Aus: Ausgabe vom 01.09.2018, Seite 8 / Ansichten

Willkommene Migranten

Venezolaner verlassen ihre Heimat

Von André Scheer
RTX6DW20.jpg
Grenzbrücke zwischen Venezuela und Kolumbien am 3. August

Schon die Sprache ist verräterisch: Tausende Menschen ertrinken im Mittelmeer – und in den Medien hierzulande ist die Rede von »Migranten«. Venezolaner verlassen ihr Land, um in Brasilien, Kolumbien oder anderswo ein besseres Leben zu finden – die Rede ist von »Flüchtlingen«. Wenn Menschen aus Afrika oder Asien nach Europa übersiedeln, werden sie der »Einwanderung in unsere Sozialsysteme« bezichtigt – wenn Venezolaner ihre Heimat verlassen, sind sie »Verzweifelte«, wie tagesschau.de am Freitag mitfühlend schrieb. O-Ton: »Superreiche aus dem Land haben es auf spanische Luxusimmobilien abgesehen, im Madrider Nobelviertel Salamanca sollen sie schon 7.000 Wohnungen gekauft haben.«

Die Ärmeren bleiben in Südamerika. Nach Angaben der Vereinten Nationen sollen mehr als zwei Millionen Menschen aus Venezuela dem Land den Rücken gekehrt haben, um anderswo ein besseres Leben anzufangen. Schuld daran ist nach Ansicht der Qualitätsmedien natürlich die »sozialistische Misswirtschaft«, wie hierzulande der durch Inflation, Korruption und Sanktionen zerrüttete Kapitalismus in Venezuela genannt wird. Nicht erwähnt wird dagegen, wie der von den USA und der Europäischen Union gegen Venezuela geführte Wirtschaftskrieg den Import von Medikamenten und Lebensmitteln erschwert. Erst in dieser Woche räumte Brasiliens Außenminister Aloysio Nunes ein, dass sein Land Venezuela noch 40 Millionen US-Dollar für Stromlieferungen schulde – man könne das aber wegen des durch Washington und Brüssel verhängten Verbots von Finanzgeschäften mit Caracas nicht bezahlen.

So wird eine Migrationswelle provoziert, und nicht nur die Bilder erinnern an die Situation vor dem NATO-Krieg gegen Jugoslawien 1999, als fliehende Kosovo-Albaner dazu dienten, Stimmung für ein »militärisches Eingreifen« zu machen. Während die Bilder der venezolanischen Auswanderer um die Welt gehen, rührt Washington die Kriegstrommeln. In dieser Woche häuften sich die Meldungen über immer mehr militärische Präsenz auch der USA an den Grenzen zu Venezuela. Der Herausgeber der oppositionellen venezolanischen Tageszeitung El Nacional, Miguel H. Otero, spricht offen von einer »Einkreisung« und zitiert zustimmend den Putschisten Carlos Ortega: »Ein Militäreinsatz ist das einzige, was Nicolás Maduro von der Macht verdrängen wird.« Währenddessen will man in Washington »keine Option ausschließen«. Vor der Küste Kolumbiens liegt seit einigen Tagen ein Krankenhausschiff des US-Militärs, um auf die »humanitäre Krise« zu reagieren, und das State Department überweist den Regierungen Südamerikas Millionen Dollar für die Betreuung der Einwanderer.

Was in der internationalen Medienberichterstattung keine Rolle spielt: In Venezuela leben nach offiziellen Angaben rund 6,5 Millionen Einwanderer aus den Nachbarländern. Nicht weniger als 5,6 Millionen Kolumbianer wurden in Venezuela aufgenommen, viele von ihnen flohen vor Krieg, Vertreibung und Verfolgung in ihrer Heimat. Aber das passt halt nicht in die Medienkampagne.


Lesetip abgeben

Artikel empfehlen:

Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Ähnliche:

Regio:

Mehr aus: Ansichten