Aus: Ausgabe vom 13.10.2018, Seite 11 / Feuilleton

Am Ende zerplatzt der Erdball

Akkumulation und Erotik, aber ihr Liebreiz fehlt: Eine Graphic Novel über Rosa Luxemburg

Von Dr. Seltsam
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»Zu loben sind die graphischen Erfindungen«

Erst durch dieses Buch habe ich endlich verstanden, was Rosa Luxemburg in der »Akkumulation des Kapitals« meinte: »Wir sollen glauben, dass der Markt nur deshalb immer größer wird, weil er immer weiter wächst. Doch diese Logik dreht sich im Kreise. Vielleicht nehmen die Kapitalisten sich gegenseitig ihre immer größeren Warenberge ab? In einer Welt, in der es nur noch Kapitalisten und Lohnarbeiter gibt, ist es für die Kapitalisten als Gesamtklasse unmöglich, ihre überschüssigen Waren loszuwerden, den Mehrwert zu Geld zu machen und Kapital zu akkumulieren. Die Lösung ist der Imperialismus. Der Kapitalismus dehnt sich aus, indem er in nichtkapitalistische Märkte vorstößt. Er muss es, anders kann er nicht existieren. Er kann niemals friedlich neben anderen Gesellschaftsformen koexistieren. Er ist ein tobender Tiger, der nicht anders kann, als alle anderen Lebensformen aufzusaugen oder zu zerstören.«

Zur Illustration dieser Thesen spielt die gezeichnete Rosa mit ihrer Katze, und am Ende zerplatzt der Erdball. Das ist wirklich sehr schön gemacht und zeigt die genaue Durchdringung der schwierigen Gedanken der Luxemburg durch die Autorin Kate Evans. Mit großer Lust beschreibt Evans auch die erotischen Eskapaden der Rosa L. Eine historische Wahrheit, wie sie auch von der niederländischen Kommunistin und Dichterin Henriette Roland-Holst beschrieben wurde: »Wer sie in diesen Tagen sah, wie sie hüftenwiegend durch die sonnigen Straßen ging, mit einem Gesicht, das in der Entspannung aufblühte, mit einer Stimme und einem Lachen voll Charme und Übermut, – wer sie so sah, behielt für immer die Erinnerung an ihren außergewöhnlichen Liebreiz.« Leider versäumt es Kate Evans, diesen Liebreiz wiederzugeben, Rosa ist bei ihr eher klein und hässlich und manchmal fast ungeschickt gezeichnet, beinahe eine Karikatur; allerdings kommen die alten Männer des damaligen SPD-Parteivorstands auch nicht besser weg.

Zu loben sind die graphischen Erfindungen, etwa der Krieg, der ihr aus dem Kopf wächst, ein Hinweis auf die bestialischen Migräneanfälle, die sie zeitlebens quälten. Oder auch die mutige Darstellung ihrer in der Kindheit erlittenen Hüftverkrümmung. Man kommt der Person Rosa L. hier zweifellos näher und begreift etwas von ihrer explosiven politischen und charakterlichen Freiheit. Anderes ist wiederum ärgerlich: ihr Freund Lenin als schreiendes Monster, oder ihr Parteifreund August Bebel als intriganter Zensor. Dass der dümmliche Friedrich Ebert Schüler bei ihr in der Parteischule war und die Dialektik nicht begriffen hat, glaubt man hingegen gerne.

Größte Klippe bei allen künstlerischen Befassungen ist das Ende, die Ermordung der Rosa Luxemburg. Das hat Kate Evans gut gelöst, vom Grabstein geht es über zu weltweiten solidarischen Protestdemos, auf denen junge Frauen sich mit Rosas Büchern gegen prügelnde Polizei wehren. Gegenwartsbezüge fehlen weitgehend, so mag es gerechtfertigt sein, die Gestalt der Chefin der Linksfraktion nicht zu behandeln, über die der alte Lothar Bisky spottete: »Jetzt fängt Sahra Wagenknecht schon an zu humpeln, um Rosa Luxemburg ähnlich zu sein.«

Kate Evans: Rosa. Die Graphic Novel über Rosa Luxemburg. Karl-Dietz-Verlag, Berlin 2018, übersetzt von Jan Ole Arps, 180 Seiten Schwarzweißzeichnungen, plus 48 Seiten Anmerkungen und Zitate, 20 Euro

Original: »Red Rosa. A Graphic Novel of Rosa Luxemburg«. Verso-Verlag New York 2015, mit Hilfe des Büros der Rosa-Luxemburg-Stiftung in New York


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