Aus: Ausgabe vom 13.10.2018, Seite 7 / Ausland

Aber wohin und wer?

Syrien: Abkommen zu Pufferzone in Idlib weitgehend eingehalten. Einige Kampfverbände bauen aber Stützpunkte aus

Von Karin Leukefeld
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Die Stadt Ariha in der Provinz Idlib, Syrien (Ende September 2018)

Nach Angaben Ankaras und Moskaus wird die Vereinbarung über eine Pufferzone zwischen Kampfverbänden in Idlib und der syrischen Armee weitgehend eingehalten. Bis zum 15. Oktober sollen laut dem türkisch-russischen Abkommen die Kämpfer ihre schweren Waffen von dort abziehen. Der russische Außenminister Sergej Lawrow sagte am Donnerstag, der Abzug könne ein, zwei Tage länger dauern. Aus russischer Sicht sei das kein Problem, solange er vollzogen werde.

Türkische Medien bestätigten bereits vor einer Woche, dass Raketenabschussrampen, Mittelstreckenraketen, Raketenwerfer, Mörser und andere schwere Geräte zurückgezogen worden seien. Unklar ist allerdings, wohin das Kriegsgerät abtransportiert worden sei und wer es kontrolliere.

Die türkische Armee ist am vergangenen Wochenende selber mit Panzern und schweren Fahrzeugen in die Provinz Idlib vorgerückt, angeblich um die Pufferzone abzusichern. Das Parlament hatte am Dienstag eine Anordnung genehmigt, wonach türkische Truppen – zur Absicherung der nationalen Sicherheit – in Syrien und im Irak ein weiteres Jahr operieren dürfen.

Die französische Nachrichtenagentur AFP hatte am Montag berichtet, dass einige Kampfverbände ihre militärischen Stützpunkte und Tunnelanlagen in dem Gebiet der Pufferzone aber verstärkt hätten. Sie hätten die Anordnung »zu bleiben«, wird »Abu Walid«, ein Kommandant der Nationalen Befreiungsfront (NFL) zitiert. Auch aus Kreisen der Al-Qaida nahen »Haiat Tahrir Al-Scham« (HTS), zu deutsch Allianz zur Eroberung von Syrien, vormals Nusra-Front, heißt es laut AFP, man bereite sich auf den Angriff vor.

Die syrische Tageszeitung Al-Watan berichtete am Donnerstag, dass verschiedene, als terroristisch gelistete Gruppen die Pufferzone nicht freigeben wollten. Genannt werden neben HTS die Islamische Turkestan-Partei und Haras Al-Din (Wächter der Religion), die alle mit Al-Qaida verbunden sind. Als Grund für ihre Weigerung gaben »Quellen, die den bewaffneten Gruppen nahestehen«, gegenüber Al-Watan an, die genannten Gruppen hätten von der Türkei keine ausreichenden Sicherheitsgarantien erhalten. Das gelte insbesondere für die ausländischen Söldner in ihren Reihen, da deren Herkunftsländer sich weigerten, die Kämpfer wieder aufzunehmen.

Der französische Außenminister Jean-Yves Le Drian hatte bereits im September gegenüber dem französischen Fernsehsender BFM TV gewarnt, im Falle einer militärischen Operation der syrischen Streitkräfte in Idlib könnten die Kämpfer »sich in alle Richtungen verstreuen« und stellten ein großes »Sicherheitsrisiko für Europa« dar. »Rund ein Dutzend« französischer Dschihadisten würde dann eventuell nach Frankreich zurückkehren.

Die Konflikte zwischen den verschiedenen Kampfverbänden in Idlib sind allerdings nicht beendet. Mehr als 200 Kommandanten sind Berichten zufolge seit Anfang des Jahres dem blutigen Konkurrenzkampf zum Opfer gefallen. Dabei geht es um die Kontrolle von Verbindungsstraßen, Waffen, Hilfsgütern und Geld. Auch wenn Kampfverbände sich entscheiden, ihre Waffen abzugeben, und einen Ausgleich mit der syrischen Regierung suchen, kann das zu blutigen Ausein­andersetzungen führen. Kämpfer und auch Personen des öffentlichen Lebens, die für ein Abkommen mit Damaskus eintreten, werden bedroht, entführt, festgenommen oder hingerichtet.

Schauplatz eines internen Kampfes war am vergangenen Dienstag der Ort Latamne, der nur wenige Kilometer von der Stadt Maharda (Provinz Hama) entfernt liegt. Das »Russische Zentrum für die Versöhnung der verfeindeten Seiten in Syrien«, das den Rückzug der Kampfverbände in Idlib beobachtet, berichtete, dass Dschihadisten des »Islamischen Staates« (IS) die HTS bei Latamne angegriffen hätten. Zwei Angehörige der »Weißhelme« und vier Kämpfer seien getötet worden. Der »IS« habe zwei Fässer mit Chlor erbeutet.

Belegt wurde dies durch Aufnahmen, die von russischen Überwachungsdrohnen bzw. Aufklärungsflugzeugen aufgenommen worden waren und die vom Verteidigungsministerium verbreitet wurden. Die gestohlenen Chlorfässer sollen sich nun in einem Gebiet südwestlich von Aleppo in den Händen der Dschihadistengruppe Haras Al-Din befinden.


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