Aus: Ausgabe vom 22.08.2018, Seite 3 / Schwerpunkt

Kampf gegen die Kohle

Protestcamp von Umweltschützern im Rheinland vor dem Abschluss. Weitere Aktionen unter anderem in der Lausitz geplant

Von Wolfgang Pomrehn
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Mit kreativem Chaos gegen die Folgen des Kohleabbaus (Klimacamp bei Erkelenz, 20. August)

Im Rheinland geht am heutigen Mittwoch das diesjährige Klimacamp zu Ende. Zuvor hatte es bereits weitere derartige Veranstaltungen bei Leipzig, im tschechischen Braunkohlerevier in Nordböhmen, im polnischen Wilczyn östlich von Poznan sowie im schweizerischen Basel gegeben, wo am 10. und 11. August mit »Climate Games« gegen den dortigen Ölhafen protestiert wurde.

Bei Erkelenz, westlich von Köln und mitten im dortigen rheinischen Braunkohleabbaugebiet, haben derweil in den vergangenen zehn Tagen junge und ältere Aktivisten zusammen mit einem Teil der Anwohner gegen die Folgen der fortgesetzten Verbrennung fossiler Brennstoffe demonstriert.

Zwei weitere Klimacamps sind noch geplant. Eines wird bereits an diesem Freitag in der Nähe des ostniederländischen Städtchen Delfzijls beginnen und sich vor allem gegen die im Nachbarland umfangreich betriebene Förderung von Erdgas richten. Anfang September, vom 5. bis zum 9., soll schließlich noch ein Camp bei München die Rolle des Straßenverkehrs und der Autoindustrie für den Klimawandel hervorheben.

Im rheinischen Kohlerevier hatte man in diesem Jahr, nach umfangreichen Aktionen des zivilen Ungehorsam mit mehreren tausend Teilnehmern in den Vorjahren, bewusst kleiner geplant. 500 Menschen übernachteten im Camp, der Schwerpunkt wurde auf Veranstaltungen und Diskussionen mit den Anwohnern sowie auf eine Strategiedebatte gelegt.

Die Aktivisten bezeichnen sich als Bewegung für Klimagerechtigkeit. Dahinter verbirgt sich die Kritik an der globalen Ungleichheit, die auch in Bezug auf den Klimawandel herrscht. Während die die Klimaveränderungen auslösenden Emissionen vor allem aus den alten und neuen Industrieländern kommen und dort vor allem von den wohlhabenderen Teilen der Bevölkerung verursacht werden, leiden unter den Folgen vor allem die Ärmeren und Ärmsten. Deutlich wird letzteres zum Beispiel, wenn schwere Dürren Bauern zwingen, ihr Land aufzugeben und ihr Glück in den Städten zu suchen, wie es zum Beispiel im Vorfeld des syrischen Bürgerkriegs geschah.

Im Visier der deutschen Umwelt- und Klimaschützer stehen bereits seit längerem vor allem die Kohlekraftwerke, die hierzulande noch immer für fast 40 Prozent der Treibhausgasemissionen verantwortlich sind. Hinzu kommt, dass zwar der inländische Steinkohleabbau in diesem Jahr ausläuft, weil er ohne Subventionen nicht mehr aufrecht zu erhalten ist. Doch die besonders schlecht brennende Braunkohle wird weiter in großen Tagebauen abgebaut, die Landschaft und Dörfer zerstören.

Die Zwangsumsiedlungen und Rodungen gehen weiter, obwohl gleichzeitig in einer von der Bundesregierung einberufenen Kohlekommission Vertreter der Industrie, Gewerkschafter, Politiker der Regierungsparteien, Anwohner und einige Umweltschützer über den Ausstieg aus der Kohle beraten. Am morgigen Donnerstag findet die nächste Sitzung des Gremiums statt. Sowohl im Rheinland als auch in der Braunkohleregion der Lausitz in Brandenburg und Sachsen fordern Umweltschützer und betroffene Anwohner, dass zumindest während der Arbeit der Kommission, die im Spätherbst abgeschlossen sein wird, keine weiteren vollendeten Tatsachen geschaffen werden. In der Nachbarschaft des Tagebaus Jänschwalde, im südöstlichen Brandenburg, wird es daher zum Beispiel am 2. September ein Protestkonzert in einem von Enteignung bedrohten Waldstück geben.

Veranstaltet wird es unter anderem von der Umweltschutzorganisation Grüne Liga. Die Rodung mache nur Sinn, wenn die Laufzeit der Braunkohlekraftwerke möglichst weit verlängert werden soll. Dafür sieht René Schuster, Sprecher der Grünen Liga und langjähriges Mitglied des Brandenburgischen Braunkohlenausschusses keine Rechtfertigung mehr: »Kohleverstromung dient längst nicht mehr dem Allgemeinwohl, deshalb müssen Grundabtretungen für Kohlegruben der Vergangenheit angehören«.

Die Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) hat das rheinländische Klimacamp mit einer kleinen Kampagne begleitet, in der behauptet wurde, die Lichter gingen aus, wenn die Braunkohlekraftwerke abgeschaltet würden. Doch ist Braunkohle tatsächlich unverzichtbar? So sehr, dass ihre verheerenden Folgen für das Klima und die enormen Mengen an Feinstäuben, Stickoxiden, Arsen, Cadmium und anderen Giften, ausgestoßen bei ihrer Verbrennung, hingenommen werden müssen?

Die Zahlen sagen eindeutig nein. Deutschland hat erhebliche Überkapazitäten und exportiert Strom im großen Umfang, und zwar nicht, weil es bei den Nachbarn nicht genug Kraftwerke gäbe, sondern weil der Strom der AKW und Braunkohlekraftwerke konkurrenzlos billig angeboten werden kann. 2017 wurden netto in den deutschen Kraftwerken, die ins öffentliche Netz einspeisen, knapp 555 Milliarden Kilowattstunden Strom erzeugt. Davon gingen netto gut 42 Milliarden Kilowattstunden Strom ins Ausland. Das war rund ein Drittel der Produktion aller Braunkohlekraftwerke. Gleichzeitig waren aber die meisten Steinkohlekraftwerke nur zur Hälfte ausgelastet. Noch schlechter sieht es bei vielen Gaskraftwerken aus, die kaum noch rentabel zu betreiben sind. Der Grund: AKW und Braunkohlekraftwerke müssen aus technischen Gründen möglichst rund um die Uhr laufen und verschleudern ihren Strom daher notfalls. Sie könnten nicht nur wegen der Überkapazitäten innerhalb weniger Jahre vollständig abgeschaltet werden, ihr Wegfall würde die Stromversorgung auch flexibler machen, was für die unstet anfallende Solar- und Windenergie wichtig wäre. (wop)

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