Aus: Ausgabe vom 01.09.2018, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Gewalt über das Kapital

Das »Recht auf Arbeit« war eine Forderung der französischen Revolution von 1848. Marx und Engels äußerten sich immer wieder zu Sinn und Widersinn eines solchen »frommen Wunsches«

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Revolution in Paris, 25. Februar 1848: Der ­Roten Fahne wird das Eindringen in das Rathaus verwehrt

In dem ersten Konstitutionsentwurf (nach der Februarrevolution 1848 und dem Sturz der Monarchie wurde der französischen Nationalversammlung am 18. Juni ein Verfassungsentwurf für eine Republik vorgelegt, jW), verfasst vor den Junitagen (vom 22. bis zum 26. Juni 1848 erhoben sich die Arbeiter von Paris gegen die Schließung der Nationalwerkstätten, in denen viele Arbeitslose beschäftigt wurden. Die »Juniinsurrektion« wurde blutig niedergeschlagen, jW) befand sich noch das »Droit au travail«, das Recht auf Arbeit, erste unbeholfene Formel, worin sich die revolutionären Ansprüche des Proletariats zusammenfassen. Es wurde verwandelt in das Droit à l’assistance, in das Recht auf öffentliche Unterstützung, und welcher moderne Staat ernährt nicht in der einen oder andern Form seine Paupers? Das Recht auf Arbeit ist im bürgerlichen Sinn ein Widersinn, ein elender, frommer Wunsch, aber hinter dem Rechte auf Arbeit steht die Gewalt über das Kapital, hinter der Gewalt über das Kapital die Aneignung der Produktionsmittel, ihre Unterwerfung unter die assoziierte Arbeiterklasse, also die Aufhebung der Lohnarbeit, des Kapitals und ihres Wechselverhältnisses. Hinter dem »Recht auf Arbeit« stand die Juniinsurrektion.

Karl Marx: Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850. Hier zitiert nach: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke (MEW), Band 7. Dietz-Verlag, Berlin 1976, Seiten 41–42

Das Recht auf Arbeit ist von Fourier erfunden, bei ihm verwirklicht es sich aber nur im Phalanstère (so nannte Charles Fourier sozialistische Siedlungen, jW), setzt also dessen Annahme voraus. Die Fourieristen (…) verbreiteten die Phrase eben ihres ungefährlichen Klangs wegen. Die Pariser Arbeiter 1848 ließen sie sich – bei ihrer absoluten theoretischen Unklarheit – aufhängen, weil sie so praktisch, so wenig utopistisch, so ohne weiteres realisierbar aussah. Die Regierung realisierte sie – in der einzigen Weise, wie die kapitalistische Gesellschaft sie realisieren konnte – in den sinnlosen Nationalwerkstätten. Genauso wurde das Recht auf Arbeit während der Baumwollkrise 1861–64 hier in Lancashire durch Munizipalwerkstätten realisiert. Und in Deutschland realisiert man es ebenfalls in den Hunger- und Prügel-Arbeiterkolonien, für die der Philister jetzt schwärmt. Als separate Forderung gestellt, kann das Recht auf Arbeit gar nicht anders verwirklicht werden. Man verlangt von der kapitalistischen Gesellschaft, es zu realisieren, sie kann das nur innerhalb ihrer Existenzbedingungen, und wenn man das Recht auf Arbeit von ihr verlangt, so verlangt man es unter diesen bestimmten Bedingungen, man verlangt also Nationalwerkstätten, Arbeitshäuser und Kolonien. Soll aber die Forderung des Rechts auf Arbeit indirekt die Forderung der Umwälzung der kapitalistischen Produktionsweise einschließen, so ist sie gegenüber dem heutigen Stand der Bewegung ein feiger Rückschritt, eine Konzession ans Sozialistengesetz (Verbot der SPD von 1878 bis 1890, jW), eine Phrase, die keinen Zweck haben kann, als die Arbeiter konfus und unklar zu machen über die Ziele, die sie zu verfolgen haben, und über die Bedingungen, unter denen allein sie sie erreichen können.

Brief von Friedrich Engels in London an Eduard Bernstein in Zürich vom 23. Mai 1894. Hier zitiert nach: MEW, Band 36. Dietz-Verlag, Berlin 1973, Seiten 151–152

Was unserer Schrift (Karl Marx: Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850, jW) noch eine ganz besondere Bedeutung gibt, ist der Umstand, dass sie zuerst die Formel ausspricht, in welcher die allgemeine Einstimmung der Arbeiterparteien aller Länder der Welt ihre Forderung der ökonomischen Neugestaltung kurz zusammenfasst: die Aneignung der Produktionsmittel durch die Gesellschaft. Im zweiten Kapitel, gelegentlich
des »Rechts auf Arbeit«, (...) heißt es: »...aber hinter dem Recht auf Arbeit steht die Gewalt
über das Kapital, hinter der Gewalt über das Kapital die Aneignung der
Produktionsmittel, ihre Unterwerfung unter die assoziierte Arbeiterklasse,
also die Aufhebung der Lohnarbeit wie des Kapitals und ihres Wechsel-
verhältnisses.« Hier ist also – zum ersten Mal – der Satz formuliert, durch den der moderne Arbeitersozialismus sich scharf unterscheidet ebensowohl von allen verschiedenen Schattierungen des feudalen, bürgerlichen, kleinbürgerlichen etc. Sozialismus wie auch von der konfusen Gütergemeinschaft des utopischen wie des naturwüchsigen Arbeiterkommunismus.

Friedrich Engels: Einleitung (zu Karl Marx’ »Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850«. Berlin 1895). Hier zitiert nach: MEW, Band 22. Dietz-Verlag, Berlin 1976, Seite 511

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