Aus: Ausgabe vom 22.08.2018, Seite 10 / Feuilleton

Waldow, Voigt, Morgner

Von Jegor Jublimov
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»Mangel an Größenwahn«: Irmtraud Morgner (r.) neben Franz Fühmann, 1973 in Berlin

Anfang des Monats konnte man im Berliner Zeughauskino das Filmdebüt Ernst Waldows wieder sehen, der heutzutage hauptsächlich als pedantischer Bürokrat oder skurriler Onkel in Erinnerung ist. In Paul Wegeners »Rübezahls Hochzeit« spielte er 1916 einen Hauslehrer. Damals war er 23 – heute wäre der 1964 in Hamburg verstorbene Berliner 125 Jahre alt geworden. Zweimal wirkte der durch seine Auftritte in Komödien wie »Der Mann, der Sherlock Holmes war« (1937), »Hokuspokus« (1953) oder »Das Spukschloss im Spessart« (1960) noch immer gegenwärtige Mime in Filmklassikern mit: Mitten im Krieg spielte er 1943 in Peter Pewas’ an französischen Vorbildern orientiertem (und darum sogleich verbotenem) »Der verzauberte Tag« einen trockenen Buchhalter, der am Schluss aus Verzweiflung zu einem Mord fähig ist. In seinem einzigen DEFA-Film, Erich Engels »Affaire Blum« (1948), kaprizierte Waldow sich als bornierter Kriminalist auf die Verfolgung eines Unschuldigen.

Für das letzte DEFA-Jahrzehnt im Dokumentarfilm steht Andreas Voigt, erst als Dramaturg und Autor (er wirkte in diesen Funktionen beispielsweise an Winfried Junges »Golzow«-Filmen mit), dann als Regisseur der Reihe »Kino-Box« und anspruchsvoller Porträts Leipziger Einwohner (von »Leipzig im Herbst«, 1989, bis »Alles andere zeigt die Zeit«, 2015). Der am Sonnabend vor 65 Jahren in Eisleben geborene Filmemacher legte das Abitur an der Arbeiter- und Bauernfakultät Halle ab, wurde Volkswirtschaftler und konnte zum Film wechseln. Inzwischen ist er anerkannter Lehrer an internationalen Filminstituten, beteiligt sich aber auch an Projekten wie »Als wir die Zukunft waren« (2016) über die Anfänge von Filmstudenten seiner Generation an der Hochschule in Babelsberg. 2019 soll »24 Stunden: Wir sind die Zukunft« folgen, ein Film über junge Europäer, und wie sie die Zukunft in die Hand nehmen (unter der Gesamtregie von Volker Heise).

Vorlagen für einen Fernsehroman, eine Netflix-Serie oder eine mehrteilige Graphic Novel sollten sich im Werke von Irmtraud Morgner finden lassen. Heute wäre sie 85 Jahre alt geworden. Sie lebte nicht lang genug, um noch BRD-Bürgerin zu werden. Wer wissen möchte, wie Frauen in der DDR die gesellschaftliche Stellung erreichten, die sie Ende der 80er Jahre innehatten, und darüber nachdenken möchte, wie Frauen (und nicht nur sie) heute angesehen wären, gäbe es die DDR noch, greife zu Morgners Hauptwerken »Leben und Abenteuer der Trobadora Beatriz nach Zeugnissen ihrer Spielfrau Laura« (1974) und »Amanda – Ein Hexenroman« (1983). »Der schlimmste Fehler von Frauen ist ihr Mangel an Größenwahn«, hat sie einmal geschrieben. Sollte das heute nicht auch noch ankommen?


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