Aus: Ausgabe vom 16.08.2018, Seite 8 / Ansichten

Kindkanzlerkandidat des Tages: Philipp Amthor

Von Sebastian Carlens
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Die CDU, die Christdemokratie, sie siecht dahin. Die stolze Feste Adenauers, die Trutzburg Helmut Kohls ist nicht mehr, was sie einst war. Das ahnen auch die Unionsfunktionäre, denn ihr Exodus hat längst begonnen. Der eine ruft zur Gründung eines konkurrierenden CSU-Verbandes in Niedersachsen auf, der nächste ruiniert Bilfinger, einen dritten zieht es zur Deutschen Bahn. Mehr muss man eigentlich nicht wissen: lieber zur Bahn als zur CDU. Vermutlich sollte man beizeiten mit einem Massenselbstmord unter Kreisvorsitzenden und Landeskassierern rechnen. Unionsdepression: Angeblich gibt es Ärzte, die diese Diagnose bereits gestellt haben. Die Krankheit gilt als kaum heilbar.

Doch andere wittern in diesem tiefen Tal aus Niedergang, Kleinmut und Defätismus ihre Chance. Es ist ja wahr: Steht die Sonne nur niedrig genug, dann werfen auch Zwerge einen Schatten. Das ist Philipp Amthors Gelegenheit.

Afghanistan sei ein sicheres Herkunftsland, steckte der 25jährige CDU-Abgeordnete dem DLF am Mittwoch. Dahin »abzuschieben ist richtig«. Kann er das wissen? Natürlich nicht. Amthor war nicht mal beim Bund – obwohl er, laut eigener Aussage, wenig »wehrscheu« sei. Doch zurück zu Afghanistan: Das Auswärtige Amt gebe die Einschätzung zur Sicherheit ab, der die Politik dann folge, so Amthor. Stimmt denn wenigstens das? Auch nicht. Ein ungeschwärzter Lagebericht, der jW vorliegt, spricht von »Bedrohung für Leib und Leben«, die für Zivilisten »insbesondere von Kampfhandlungen« ausginge. Alleine im ersten Quartal 2018 soll es 2.258 zivile Todesopfer gegeben haben.

Kann, muss ein Amthor das wissen? Wohl kaum. Schießen muss trotzdem sein, den Jagdschein holt sich der Nachwuchspolitiker in diesem Sommer. Nein, sein eigenes Jagdgebiet wolle er nicht, sagt er. Dafür fehle ihm dann doch die Zeit.

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