Aus: Ausgabe vom 13.10.2018, Seite 6 / Ausland

Missgestimmt, aber gelassen

Russland kritisiert geplantes NATO-Großmanöver »Trident Juncture« in Skandinavien. Neben Bundesrepublik nimmt auch Ukraine an der Übung teil

Von Reinhard Lauterbach
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NATO-Großmanöver »Trdient Juncture«: Ein Schützenpanzer »Marder« im Hafen von Fredrikstad in Norwegen am Donnerstag

In Norwegen ist der Aufmarsch der NATO für das am 23. Oktober beginnende Großmanöver »Trident Juncture«, zu deutsch etwa Treffpunkt des Dreizacks, in vollem Gang. Insgesamt sollen gut 50.000 NATO-Soldaten an der aktiv bis zum 7. November dauernden Übung teilnehmen, darunter 10.000 von der Bundeswehr. 16 »Leopard 2«-Panzer waren in Emden auf ein Transportschiff verladen worden und rollten in dieser Woche im südnorwegischen Fredrikstad an Land. Die USA haben kurzfristig ihr Engagement noch erhöht, indem sie den Flugzeugträger »Harry S. Truman« und seine Begleitschiffe aus dem Mittelmeer abzogen und in den Nordatlantik kommandierten. Mit Georgien und der Ukraine sind auch mehrere nicht der NATO angehörende Exsowjetrepubliken an dem Manöver beteiligt, selbst Australien schickt ein paar Militärs.

Das Manöverszenario richtet sich nach Angaben der NATO gegen niemanden konkret, insbesondere nicht gegen Russland – obwohl in Norwegens hohem Norden die »Verteidigung« gegen einen Überraschungsangriff geübt wird, der dann irgendwo in der Mitte des Landes gestoppt und anschließend im Rahmen der Bündnisverteidigung nach Artikel 5 des NATO-Vertrags zurückgeschlagen werden soll. Neu ist im übrigen, dass Teile des Manövers im schwedischen und finnischen Luftraum stattfinden. Kommentar eines NATO-Sprechers: Es werde eine Mindestentfernung von 500 Kilometern zur russischen Grenze eingehalten. Zwei russische Beobachter sollen »alle zugänglichen Teile der Übung« beobachten dürfen.

Russland hat das bevorstehende Manöver kritisiert. Dadurch werde die Lage im Norden Europas destabilisiert, und die russisch-norwegischen Beziehungen würden belastet. Besondere Sorge bereitet Moskau offenbar die schrittweise Einbeziehung der offiziell neutralen Länder Schweden und Finnland in die Militärübungen der NATO. Sie ist schon seit einigen Jahren im Gang. Russland kündigte »diplomatische und militärische Gegenmaßnahmen« an, ohne ins Detail zu gehen.

Ein Militär aus der zweiten Reihe – der stellvertretende Kommandant der russischen Generalstabsakademie, General Sergej Tschwarkow – äußerte die Vermutung, das eigentliche Manöverszenario sei die Kontrolle über die Küstenregion des Nordpolarmeers, um Russland an der Erschließung der arktischen Rohstoffvorkommen auf dem Kontinentalschelf zu hindern. Diese werden als Folge des Klimawandels in wachsendem Maße zugänglich, und beide Anrainerstaaten erheben Anspruch darauf.

Russland ist derzeit nach dem Urteil von NATO-Militärs auf Kämpfe im hohen Norden erheblich besser vorbereitet als das westliche Bündnis. Seit einigen Jahren werden alte Militärbasen aus der Zeit des Kalten Krieges entlang der Nordküste Sibiriens reaktiviert. Die riesigen Halden von Militärschrott auf den vorgelagerten Inseln werden im Rahmen des Möglichen gesichert und entsorgt, ob das auch mit dem dort lagernden Atommüll gelingt, kann bezweifelt werden.

So ließe sich erklären, dass Russland trotz aller Missstimmung betont gelassen auf »Trident Juncture« reagiert. Die Medien machen sich darüber lustig, dass die Niederlande ihr Kontingent ohne Winteruniformen in den skandinavischen Herbst geschickt haben und die Soldaten jetzt in norwegischen Geschäften warme Unterwäsche kaufen müssen. Beim russischen Publikum soll die mediale Ausschlachtung der Geschichte offensichtlich die Erinnerung daran wecken, wie die deutsche Wehrmacht 1941 vom russischen Winter überrascht wurde.

Räumlich weit entfernt vom norwegischen Manövergelände, bewährt sich unterdessen die Ukraine als Partner der NATO. Wie die russische Regierungszeitung Rossijskaja Gaseta in diesen Tagen meldete, testen US-amerikanische und israelische Militärs dort anhand der ukrainischen Waffensysteme vom Typ »S-300«, die auch von Russland an Syrien geliefert wurden, ob ihre Flugzeuge die Abwehr überwinden könnten. Offiziell zumindest heißt es, für die US-Tarnkappenbomber vom Typ »F-35«, die auch Israel besitzt, seien die »S-300« »kein Problem«.


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