Aus: Ausgabe vom 06.09.2018, Seite 8 / Inland

»Einige würden lieber Fahrräder bauen«

Protest gegen Rüstungsschmiede Rheinmetall: Antikriegscamp in Unterlüß ging am Dienstag zu Ende. Gespräch mit Matthias Gerhard

Interview: Jan Greve
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Alltag in Unterlüß: Versuchsaufbau mit Panzerfaust und Militärfahrzeug auf dem Testgelände von »Rheinmetall Defence«

Fast eine Woche lang fand ein Antikriegcamp unter dem Motto »Rheinmetall entwaffnen« im niedersächsischen Unterlüß bei Celle statt. Warum dort?

Die Heide ist eine relativ stark militarisierte Region. Es gibt dort beispielsweise Militärstützpunkte und Truppenübungsplätze. Unterlüß sticht da noch heraus: Zum einen gibt es den großen Produktionsstandort des Rüstungskonzerns Rheinmetall, zum anderen das größte private Test- und Schießgelände Europas. Wer sich hier in der Gegend bewegt, kann den Kriegssound hören – Geschützlärm ist hier normal.

Am Dienstag ist das Camp zu Ende gegangen. Wie fällt das Fazit aus?

Wir sind ziemlich zufrieden, was Programm und Beteiligung betrifft – auch, wenn wir sicher noch Kapazitäten für mehr Teilnehmer gehabt hätten. Wir haben mit über 500 Leuten eine gute Demonstration am Sonntag gehabt, trotz der vielen Aktionen etwa in Chemnitz oder im Rahmen der Seebrücke-Bewegung. Uns ist es letztlich egal, auf welche Demonstration die Leute gehen. Es gibt viele Anknüpfungspunkte der dortigen Proteste zu unserem Anliegen.

Für Montag war eine Blockade des Standortes in Unterlüß geplant. Wie ist die verlaufen?

Es gibt dort zwei Gelände von Rheinmetall, die dazu sehr groß sind. Für eine effektive Blockade braucht es dementsprechend sehr viele Menschen. Rheinmetall hatte schon im Vorfeld reagiert und Mitarbeiter dazu aufgerufen, sich an diesem Tag frei zu nehmen. Diejenigen, die kamen, konnten nur verspätet im Betrieb erscheinen. Einige Lkw kamen gar nicht durch. Für uns ist die Aktion ein Erfolg gewesen. Dennoch muss sich das Protestpotential noch weiter entwickeln.

Wie hat die Rüstungsschmiede sonst auf die Proteste reagiert?

Von offizieller Seite gab es keine Reaktion. Es war offensichtlich, dass die Verantwortlichen die Öffentlichkeit, die wir geschaffen haben, dort nicht haben wollten. Im Vorfeld hatte es den Versuch gegeben, ein Schlafverbot für unser Camp durchzusetzen. Da haben die Behörden auf den Druck von Rheinmetall reagiert. In der Region hat der Konzern einen großen Einfluss auf Politik und Gesellschaft. Dorfbewohner, die uns zuvor öffentliche Unterstützung zugesagt hatten, haben diese wieder zurückgezogen – aus Angst vor möglichen Konsequenzen im Zusammenleben mit ihren Nachbarn.

Gab es auch Gespräche mit den Beschäftigten?

Wir haben offiziell eingeladen, uns zu besuchen. Daran hat sich aber niemand beteiligt. Das verwundert nicht, weil sonst vermutlich der Job weg sein dürfte. Wir sind mehrfach durch den Ort gegangen, haben Flyer verteilt und das Gespräch mit den Einwohnern gesucht. Dort haben uns Beschäftigte gesagt: »Geht blockieren, dann muss ich nicht zur Arbeit.« Oder: »Ich würde lieber Fahrräder bauen anstatt Waffen.«

Rheinmetall wickelt viele Geschäfte über Tochterfirmen und Joint Ventures in anderen Ländern ab, etwa in Italien oder Südafrika. Erst am Montag starben im südafrikanischen Somerset West acht Menschen bei einer Explosion in einem Munitionsdepot von »Rheinmetall Denel Munition«. Gibt es Kontakt zu den Beschäftigten dort?

Klar ist: Um so mehr Kritik und Protest es in der Bundesrepublik an Rüstungsgeschäften gibt, desto mehr werden die exportierenden Firmen ihre Geschäfte verlagern. Nach Südafrika haben wir kaum Kontakte, dafür aber viele zu einem Werk auf Sardinien. Hier lässt sich das Erfolgsmodell von Rheinmetall erkennen: Die italienische Seite verweist auf die Verantwortung der BRD, die wiederum mit dem Finger auf die italienischen Behörden zeigt.

Die internationalistische Perspektive ist für uns elementar. Die Kriege finden meist nicht direkt in Europa statt, sondern in anderen Teilen der Welt – weit weg von der deutschen Öffentlichkeit. Hier Nähe herzustellen und die Verantwortung aufzuzeigen, ist eine wichtige Aufgabe. Ende September sind nächste Aktionen in Kassel geplant, gemeinsam mit unseren Freunden der Initiative »Block War«.

Matthias Gerhard ist Sprecher von »Rheinmetall entwaffnen«

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  • Harald Möller: Wenig glaubhaft Wenn diese Leute wirklich Fahrräder bauen wollten, würden sie bei Rheinmetall kündigen und bei einer der fahrradproduzierenden Firmen anfangen. Deshalb halte ich diese Aussage für wenig glaubwürdig. D...

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