kleidung präsentiert, sowie mit Waffen und Flugblättern ausgestattet, um den Anschein zu erwecken, sie hätten gegen die Armee gekämpft.

Das klingt nach eine makaberer Propagandaoperation. Von wie vielen Fällen spricht man?

Die Regierung von Álvaro Uribe (Kolumbiens Präsident von 2002 bis 2010, jW) gab 44 Fälle zu. Als ich zusammen mit Leuten der Universität von Santo Tomas mit der Recherche begann, dachten wir zunächst, dass diese Zahl stimmt. Aber wir fanden heraus, dass die Staatsanwaltschaft zu dem Zeitpunkt rund 3.700 Fälle untersuchte. Das Institut »Observatorio Coordinación Colombia-Europa-Estados Unidos« spricht von 5.700 Toten, einige NGOs sogar von 6.000. Aber durch unsere Recherche, die auf Informationen beruht, die von den Tätern selbst stammen, haben wir sogar noch höhere Zahlen ermittelt.

Sie sagen, trotz der hohen Zahlen behandelt die kolumbianische Justiz die Fälle lediglich als Einzelfälle. Warum ist das so?

Es gibt keine Interesse der aktuellen Regierung an einer gründlichen Aufarbeitung, aber die Beweise sind da. 2002 gab das Verteidigungsministerium die Anweisung, dass man Ergebnisse präsentieren müsse. Damals kontrollierte die FARC die größten Straßen des Landes. Präsident Uribe wollte sie bekämpfen und schickte das Militär dorthin, aber die Guerilleros versteckten sich in ländlichen Regionen. Die Armee musste nachweisen, dass sie mit ihrer Arbeit voran kam. Daraufhin fingen die paramilitärischen Einheiten an, Menschen für die Armee auszuwählen, die später ermordet wurden.

Ist dieser Umstand in Kolumbien bekannt?

Natürlich. Vor zehn Jahren haben wir den ersten Fall der »Falsos positivos« kennengelernt. Nur wird dieser Begriff heute nicht mehr benutzt, sondern lieber der der »militärischen Fehler«. Es gibt ranghohe Militärs, die alles vor Gericht zugegeben haben. Viele behaupten, nur Befehlen gehorcht zu haben.

Sie fordern eine öffentliche Entschuldigung.

Die Armee, der Präsident und das Verteidigungsministerium müssen sich vor der kolumbianischen Gesellschaft entschuldigen. Alle Medaillen, die Soldaten dafür bekommen haben, dass sie Unschuldige umgebracht haben, müssen zurückgenommen werden.

Wäre eine Lösung, dass sich ein ausländisches Gericht mit den Fällen befasst?

Der Internationale Gerichtshof muss die Soldaten und Verantwortlichen für die »Falsos positivos« verurteilen, denn in Kolumbien bleiben sie straflos. Hier werden sie beschützt. Als ehemaliger Oberst kolumbianischer Sicherheitskräfte, der drei Dekaden lang den Krieg erleiden musste, weiß ich, wovon ich spreche. Die Gesellschaft wusste von den Taten, aber sie hat lange geschwiegen. Das ist eine faschistische Mentalität, ein paramilitärisches Denken, das neben der Armee und der Polizei auch die Familien der Täter betrifft.

Omar Eduardo Rojas Bolaños war Oberst der kolumbianischen ­Nationalen Polizei und ist Soziologe. Er musste die Arbeit niederlegen und aus dem Land fliehen, weil er ­Morddrohungen bekam


Lesetip abgeben

Artikel empfehlen:

Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Ähnliche:

Regio:

Mehr aus: Ausland