Aus: Ausgabe vom 16.08.2018, Seite 2 / Inland

»All das soll zerstört werden«

Im Klimacamp bei Erkelenz diskutieren Aktivisten und Anwohner noch bis 22. August über die Erhaltung der Dörfer. Ein Gespräch mit Johanna Winter

Interview: Gitta Düperthal
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Klimacamp Rheinland in Erkelenz am 20. August 2017

Zum neunten Mal findet das Klimacamp der Braunkohlegegner bei Erkelenz statt, seit 11. August und noch bis zum 23. Im Mittelpunkt steht, weitere Dorfzerstörungen in der Region zu verhindern. Wie wird das diskutiert?

Bisher reisten zu unseren Camps Leute aus ganz Europa an – um den Blick auf globale Umweltschäden zu richten, die durch den Abbau der Braunkohle entstehen. Diesmal wollen wir vor allem den Dialog mit Menschen in der Region führen: Was bedeutet das Abbaggern der Dörfer für die Bewohner? Der Kohlekonzern RWE will Menschen aus Keyenberg, Kuckum, Unterwestrich und Oberwestrich umsiedeln, um den Tagebau auszuweiten. Viele kämpfen darum, in ihren Häusern zu bleiben. Sie wollen nicht umziehen und ihr soziales Umfeld verlieren.

Wie ist aktuell die Lage in den Dörfern?

RWE leitet sogenannte Umsiedlungsprozesse ein. Der Konzern schätzt die Werte der Grundstücke sowie der Häuser darauf und unterbreitet den Bewohnern »Angebote«. Tatsächlich ist er verpflichtet, Entschädigungszahlungen zu leisten. Das Unternehmen behauptet, großzügig zu sein, streut aber zugleich Gerüchte: Anwohner, die zuerst gehen, erhielten mehr Geld als andere. Diese schildern uns aber: Das, was sie da verlieren, ist mit Geld nicht zu ersetzen; so zu bauen, wie es damals üblich war, ist heute viel teurer. Ihre Familiengeschichte ruht in den Dörfern. Sie haben gemeinsame Erfahrungen, eine gewachsene Dorfgemeinschaft, fühlen sich zugehörig. Ihre Toten sind hier begraben. Sie haben einen 150 Jahre alten Baum, in dessen Schatten sie gerne sitzen, um sich zu unterhalten. All das soll zerstört werden.

Wie geht der Konzern vor?

Als Ersatz für die alten Dörfer baut er neue Orte: Neu-Keyenberg wird errichtet, und statt des abgebaggerten Dorfes Immenrath gibt es ein Neu-Immenrath. Ehemalige Nachbarn müssen sich auf Grundstücke bewerben. Der Konzern schürt Konkurrenz: Wer erhält das beste Grundstück? Das führt zu Spannungen untereinander, die der Konzern ausnutzt. Würde er keine Spaltung unter den Bewohnern erzeugen und sie unter Druck setzen, würden sie sich zusammenschließen und ihn bekämpfen.

Welches gemeinsame Ziel haben die Aktivisten und die Anwohner?

Die Vertreibung der Anwohner ist kaum Thema, auch in den Medien nicht. Stets geht es nur um Arbeitsplätze, die nicht zerstört werden dürfen. Wir sprechen darüber, dass es auch gilt, den Lebensraum von Menschen zu verteidigen.

Aktivisten im Klimacamp haben am Montag abend in Erkelenz das Gespräch mit Anwohnern und in der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie organisierten Mitarbeitern von RWE gesucht, die den Braunkohleabbau befürworten. Ob sofort oder erst 2045, die Energiewende wird kommen: Wurde das thematisiert?

Unter den Arbeitern von RWE gibt es eine hohe Identifikation mit dem Konzern. Sie wollen ihre industriellen Arbeitsplätze erhalten. Aus unserer Sicht kann es aber nicht gut sein, ständig Existenzen zu zerstören und sich damit zu identifizieren. Unsere Debatte findet vor dem Hintergrund der Verhandlungen der sogenannten Kohlekommission zu »Wachstum, Strukturwandel und Beschäftigung« statt. Zum ersten Mal sitzen mit Antje Grothus für das Rheinland und Hannelore Wodtke für die Lausitz Vertreterinnen der Anwohner im Gremium. Antje Grothus forderte etwa, dass der Kahlschlag im Hambacher Forst während der Gespräche ausgesetzt wird. Selbst bei der IG BCE kommt Nachdenklichkeit auf, dass es eventuell anders gehen muss. Das kann eine Chance sein zu überlegen, wie man trotz Kontroverse gemeinsam politisch kreativ sein kann, um die Zukunft zu gestalten. Erneuerbare Energien sind zu schaffen, die die Natur nicht zerstören und an unseren Bedürfnissen ausgerichtet sind. Sie sind dezentral in den Regionen zu erzeugen – und nicht von großen Konzernen, die nur an Profite denken.

Wird es keine Aktionen gegen den Kohletagebau geben?

Nein, wir machen diesmal keine Aktionen zivilen Ungehorsams. Aber nicht, weil wir das Eintreten für unsere Ziele in dieser Weise falsch fänden: Ziel ist, die Bewegung zu verbreitern und neue Strategien zu diskutieren.

Johanna Winter ist Organisatorin des Klimacamps im Rheinland

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