Aus: Ausgabe vom 21.09.2018, Seite 10 / Feuilleton

Irrungen, Wirrungen

Von Eike Stedefeldt
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Das ehemalige Diakonissen-Krankenhaus und heutige Künstlerhaus Bethanien in Berlin-Kreuzberg

Zuerst die schlechte Nachricht: Sie haben heute vor 50 Jahren, am 21. September 1968, Hans-Werner Klünners Führung zu Theodor Fontanes 17 Berliner Wohnadressen verpasst, von denen allerdings, dies zum Troste, bereits damals nur noch ein Haus stand.

Und nun die gute: Der 1928 in Kreuzberg geborene Schriftsetzer und Autor historischer Berlin-Bücher, später von Beruf Bauhaus-Archivar, annoncierte auch seine zweite Exkursion am 28. September 1969 als Archivchef der »Landesgeschichtlichen Vereinigung der Mark Brandenburg e. V., gegr. 1884«, der honoris causa schon Fontane angehört hatte. Die überließ 1977 den in der DDR verlegten Fontane-Blättern Klünners parallel verfassten Aufsatz, aus dem sich anlässlich Fontanes Ableben gestern vor 120 Jahren verlässlich zitieren lässt.

In Kreuzberg, Mariannenplatz 1, erhebt sich in Gestalt der Diakonissenanstalt Bethanien jenes einzig erhaltene Haus. Auf Offerte des Pastors Schulz trat der 28jährige dort im Juni 1848 eine Apothekerstelle an und unterwies zwei Diakonissen in der Pharmazie. »Am 30. September 1849 endete Fontanes Tätigkeit in Bethanien«, so Klünner, der als Vermieter den Chirurgen Robert Wilms ermittelte. »Er hatte von dessen Wohnung im Parterre des links vom Hauptgebäude liegenden Ärztewohnhauses zwei Zimmer inne.«

Sie waren nicht sein erstes Quartier im späteren Kreuzberg. Als Geselle seit Herbst 1840 in Burg bei Magdeburg tätig, trieb ihn Langeweile am 30. Dezember 1840 zurück nach Berlin, wo er am 3. Januar 1841 an Typhus erkrankte. Sieben Wochen »verbrachte er im Zimmer seines Freundes Fritz Esselbach, der als ›Chambregarnie‹ in der Alten Jakobstraße wohnte. Da der Name von Esselbachs Wirtin nicht überliefert ist, ist eine exakte Hausangabe nicht möglich. Diesem Freund, dem er mit seiner Erkrankung große Ungelegenheiten bereitet hatte, widmete Fontane in seinen Erinnerungen einige Seiten und entriss ihn so der Vergessenheit.«

Dass er nicht irgendein Freund war, entriss auch Klünner ungern dem Vergessen. Fontane im Mai 1898: »Meine Bekanntschaft mit ihm – Fritz Esselbach – datierte schon von der Schule her und hatte sich so plötzlich und beinah so leidenschaftlich eingeleitet, wie sonst nur eine Liebe, nicht aber eine Freundschaft zu beginnen pflegt.« Und zwar auf der Rückreise von einem märkischen Gut. »Gleich nach Mitternacht kamen wir in Oranienburg an, in dessen Passagierstube mir ein schlank aufgeschossener junger Mann von etwa fünfzehn Jahren auffiel«, schwärmt noch der 78jährige. »Ich wurde sofort von einem Gefühl stärkster Zuneigung erfasst und sagte mir: ›Ja, so möchtest du sein! Ja, wenn du solchen Freund je haben könntest!‹« Mit »Staunen und Entzücken« fand er ihn am nächsten Morgen in seiner Schulklasse vor. Keiner weiß, ob es mit dem Freunde »von sehr mäßigen Anlagen, aber von einem ganz ausgezeichneten Charakter, fein, vornehm, treu, gütig«, zu – wie Fontane es am 5. Dezember 1884 gegenüber Georg Friedlaender umschrieb – »sexuellen Uncorrektheiten« kam. Doch weht uns aus diesen Zeilen das Echo eines erotischen Impulses an, so heftig, dass Fontane noch 47 glückliche Ehejahre später den stillschweigenden Verrat an ihm verweigerte.

Am 16. Oktober 1850 hatte er Emilie Rouanet, Adoptivkind des Kommerzienrats Kummer, sein Ja gegeben. Zwei Monate zuvor war er dank des Freundes Wilhelm von Merckel dem brotlosen ersten Jahr als freier Autor im kargen Logis an der Luisenstraße (nun Berlin-Mitte) entkommen. Der Kammergerichtsrat hatte ihn als Lektor ins Literarische Kabinett beim preußischen Innenminister berufen. 40 Taler im Monat erlaubten eine Vierzimmerwohnung zur Miete. Sie sei »reizend, das tägliche Brot erscheint, gut zubereitet, als ›Gemüse und Fleisch‹ auf dem zweigedeckten Tisch, die Betten (nichts Unerhebliches im Ehestande, wie Sie wohl gehört haben werden) sind mit Hülfe von Matratzen und Sprungfedern so bequem wie möglich, an Ruhe fehlt es nicht und an Arbeit auch nicht (dieser letztere Satz bezieht sich auf mein Leben im allgemeinen und nicht etwa auf die Betten)«, bekam am 1. November sein Freund Friedrich Witte zu lesen. Ein Bett auf Kreuzberger Terrain: im 1847 vom Holzhändler Krüger erbauten Hause Puttkamerstraße 6, eine Treppe. Die Straße selbst gab es seit 1845.

Drei Monate, dann »überraschte mich die Silvestergabe, daß das Kabinett aufgelöst und der Literat Th. Fontane an die Luft gesetzt sei«, teilte derselbe am 7. Januar 1851 dem Freunde Bernhard von Lepel mit und schon am 3. Januar dem Journalisten Wilhelm Wolfsohn: »Daß meine augenblickliche Lage eine harte und freudlose ist, wirst Du begreifen; mit mir ging’s wohl – aber die Tränen meiner Frau!«

Fontanes Honorare waren mager. Die zu Ostern abgeteilte Schülerpension trug auch mehr Ärger mit den Bengels ein als Geld. Nach der Geburt des ersten Kindes, George, am 14. August 1851, zog man Ende September als Familie wieder in die Luisenstraße. Die besten Jahre sollten noch kommen – in Kreuzberg.


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