Aus: Ausgabe vom 14.08.2018, Seite 15 / Betrieb & Gewerkschaft

Lamy versucht Betriebsrat zu »löschen«

Schreibgerätehersteller kündigt Interessenvertreter. IG Metall zieht vor Gericht

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Hat offenbar ein Problem mit der Mitbestimmung: Der Füllfederhalterproduzent Lamy

Der Name »Lamy« dürfte vielen aus der Schulzeit noch ein Begriff sein. Der gleichnamige Schreibgerätehersteller produziert unter anderem die beliebten Füllfederhalter und die entsprechenden »Tintenkiller«-Stifte. Mit letzteren lässt sich Tinte bequem wieder »löschen«, sprich entfernen. »Löschen« möchte die neue Geschäftsführung des Heidelberger Unternehmens nun offenbar auch Teile des Betriebsrats. Wie die IG Metall am Montag mitteilte, wurden die Betriebsratswahlen bei Lamy »manipuliert«, und der Vorsitzende der Interessenvertretung wurde »gekündigt und aus dem Werk verwiesen«.

Lamy sei bisher »ein sehr sozialer Familienbetrieb« gewesen, zeigte sich die Gewerkschaft überrascht. Vor rund zwei Monaten habe jedoch die Geschäftsführung bei dem Füllerproduzenten gewechselt. Seitdem herrsche ein rauhes Betriebsklima. Ein erstes Opfer der neuen Leitung sei nun der bisherige Betriebsratsvorsitzende Jürgen Böhm geworden. Böhm, der seit 25 Jahren im Betrieb arbeitet, sei zunächst von der Geschäftsführung gemobbt und dann gekündigt worden, so die IG Metall weiter. Wie der Erste Bevollmächtigte der Gewerkschaft in Heidelberg, Mirko Geiger, betonte, sei dies jedoch »aus völlig fadenscheinigen Gründen« geschehen. Die Kapitalseite werfe dem Betriebsrat vor, in einer Besprechung im letzten Jahr die Unwahrheit gesagt zu haben.

Die IG Metall Heidelberg zieht nun vor das Arbeitsgericht. Aber nicht nur wegen der Kündigung, sondern wegen einer »Reihe von Verstößen«. Zuvor habe die Geschäftsführung bereits in die Betriebsratswahlen eingegriffen, so die Gewerkschaft. Statt der eigentlich vorgesehenen elf Mitglieder hätten die Beschäftigten nur neun wählen dürfen. Einer der drei Listen, die zur Wahl antraten, fehlten die nötigen Unterstützerunterschriften. Beschäftigte, die nicht wahlberechtigt waren, konnten trotzdem wählen. Gültige Stimmen wurden als ungültig gewertet. Und der Geschäftsführer habe einer Liste »besondere Vorteile« im Wahlkampf gewährt, während die Beschäftigten auf der IG-Metall-Liste »behindert« worden seien. Beispielsweise hätten sie keine Flugblätter während der Arbeitszeit verteilen dürfen.

Die Gewerkschaft will vor Gericht erreichen, dass Lamy die Kündigung des Betriebsratsvorsitzenden zurücknimmt und die Wahl wiederholt wird. Dies würden der Geschäftsführer und Teile des Betriebsrats jedoch ablehnen, so die IG Metall. Nachdem ein erster Gütetermin keine Einigung erbracht habe, beginne nun im September der Prozess vor dem Heidelberger Arbeitsgericht. (sth)

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