Aus: Ausgabe vom 18.09.2018, Seite 11 / Feuilleton

Stücke der Stunde

Was bringt die neue Theaterspielzeit in Berlin, Hamburg und Wien? Ein Ausblick

Von Jakob Hayner, Erik Zielke
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»Übergangsstadium«: Volksbühne mit Grube fürs »Räuberrad« (Foto vom Montag)

Geht man dieser Tage über den Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin-Mitte, sieht man den wuchtigen Bau der Volksbühne mit neuen Bannern in kräftigem Rot versehen. »Wir befinden uns in einem Übergangsstadium«, ist auf einem zu lesen. Das sagte Erwin Piscator 1926. Für die Gegenwart treffen diese Worte aber ebenso zu.

Seit zehn Jahren wird die kapitalistische Weltökonomie von einer schweren Krise erschüttert, die Risse sind inzwischen auch im Überbau deutlich sichtbar. Ob finstere Zeiten anbrechen oder die Menschheit sich doch einmal zusammenrauft, ist unklar.

Die Volksbühne steckt auch im ganz unmetaphorischen Sinne in einem Übergangsstadium. Nach dem Scheitern des Museumskurators Chris Dercon hat Klaus Dörr die Intendanz inne. In den letzten Jahren hat sich gezeigt, wie viele Menschen ein Interesse an diesem Theater als einer politischen Bühne haben, dem wird Dörrs Nachfolger gerecht werden müssen. In der angebrochenen Spielzeit wird nach dem Dercon-Desaster nur langsam der Theaterbetrieb wiederaufgenommen, neben Gastspielen wird Leander Haußmann ein Stück mit dem Titel »Haußmanns Staatssicherheitstheater« inszenieren. Uraufführung ist am 14. Dezember.

Um Zeiten des Übergangs geht es auch an der Schaubühne am Lehniner Platz. Vor fast zwei Jahren schon wählte Thomas Ostermeier mit Arthur Schnitzlers »Professor Bernhardi« ein Stück über das erfolgreiche Aufkommen reaktionärer Bewegungen, nun wird er Ödön von Horváths »Italienische Nacht« inszenieren. 1931 fertigstellt und am Theater am Schiffbauerdamm uraufgeführt, zeigt dieses Stück eine Sozialdemokratie, die gegenüber der politischen Realität völlig blind ist und sich im Status quo bequem eingerichtet hat – ohne zu sehen, dass dieser längst aufgekündigt ist. Protagonist Martin setzt auf die direkte Konfrontation mit den erstarkenden Faschisten und wird daraufhin ausgeschlossen. Die Konsequenzen sind tragisch. Gespielt wird Martin von Sebastian Schwarz, der kürzlich aus der SPD ausgetreten ist und nun die linke Sammlungsbewegung »Aufstehen« unterstützt. Eine Besetzung, die zur Wirklichkeit passt. Premiere ist am 23. November.

Am Berliner Ensemble nimmt sich Michael Thalheimer Heiner Müllers »Macbeth« an, eines Stücks, in dem die Gewalt kein Ende findet. »Mein Tod wird eure Welt nicht besser machen«, ruft Macbeth am Ende aus. Und so geht es immer weiter. Fatalismus angesichts einer als nicht mehr veränderbar wahrgenommenen Welt? Pure Ausweglosigkeit der Macht? Bei der Premiere am 29. November kann man sich selbst überzeugen. Im Januar 2019 folgt dann im gleichen Haus Frank Castorf mit »Galileo Galilei« von und nach Brecht mit Musik von Hanns Eisler. Die Hauptrolle soll Jürgen Holtz spielen. Wie der Fortschritt trotz widrigster Bedingungen in die Welt gelangt, fragt das Stück, aber auch, welche Form er in den feindlichen Verhältnissen überhaupt annehmen kann – Fragen, die nicht erledigt sind. Dass Castorf sich nicht allein auf das Stück konzentrieren wird, ist mit der Formel »von und nach Brecht« angekündigt.

Ein weiteres der großen epischen Dramen von Brecht wird mit »Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui« am Schauspiel Hannover zu sehen sein. In der Historienfarce wird Hitlers sogenannte Machtergreifung parabelhaft anhand des Aufstiegs eines Chicagoer Kriminellen dargestellt. Dass das Stück in der Regie von Claudia Bauer mehr verspricht als Vergangenheitsbewältigung zum Selbstzweck, wird in der Ankündigung des Theaters deutlich: »Die ›große historische Gangsterschau‹ ist allerdings weit mehr als die literarische Verarbeitung eines schrecklichen Einzelfalls. Sie zeigt, dass Faschismus immer und überall auftreten kann – und dass er aufzuhalten ist.« Premiere ist am 17. Januar.

Am 2. November wird das Regieduo Elsa-Sophie Jach und Thomas Köck dessen Stück »Dritte Republik« am Hamburger Thalia-Theater uraufführen. Köck, in diesem Jahr mit dem Mülheimer Dramatikerpreis ausgezeichnet, ist eine der interessantesten jungen Stimmen am Theater. Für diese Inszenierung wirft der Autor einen Blick zurück auf das Hamburg von 1918, das erschüttert ist durch die Ausrufung der Republik, und wagt gleichsam einen düsteren Blick in die Zukunft: auf ein Europa des unaufhaltsam gewordenen Neoliberalismus.

In Wien, wo das Theater den bürgerlichen Anspruch noch am selbstbewusstesten nach außen trägt, darf man gespannt sein auf Max Frischs »Biedermann und die Brandstifter«. Die Aufführung des »Lehrstücks ohne Lehre«, wie es im Untertitel heißt, wird am 1. Februar am Volkstheater von Regisseur Viktor Bodó zur Premiere gebracht, einem Wechselgänger zwischen den Theaterkulturen in Ungarn und im deutschsprachigen Raum. Aktuelle Eindrücke aus beiden Regionen dürften vor Augen führen, dass es sich bei Frischs Drama um eines der Stücke der Stunde handelt: Zur Zeit wird vielerorts wieder gezündelt, vielleicht auch demnächst in Ihrem Theater.


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