Aus: Ausgabe vom 13.09.2018, Seite 10 / Feuilleton

Entschluss des jungen Paters

Rolf Hochhuths Stück »Der Stellvertreter« über den Pakt des Vatikans mit den Nazis ist in Berlin zurück auf der Bühne

Von F.-B. Habel
1536315081_img_3962.jpg
»Ach so biedere deutsche Täter« (Ensemble-Szene)

Die Uraufführung am Kurfürstendamm in Westberlin war 1963 einer der letzten Erfolge Erwin Piscators. Aus dem US-amerikanischen Exil gedrängt, verhalf der Theaterrevolutionär Rolf Hochhuths Dokumentardrama »Der Stellvertreter« zu gebührender Beachtung. Verbriefte Erkenntnisse über das unheilige Konkordat des Heiligen Stuhls mit Nazideutschland sind die Grundlage dieses Stückes, dessen Figuren an historische Vorbilder angelehnt sind. Es wurde zum Welterfolg, vielerorts heiß diskutiert, der Autor gefeiert und verteufelt. »Denunziationsdramatik mit moralischem Feuer« war noch das mildeste, was sich Hochhuth vom Westberliner Kritikerpapst Friedrich Luft sagen lassen musste. DDR-Premiere hatte das Stück 1965 im Volkstheater Rostock. Es nahm seinen Weg durch 25 Länder und wurde 2002 von Costa-Gavras verfilmt.

Hochhuths Stück ist ein umfangreiches Textkonvolut, aus dem Piscator seinerzeit eine eigene Spielfassung herstellte. Nun hat Philip Tiedemann, der das Stück vor einigen Jahren im Berliner Ensemble inszeniert hatte, für die erste Premiere der neuen Spielzeit im Schlosspark-Theater Berlin-Steglitz eine mit zwei Stunden recht kurze Fassung erarbeitet. Sie endet mit einem Entschluss des jungen Paters Fontana: Zurechtgewiesen von Papst Pius XII., geht er mit den Verfolgten. Gestrichen wurde der fünfte Akt mit einem zynischen KZ-Arzt (den Namen Mengele durfte Hochhuth bei der Uraufführung nicht verwenden). Auch so lässt sich die Explosivkraft des Stückes nachvollziehen, besonders bei Schattenspielszenen mit Kernaussagen ach so biederer deutscher Täter.

Zentral ist die literarische Figur des Paters Riccardo Fontana aus dem Umfeld des Papstes. Sie vereint in sich Züge zweier katholischer Antifaschisten, des Paters Maximilian Kolbe und des Prälaten Bernhard Lichtenberg. Fontana lernt 1942 beim päpstlichen Nuntius in Berlin den SS-Mann Gers tein (eine historische Figur) kennen, der von Nazigreueltaten zur Vernichtung der Juden und anderer Gegner berichtet und den Vatikan aufrütteln will. Fontana will Papst Pius davon unterrichten und zum Einschreiten bewegen, stößt in Rom beim Stellvertreter Gottes allerdings auf taube Ohren. Letztlich fürchtet die Amtskirche um ihren auch von der deutschen Industrie gemehrten Reichtum und möchte auf keinen Fall, dass Europa unter sowjetischen Einfluss gerät.

Regisseur Tiedemann lässt in einem funktionellen Bühnenbild von Stephan von Wedel spielen. Erstklassige Darsteller überzeugen zumeist gleich in mehreren Rollen. Tilmar Kuhn etwa in der des Paters, Joachim Bliese besonders als dessen Vater Graf Fontana, der sich im Konflikt zwischen Heiligem Stuhl und seinem Sohn schließlich für dessen Seite entscheidet. Weinselig überdeckt Martin Seifert als Kardinal seine Borniertheit und Gefährlichkeit, wirkt auch in komischen Momenten nie überzogen. Georg Preuße verleiht dem Papst in der großen Schlüsselszene eine feine Charakterisierung. Ein Abend voller Brillanz und Schärfe. Mit dem Ensemble konnte Autor Rolf Hochhuth am vergangenen Sonnabend die Ovationen des Premierenpublikums entgegennehmen.

Nächste Vorstellungen: 1. bis 6. Oktober, jeweils 20 Uhr; 7. Oktober, 16 Uhr

Das junge Welt-Sommerabo

Lesen Sie drei Monate die gedruckte Ausgabe der Tageszeitung junge Welt! Das Abo kostet 62 Euro statt 115,20 Euro und endet automatisch, muss also nicht abbestellt werden. Dazu erhalten Sie das Buch »Marx to go« aus dem Verlag Neues Leben. Dieses Angebot ist nur bestellbar bis 24. September 2018.


Lesetip abgeben

Artikel empfehlen:

Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Regio:

Mehr aus: Feuilleton