Aus: Ausgabe vom 25.08.2018, Seite 10 / Feuilleton

Es braucht nicht viele Worte

Ein dröges Actioneinerlei und eine wunderbare Sommerlektüre: Zwei neue Mangas für erwachsene Leser

Von Michael Streitberg
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Genug geredet. Zeichner Minetaro Mochizuki gelingt es in »Chiisakobee« meisterhaft, Stimmungen auszudrücken.

Mit »Ryuko« und »Chiisakobee. Die kleine Nachbarschaft« versucht der Carlsen-Verlag einmal mehr, dem deutschsprachigen Publikum außergewöhnliche Comics aus Japan nahezubringen. Kein leichtes Unterfangen: Da das Gros der hierzulande übersetzten Titel aus eher seichten Abenteuergeschichten und Romanzen besteht, ist dem Zerrbild der Mangakultur als Hort des Banalen und Infantilen nur schwer beizukommen. Die auf eine ältere Leserschaft abzielenden Neuerscheinungen stechen indes schon durch ihre aufwendigere Gestaltung und ihr größeres Format heraus. Was aber macht einen Comic, bzw. einen Manga, eigentlich »erwachsen«?

Im Falle des Actionthrillers »Ryuko«, geschrieben und gezeichnet von Eldo Yoshimizu, fällt die Antwort schwer. Mit seiner hektischen Erzählweise und banalen Dialogen unterscheidet sich das Werk kaum von einem mittelprächtigen Actionmanga für pubertierende Jungs. Selbstverständlich tragen Frauen hier auch inmitten eines Raubüberfalls Badeanzüge – »es ist heiß«, und in gewissen Genres macht man das halt so. Im Mittelpunkt der Geschichte steht Ryuko, die Motorrad fahrende Anführerin einer exterritorialen Yakuza-Gang (also einer Bande japanischer Mafiosi) im Nahen Osten. Nachdem sie erfährt, dass ihre tot geglaubte Mutter noch lebt und entführt wurde, legt sie sich mit den Regierungstruppen eines Phantasiestaats, konkurrierenden Gangstern und diversen anderen Finsterlingen an. Den Leser erwarten Geballer und Geprügel galore, Höllenschlittenfahrten durch U-Bahntüren und krude Kalendersprüche (»Jugend und Freundschaft schön und gut … aber Träume und Freundschaften platzen eines Tages«).

Zumindest optisch weiß der Titel zu gefallen. Eldo Yoshimizu experimentiert mit dem Paneling; unorthodox unterteilte Bildkästen, die sich mitunter zu Panoramen ausweiten, filigrane Finelinerschraffuren und expressive Tintenkleckse lassen den Manga herausstechen. All das kann sein Werk jedoch nicht retten: Yoshimizus angestrengt toughe und roughe Protagonistin wirkt so flach, dass man sich schon nach wenigen Seiten nicht mehr für ihr Schicksal interessiert. Statt wirklich etwas zu erzählen, rührt der Auto nur altbekannte Genreversatzstücke zusammen. Man fragt sich, weshalb so viele Meisterwerke in Japan bleiben – während »Ryuko« es zu einer Übersetzung bringt.

Bevor man jedoch einen Abgesang auf das Medium Manga in Deutschland anstimmt, sollte man zu »Chiisakobee. Die kleine Nachbarschaft« greifen. Autor und Zeichner Minetaro Mochizuki liefert damit die Neuinterpretation eines 1957 erschienenen Romans – und versetzt dessen Handlung aus der Edo-Zeit (1603–1868) ins Japan der Gegenwart. Schon mit seiner ruhigen Erzählweise, seiner klaren Linienführung und der klassisch-strengen Anordnung der Panels (Bildkästen) steht das Werk im Gegensatz zur Hektik von »Ryuko«. Anders als dort spielen Bewegungsläufe und -abfolgen eine eher untergeordnete Rolle. Mochizuki erlaubt sich ein Spiel mit Close-ups und übergangslosen Perspektivwechseln, das ihn bisweilen wie einen experimentierfreudigen Arthouse-Regisseur wirken lässt. Grafische Spielereien, Hinweise und Notizen, die den Kosmos der erzählten Handlung verlassen und doch in ihn eingebunden bleiben – etwa ein mit japanischer Schnitzelsoße geschriebenes »Fortsetzung folgt« – verstärken diesen Eindruck.

