Aus: Ausgabe vom 11.09.2018, Seite 11 / Feuilleton

Was ist Gegenkultur?

Ein Gespräch unter Künstlern auf dem UZ-Pressefest

Von Jens Walter
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Die praktische Antwort: Konzert auf dem UZ-Pressefest 2018

Am Ende gab’s Musik. Nirit Sommerfeld spielte mit ihrem Orchester Shlomo Geistreich, danach trat Diego Castro von der Berliner Garagenrockband Black Heino – den gemäß Eigenbezeichnung »Sitzenbleibern der Hamburger Schule« – solo auf. Das Konzert der so unterschiedlichen Künstler am Sonnabend im restlos gefüllten Zelt der jungen Welt auf dem UZ-Pressefest im Dortmunder Revierpark Wischlingen gab womöglich die praktische Antwort auf die Frage, die zuvor am gleichen Ort bei einem Podiumsgespräch eher theoretisch erörtert worden war: Was ist Gegenkultur?

Sommerfeld sagte, Gegenkultur bedeute vor allem, jenen eine Stimme zu geben, die ansonsten nicht gehört würden. Das Credo laute: »Pass the mic!« Gib ihnen das Mikrophon. Die Schauspielerin und Regisseurin Anja Panse stimmte zu und verwies zugleich auf eine Sentenz von Rosa Luxemburg: »Immer das laut zu sagen, was ist.« Aber genau das finde nicht statt. »Am gegenwärtigen Theater gibt es kein aufgeklärtes Handeln. Da sagt keiner laut, was ist.« Ähnlich schätzte der Wiener Fotograf Robert Newald, Dozent an einer Fachhochschule, die Lage unter Studenten ein: »Die trauen sich nicht«, hätten Angst um ihre Karriere, wüssten nichts. Dabei sei es für einen Begriff von Gegenkultur enorm wichtig, die Geschichte des Widerstands zu erzählen und über die Mechanismen der Gegenwart aufzuklären. Und auch Castro entdeckte Unwissenheit und Verblödung allerorten. »Die Leute tragen Joy-Division-T-Shirts und wissen nicht, was das bedeutet.« Keine Gegenkultur ohne eine verbindliche Kultur als deren Gegensatz, die unter den Bedingungen eines vereinzelnden Neoliberalismus immer wieder in der Lage sei, den Protest gegen gesellschaftliche Zustände zu vereinnahmen und zu verdauen. »Die Kulturindustrie bietet auf alle Fragen Antworten.« Man solle aber bloß nicht glauben, mit den Standards dieser Industrie konkurrieren zu können, oder, wie in den 90er Jahren, der Illusion erliegen, den Mainstream infiltrieren zu können.

»Gegen die herrschende Kultur haben sich immer wieder Gegenbewegungen formiert. Angefangen bei den Wandervögeln über die Swing-Jugend zu den Hippies und den Punks«, sagte Castro. Die Moderatorin Susann Witt-Stahl, Chefredakteurin der Zeitschrift Melodie & Rhythmus, gab zu bedenken, dass inzwischen die neurechte »Identitäre Bewegung« ebenfalls mit dem Begriff der Gegenkultur hausieren gehe. Es komme jedenfalls darauf an, gab sich Castro am Ende des Gesprächs überzeugt, andere Formen »zurückzuentdecken«, solche, die es früher einmal gab. Ob das ein Stichwort war für Anja Panse? Die Schauspielerin mahnte: »Wir dürfen uns nicht die Kultur wegnehmen lassen«, und fand, es sei eine gute Idee, Volksliederabende zu organisieren. Das Volkslied als Gegenkultur? Niemand widersprach.


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