Aus: Ausgabe vom 16.08.2018, Seite 6 / Ausland

Standhafte Zinnsoldaten

Polen feiert seine Armee mit größter Parade seit 1989. Die Schau verdeckt schwerwiegende Ausrüstungsmängel

Von Reinhard Lauterbach, Poznan
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Am Mittwoch marschierten fast 2.000 Soldaten anlässlich des »Feiertages der polnischen Armee« durch Warschau

Mit der größten Militärparade seit 1989 hat Polen am Mittwoch den »Feiertag der polnischen Armee« begangen. Fast 2.000 Soldaten mit mehr als 100 Fahrzeugen und Panzern marschierten fast zwei Stunden lang über die vierspurige Straße am Weichselufer unterhalb der historischen Warschauer Altstadt.

Historisch oder besser historistisch war auch ein guter Teil des Aufmarsches: Insgesamt 16 kostümierte »Rekonstruktionsgruppen« zeigten, teils zu Pferde, den »Ruhm der polnischen Waffen« vom frühen Mittelalter bis zum Zweiten Weltkrieg. Ziel der Parade war nach den Worten von Verteidigungsminister Mariusz Blaszczak, beim Publikum »patriotischen Stolz« zu wecken. An der Parade nahmen auch Soldaten mehrerer NATO-Staaten teil, die im Rahmen einer »Bataillonskampfgruppe« im Lande stationiert sind. Angehörige der Bundeswehr waren nicht darunter.

Historisches aus der Geschichte der Luftfahrt zeigte die polnische Luftwaffe. Der Überflug wurde eröffnet von Schulungsflugzeugen aus den 1960er Jahren, es folgten Hubschrauber sowjetischer Bauart und als einziges modernes Flugzeug eine Boeing 737, die das Verteidigungsministerium für die Transportbedürfnisse der Regierung angeschafft hat.

An Kampffahrzeugen präsentierte das Militär Panzerhaubitzen heimischer Produktion, die sich nach Darstellung der Regierung in Afghanistan – also gegen einen nicht ebenbürtig bewaffneten Gegner – bewährt haben sollen, zudem Raketenwerfer und modernisierte »Leopard«-Panzer, die Polen in den 90er Jahren für einen symbolischen Preis von einer Mark von der Bundeswehr übernommen hat.

Das ganze Spektakel diente offensichtlich auch dazu, eine Diskussion über gravierende Mängel in der Ausrüstung der Streitkräfte zu überdecken. Diese lebte nicht zuletzt vor dem Hintergrund der in Polen gepflegten antirussischen Hysterie in den Medien des Landes auf. Die Kritiker verweisen darauf, dass das nicht stringente Handeln des früheren Verteidigungsministers Antoni Macierewicz die Modernisierung der Armee erheblich behindert hat.

So wurde 2016 ein bereits ausgehandelter Vertrag über die Lieferung von französischen »Caracal«-Hubschraubern in letzter Minute aufgekündigt. Die polnisch-französischen Beziehungen haben sich bis heute nicht von diesem Affront erholt. Die als Ersatz angekündigte Lizenzproduktion US-amerikanischer »Black Hawk«-Hubschrauber ist bis jetzt nicht in Gang gekommen. Die Beschaffung von neuen U-Booten für die Marine liegt auf Eis. Denn offenbar passte es dem Macierewicz-Ministerium nicht, dass der deutsche Thyssen-Konzern mit seiner Marinetechniksparte kurz davor stand, die noch von der Vorgängerregierung organisierte Ausschreibung zu gewinnen.

Die polnische Marine ist heute eine Teilstreitkraft, die nach dem Urteil von Experten buchstäblich auf dem Trockenen sitzt: Die meisten Schiffe seien kaum noch zum Auslaufen fähig. Der Marineinspekteur, der sich unlängst traute, auf diese Mängel hinzuweisen, verlor innerhalb von Tagen seinen Job. Dabei hatte er recht: Die beiden vorhandenen U-Boote wurden in den 1960er Jahren für die norwegische Marine gebaut und Anfang der 1990er als kostengünstigere Alternative zur Verschrottung an Polen abgegeben.

Der Trend zum Gebrauchtschiff hält an. In diesen Tagen wird Staatspräsident Andrzej Duda nach Australien reisen, um dort mit großem Hallo zwei ausgediente Fregatten zu kaufen, die die dortige Marine durch ein Nachfolgemodell ersetzt hat.

Die polnische Presse hat die jüngsten Berichte über Ausrüstungsmängel bei der Bundeswehr mit einiger Häme kolportiert. Dabei ist es im eigenen Land auch nicht besser: Exminister Macierewicz hat viel Geld für die Kreation einer neuen Paradeuniform für die Generäle ausgegeben, der Truppe fehlen derweilen Winterjacken, und Stiefel kaufen sich Soldaten privat im Internet. Es mangelt zudem an schussicheren Westen und modernen Kunststoffhelmen.

Für alle Fälle ließ es sich Staatspräsident Duda nicht nehmen, die Soldaten dem Schutz der Muttergottes anzubefehlen. Und er pries die polnischen Soldaten, die 1920 vor Warschau den Vormarsch der Roten Armee gestoppt und so die »rote Pest« am Vorstoß »vielleicht bis nach Madrid« gehindert hätten. Solcher Heroismus sei auch heute wieder gefragt.

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