Mochizuki erzählt die Geschichte des 26jährigen Baumeisters Shigeji, dessen Eltern bei einem Großbrand ums Leben kommen. Auf dem jungen Mann lastet, nach von Reisen und intensiver Lektüre geprägten Wanderjahren, plötzlich die gesamte Verantwortung für das Überleben des Familienbetriebs. Zur Unterstützung engagiert Mitarbeiter Masaru kurzerhand eine Haushaltshilfe: Ritsu, eine alte Kindheitsfreundin Shigejis. Ritsu, deren Mutter kürzlich verstarb, kommt jedoch nicht allein: In ihrem Schlepptau befinden sich fünf Waisenkinder, deren Bleibe ebenfalls dem Feuer zum Opfer fiel. Damit sie nicht auseinandergerissen werden, hat Ritsu sich ihrer angenommen. Anfangs ist Shigeji wenig begeistert von seiner neuen Gesellschaft. Doch durch allerlei Kuddelmuddel hindurch – hier darf »Chiisakobee« genretypisch verfahren, ohne abgedroschen zu wirken – findet man mehr und mehr zusammen.

Mit Shigeji und Ritsu treffen zwei Protagonisten aufeinander, auf denen großer Druck lastet. Shigeji sperrt sich anfangs gegen jede Hilfe seiner Mitmenschen, will das Motto seines Vaters (»Menschlichkeit und Willensstärke«) ganz allein mit Leben füllen. Ritsu scheint ein Gefühl der Unzulänglichkeit zu verspüren: So sehr sie sich auch bemüht, tanzen ihr die Kinder mitunter auf der Nase herum. »Ich muss mich anstrengen … Ich habe keine andere Wahl«, sagt sie zu sich selbst. Als Shigejis alte Freundin Yuko auftaucht, mit der die Kinder auf Anhieb gut können, werden ihre Selbstzweifel nur größer.

Wenn Shigeji sich in Embryohaltung zusammenrollt oder Ritsu mit fest ineinandergefalteten Händen ihre Augenbrauen zusammenzieht, braucht es gar nicht viele Worte. Sorgen und Freude, Schwere und Leichtigkeit spiegeln sich im meisterhaft gezeichneten Mienenspiel der Protagonisten, angesichts dessen der Autor sogar auf manche Gedankenblase hätte verzichten können. »Wo kommt denn dieser Redeschwall plötzlich her?« sagt Ritsu, als der oft wortkarge Shigeji seinen Gefühlen einmal Ausdruck verleiht.

»Chiisakobee« erzählt von der Kraft des Zusammenhalts, die Schwierigkeiten und Sorgen überwindet – ohne dass sich alles in Wohlgefallen auflösen muss. Beschwingt, ja, beseelt legt man die Bände zur Seite. Und man verzeiht sogar die leidlich gelungene Übersetzung: Genusfehler, »hier« und »dort«-Verdreher sowie manch misslungene Formulierung (»Holzhäuser sind zahlreich«) hätten es eigentlich nicht durchs Lektorat eines der größten deutschen Comicverlage schaffen dürfen. Selbst das kann die Freude an einer wunderbaren Sommerlektüre aber kaum schmälern.

Eldo Yoshimizu: Ryuko. Übersetzt von Jens Ossa. Bisher ein Band, Carlsen, Hamburg 2018, 256 Seiten, 14,99 Euro

Minetaro Mochizuki: Chiisakobee. Die kleine Nachbarschaft. Nach einem Roman von Shugoro Yamamoto. Übersetzt von Cordelia Suzuki. Insgesamt vier Bände (Band 3 erhältlich ab 31.7.2018). Carlsen, Hamburg 2018, 216–244 Seiten, je 14,90 Euro


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