Aus: Ausgabe vom 29.08.2018, Seite 3 / Schwerpunkt

Feindliche Übernahme perfekt

Patientenberatungsstelle UPD wechselt von einem Dienstleister der Krankenkassen zu einem Pharmaunternehmen, hinter dem ein Finanzinvestor steht

Von Ralf Wurzbacher
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Wer hält hier die Hand auf? Beratungsmobil der UPD im Außeneinsatz

Ende Juli erhielt junge Welt einen Tip: Die Sanvartis GmbH, ein auf Gesundheitsthemen spezialisierter Callcenter-Betreiber mit Sitz in Duisburg, stehe kurz vor dem Verkauf an den Pharmadienstleister Careforce. Das wäre kaum der Rede wert, hätte Sanvartis nicht ein prominentes Anhängsel im Portfolio: die »Unabhängige Patientenberatung Deutschland« (UPD). Die gemeinnützige Gesellschaft unterstützt in gesetzlichem Auftrag hilfesuchende Privat- und Kassenpatienten bei Konflikten mit Ärzten, Krankenversicherungen und Kliniken. Seit 2016 erledigt sie das als eigenständige Tochterfirma unter dem Dach der kommerziellen Sanvartis, was an sich schon eine fragwürdige Konstruktion ist und bereits für allerhand Kritik gesorgt hat (siehe Text unten). Was aber, wenn die UPD an Careforce veräußert wird? Dann, so der Hinweisgeber, wäre sie »ganz in der Hand der Pharmaindustrie gelandet«.

Die Careforce GmbH zählt laut Eigendarstellung »zu den führenden Unternehmen im Bereich der Personal- und Vertriebsdienstleistung für die pharmazeutische Industrie und andere Unternehmen im Healthcaremarkt«. Faktisch arbeitet die Firma mit Sitz in Köln Arzneimittelherstellern zu, damit diese ihre Pillen und Salben besser unter die Leute bringen. Wie gut die Geschäfte laufen, mag man daran ersehen, dass Careforce einem Private-Equity-Fonds namens Findos Investor gehört, der mit dem Geld »renommierter deutscher Mittelstandsfamilien« auf Einkaufstour geht. Der allerneueste Coup verspricht knackige Schlagzeilen: Reißt sich eine Heuschrecke die UPD unter den Nagel?

Nach jW seit Montag vorliegenden Dokumenten ist der Deal bereits besiegelt, was noch fehlt ist eine offizielle Bestätigung. Aber auch davor schon war die Indizienlage erdrückend. Wie diese Zeitung durch zwei Insider erfuhr, wurde die Sanvartis-Belegschaft vor über drei Wochen in einer Betriebsversammlung über die Vorgänge unterrichtet, auch die wichtigsten Kunden wüssten längst Bescheid. Handfeste Belege lieferte das Studium neuerer Handelsregistereinträge. Diese fördern gleich mehrere neu gegründete Gesellschaften im Umfeld von Sanvartis zu Tage – sowohl in Deutschland als auch in der Schweiz. Ins Auge fiel dabei die Ende Juni in München angemeldete Careforce Sanvartis Holding GmbH, so etwas wie der nominelle Beweis dafür, wer hier mit wem anbandelt. In der Folgezeit wechselten die Besitzverhältnisse wie wild von einem zum anderen Akteur mit dem Ergebnis einer kompletten Neuaufstellung der Sanvartis unter 100prozentiger Kontrolle durch Careforce.

Dazu kommen personelle Verstrickungen. Als Geschäftsführer der frischgebackenen Careforce Sanvartis Holding GmbH firmiert mit Stefan Happak ein leitender Mitarbeiter von Findos Investor, der Careforce-Mutter. Happak, der laut Branchendienst Northdata noch dutzenden weiteren Firmen vorsteht, blieb eine Antwort auf eine jW-Anfrage schuldig. Dafür äußerten sich Sanvartis und Careforce, beide mit Spitzfindigkeiten. Die Aussage, Sanvartis stünde zum Verkauf bereit, sei »falsch«. Auf die Bewegungen im Handelsregister angesprochen, ließ eine Sanvartis-Sprecherin verlauten, diese dienten »im Rahmen der Strukturierungsmaßnahmen ausschließlich der Sicherstellung der Wettbewerbsfähigkeit der Sanvartis Group mit ihren Tochterunternehmen«. Und weiter: »Inhaber der Sanvartis ist auch zukünftig die Sanvartis Group GmbH allerdings durch Übertragung zukünftig mit Sitz in Deutschland.«

Genau hier liegt der Hund begraben. Mit besagter Neukonstruktion taucht quasi eine Attrappe der einst schweizerischen Sanvartis auf deutschem Boden auf, unter gleichem Namen zwar, aber als komplett neues Unternehmen mit neuem Eigner. Für die jW-Informanten ist das Verwirrspiel ein »Täuschungsmanöver« mit dem Ziel, die Konkurrenz hinters Licht zu führen. Ganz nebenbei trug man damit auch dafür Sorge, dass unbequeme öffentliche Diskussionen um eine UPD in der Hand der Pharmaindustrie gar nicht, und wenn doch, erst dann aufkommen, wenn es zu spät ist.

