Aus: Ausgabe vom 20.09.2018, Seite 10 / Feuilleton

Digitales Crack. Teil 1

Von Thomas Wagner
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Das Lehrpersonal konkurriert heute im Klassenzimmer mit Facebook, Twitter, Youtube und Instagram um die Aufmerksamkeit der Schüler.

Gehören Smartphones in die Schule? Über diese Frage ist hierzulande eine heftige Debatte entbrannt, nachdem bekannt geworden war, dass in französischen Klassenzimmern die Nutzung von Mobiltelefonen seit diesem Schuljahr untersagt ist. In einem Leitartikel des Spiegel (Nr. 34/18.8.2018) spricht sich Miriam Olbrisch dagegen aus, es den Franzosen nachzutun: »Abgelenkte und gelangweilte Schüler hat es immer gegeben. Die Lösung sollte nicht in hermetischer Abriegelung der Kinder bestehen – sondern in spannendem, mitreißendem Unterricht.«

Gegen letzteren ist selbstverständlich nichts einzuwenden. Ganz im Gegenteil. Dennoch überrascht, wie wenig sich die Autorin auf die Argumente der Smartphone-Gegner einlässt. Denn eines ist klar: Die Geräte sind nicht als Hilfsmittel für den Unterricht entworfen worden, sondern zur Ablenkung, Unterhaltung und der permanenten Kommunikation mit nicht Anwesenden. Das Ziel der Unternehmen, die die am meisten gebrauchten Anwendungen auf den Geräten zur Verfügung stellen, besteht ja gerade darin, die Nutzer so lange wie möglich an den Bildschirm zu fesseln. Denn nur so lassen sich die Daten gewinnen, mit denen das Werbegeschäft vorangetrieben wird.

Das Lehrpersonal konkurriert heute im Klassenzimmer mit Facebook, Twitter, Youtube und Instagram um die Aufmerksamkeit der Schüler. Die »sozialen Netzwerke«, zugleich gigantische Werbeplattformen, wirken deshalb so anziehend, weil sich ihre Entwickler bestimmte Funktionen des menschlichen Gehirns zu Nutze machen. Das Bedürfnis nach Anerkennung und Resonanz, die Neugier, der Wunsch nach Zugehörigkeit werden so geschickt in den Bedienfunktionen berücksichtigt, dass grundlegende Elemente des Motivations- und Belohnungssystems angesprochen werden. »Likes und vielfaches Weiterteilen, die unmittelbaren Reaktionen auf Posts bedienen dieses System«, kritisiert Frank Rieger in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (FAS, 19.8.2018): »Weil ständig irgendwas Neues gepostet wird, wird unsere Neugier befriedigt, und wer Teil einer Konversation ist, fühlt sich zugehörig und nicht allein. Nicht umsonst sprechen Forscher, die diese Zusammenhänge außerhalb der Konzerne erforschen, seit geraumer Zeit vom ›Digital Crack‹.«

Im Silicon Valley wollen viele Softwareentwickler und Techunternehmer ihren eigenen Nachwuchs davor bewahren, smartphonesüchtig zu werden. Sie schicken ihre Kinder in Kitas und Grundschulen, in denen die Nutzung entsprechender Geräte untersagt ist. Rieger, der als Sprecher des Chaos Computer Clubs (CCC) beileibe kein Maschinenstürmer ist, hat Sympathien für die Forderung nach einer Smartphoneächtung im Klassenzimmer. Das bisherige Bild der Digitalisierung an deutschen Schulen sei ein Trauerspiel, der Verbotsgedanke eine verständliche Notbremsaktion. Rieger meint: »Über kurz oder lang werden die Schulen wohl kleine Schließfächer mit Ladekabel benötigen, in die die Hosentaschenaufmerksamkeitsvampire während der Stunde eingesperrt werden.«

Der Internetaktivist und Technikpublizist schlägt vor, auf eine Digitalisierung des Unterrichts zwar nicht zu verzichten, »die dafür nötigen Apps und Konzepte« nicht von kommerziellen Anbietern zu übernehmen, sondern »in kundiger öffentlicher Regie als freie Software zu entwickeln, begleitet von entsprechender Forschung und Evaluierung.« Das klingt vernünftig, verlangt von der Politik aber die Bereitschaft, wesentlich mehr Geldmittel und Gehirnschmalz für die Digitalisierung zu verwenden, als sie es bislang tut.


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