Aus: Ausgabe vom 11.09.2018, Seite 10 / Feuilleton

Man ist unter sich

Bei der Uraufführung 1889 ein Skandal – und heute? Das Deutsche Theater Berlin inszeniert Gerhard Hauptmanns »Vor Sonnenaufgang«

Von Jakob Hayner
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Die körperlich arbeitenden Menschen sind aus dem nahen Umfeld verschwunden – die schuften am anderen Ende der Welt

Zwei alte Studienfreunde begegnen sich wieder – und merken, wie sehr sie sich verändert haben. Und mit ihnen die Welt. Da ist Alfred Loth, ein linker Journalist. Und Thomas Hoffmann, Geschäftsmann und engagiert für eine rechte Partei. Wenig verwunderlich, dass die beiden seit den zunächst nostalgisch erinnerten Tagen in der gemeinsamen Studentenbude dann doch eine gewisse Entfremdung voneinander feststellen. Doch wer ist sich hier selbst treu geblieben? Loth mit seinen abstrakten Idealen? Oder Hoffmann als konsequenter Macher? Was verändert sich eigentlich, der Einzelmensch oder die Umstände? Ist schon immer vorbestimmt, was man wird? Oder entwirft man selbst seine eigene Zukunft?

Diese Fragen stehen im Zentrum von »Vor Sonnenaufgang«, das nun am Deutschen Theater in Berlin Premiere feierte. Jette Steckel hat die Regie geführt und dafür auf die von Ewald Palmetshofer angefertigte Bearbeitung von Gerhardt Hauptmanns Stück zurückgegriffen.

»Vor Sonnenaufgang« löste bei der Berliner Uraufführung im Jahre 1889 einen veritablen Skandal aus und war der Durchbruch des Naturalismus im Theater. Inspiriert von dem großen Bergarbeiterstreik im Ruhrgebiet, der Sozialistenverfolgung und populärwissenschaftlicher Literatur über die Schäden des Alkoholismus, sah man Gestalten auf der Bühne, die man im bürgerlichen Theater partout nicht sehen wollte: arbeitende Menschen, die breiten Dialekt sprechen und keineswegs nach den Moralvorstellungen des Bürgertums handelten. Und man sah ein Bürgertum, das selbst auch nur zum Schein nach diesen Moralvorstellungen lebt. Hinter der Fassade ging es dort nämlich damals schon recht schäbig zu.

Palmetshofer erhält gewissermaßen nur die Figurenkonstellation. Ansonsten wird alles in die Gegenwart versetzt, das Bürgertum hat nun E-Mail, frühstückt Avocado, und die Volkskrankheit Alkoholismus ist zum Teil durch die der Depression ersetzt. Die körperlich arbeitenden Menschen sind aus dem nahen Umfeld verschwunden, die schuften am anderen Ende der Welt, man ist jetzt unter sich. Die Bühne setzt das ins Bild: eine sich drehende Scheibe mit Fischgrätenparkett. Auf diesem Boden der alten und neuen Biedermeierbürgerlichkeit spielt sich nun das ganze Drama ab.

Ein Stück über das neoliberale »Phantasma der Machbarkeit« habe er schreiben wollen, sagt Palmetshofer. Den Fokus legt er dabei vor allem auf die kaputte Familie der Mittelschicht, mehr auf Psychologie als auf Politik. Die abgehalfterten Schwiegereltern, die den Mangel an erfahrenem Sinn mit Alkohol zu kompensieren trachten, Hoffmanns Frau Martha, depressiv und schwanger, und deren Schwester Helene, eine in prekären Verhältnissen lebende ausgebrannte Kreative, sowie der fatalistische Arzt Schimmelpfennig leben aneinander vorbei. »Wir driften auseinander«, sagt Loth, der als eine Art diffuser Fremdkörper in diese Konstellation eintaucht.

Vereinzelung und Entfremdung sind die Folge von Individualisierung und vermeintlicher Selbstverwirklichung. Steckel inszeniert das in reduzierten, aber intensiven Szenen mit überzeugendem Schauspiel. Eingespielte Audioelemente unterstreichen die Atmosphäre, ohne zu sehr ins Illustrative zu gleiten. Palmetshofers Sprache ist teils poetisch, teils vulgär. Dieser Kontrast tritt an die Stelle der Verwendung des Dialekts bei Hauptmann, der vor allem eine soziale Differenz zum Ausdruck brachte, das Klassenverhältnis. Bei Palmetshofer kann man statt dessen die Nahaufnahme eines an sich selbst leidenden Bürgertums sehen, mehr Tschechow als Hauptmann.

Und konnte man zunächst noch annehmen, dass das Aufeinandertreffen der beiden Studienfreunde einen Konflikt zur Folge haben würde, der auch dramatisch über den Abend trägt, sah man sich alsbald enttäuscht. Nach einem kurzen Schlagabtausch, in dem Hoffmann darlegt, wie die rechte Ideologie funktioniert, weiß Loth schon nichts mehr zu erwidern. Wohlwollend könnte man meinen, dass das der Punkt ist, an dem offenbar das Publikum sich bessere Antworten überlegen soll, als das Stück zu präsentieren weiß.

Nächste Vorstellungen: 17. und 23. September, 2., 8. und 24. Oktober

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