Das Kalkül ist aufgegangen. Die Verantwortlichen in Reihen der Politik und der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) wollen bis zuletzt nichts von den Vorgängen mitbekommen haben. Anfang August erwiderte die Staatssekretärin im Bundesgesundheitsministerium, Sabine Weiss (CDU), auf eine Anfrage der Grünen-Abgeordneten Maria Klein-Schmeink: »Der Bundesregierung sind solche Pläne nicht bekannt.« Auch der Patientenbeauftragte der Regierung, Ralf Brauksiepe verfüge »nicht über gesicherte Erkenntnisse«, wie er gegenüber jW erklären ließ. Dasselbe behauptet man beim Spitzenverband der GKV, der der UPD jährlich neun Millionen Euro an Fördermitteln zuschießt (siehe Spalte). Wechselt die Unabhängige Patientenberatung also den Eigentümer – und die Politik weiß von nichts?

Kaum vorstellbar – und schlicht unzutreffend. Nach Kenntnissen dieser Zeitung sind die entscheidenden Stellen seit längerem über die Entwicklungen im Bilde. Was derweil noch läuft, ist die Abstimmung darüber, wie man mit der Sache umgehen und sie den Bürgern verkaufen soll. Und eine Sprachregelung für den Tag, an dem der Sanvartis-Verkauf offiziell verkündet wird, hat man sich auch zurechtgelegt. Demnach geht der Deal schon in Ordnung, weil die UPD durch mögliche Unternehmensübergänge »nicht gefährdet« sei. So hat es die GKV in ihrer Antwort auf eine jW-Anfrage bereits vorweggenommen. Darin heißt es, »Vertragspartner des GKV-Spitzenverbandes zur Durchführung der Patientenberatung für die Periode 2016 bis 2022 ist und bleibt die UPD Patientenberatung Deutschland gGmbH«. Also: Kein Grund zur Sorge!

Hintergrund: Geschäftsmodell

Man fragt sich: Wie verdient eigentlich die Sanvartis GmbH mit dem Betrieb der »Unabhängigen Patientenberatung Deutschland« (UPD) Geld? Die UPD erhält nach dem Gesetz jährliche Zuwendungen durch die gesetzliche Krankenversicherung (GKV) von derzeit neun Millionen Euro. Dazu kommt noch ein – vergleichsweise unerheblicher – Beitrag durch die private Krankenversicherung (PKV). Aus all und nur diesen Mitteln muss Sanvartis ihre diversen Beratungsdienstleistungen finanzieren, die für die Betroffenen durchweg gratis sind. Daraus folgt: Je geringer die Kosten für den Betrieb ausfallen, desto mehr bleibt von der Fördersumme als Gewinn hängen. Das ist die erste Erklärung dafür, warum die Beratungsqualität der UPD unter Sanvartis-Regie so gelitten hat.

Es gibt offenbar noch eine zweite: Wie junge Welt aus vertraulicher Quelle zugetragen wurde, sollen von den Fördergeldern vorneweg zwei Millionen Euro jährlich für die Bezahlung von Lizenzen für eine Wissensmanagement-Software – wohlgemerkt aus Sanvartis-Bestand – gehen. Das bedeutet: Die »gemeinnützige« UPD überweist Sanvartis im Bewilligungszeitraum von sieben Jahren, in denen sie die UPD unterhält, allein 14 Millionen Euro dafür, dass die IT läuft. Nach jW-Informationen sollen sich Kosten dafür unter der »alten« UPD auf höchstens 50.000 Euro belaufen haben.

Träfe die Darstellung zu, hätte sich Sanvartis mit der UPD quasi einen neuen Kunden ins Haus geholt, dem sie auf Kosten der Beitragszahler ein hauseigenes Produkt aufdrückt – ohne Ausschreibung und ohne jeden Akquiseaufwand. Das, so die jW-Quelle, sei das »ganze Geschäftsmodell«, aus dem in Zukunft auch die Careforce GmbH schöpfen werde. »Den Beratungsbetrieb erledigt man mehr schlecht als recht, während man den Laden eigentlich nur deshalb an Land gezogen hat, um die Softwarelizenzen zu verticken.« Vielleicht ja nur ein Zufall: Seit der Übertragung auf Sanvartis erhält die UPD pro Jahr zwei Millionen Euro mehr von der GKV. (rwu)


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