Aus: Ausgabe vom 13.08.2018, Seite 7 / Ausland

Kampf gegen die Invasoren

Türkei will besetzte Gebiete Nordsyriens in eigenen Machtbereich eingliedern. Lokale Milizen schwächen Ankara durch Strategie der Nadelstiche

Von Peter Schaber
Bildschirmfoto 2018-08-12 um 12.40.07.png
Der Widerstand gegen die türkische Besatzung in Afrin geht weiter

Seit Mitte März steht der im Nordwesten Syriens gelegene, mehrheitlich von Kurden bewohnte Kanton Afrin unter türkischer Besatzung. Zusammen mit islamistischen Terrorgruppen kontrollieren die Streitkräfte Ankaras das Gebiet, Menschenrechtsverletzungen und Kriegsverbrechen sind an der Tagesordnung. Die Türkei hat dabei offenbar nicht vor, aus Afrin wieder abzuziehen: Plätze werden nach dem türkischen Autokraten Recep Tayyip Erdogan benannt, die vormalige lokale Selbstverwaltung durch eine Regierung von Ankaras Gnaden ersetzt.

Der Krieg, den kurdische und arabische Milizen zur Verteidigung gegen den Angriff der Türkei führten, ist nach dem Fall der Kantonshauptstadt Afrin weitgehend aus der medialen Berichterstattung verschwunden – und doch geht er in veränderter Form weiter. Verschiedene Gruppierungen führen Attentate auf Kommandanten dschihadistischer Milizen und Anschläge auf Einrichtungen des türkischen Militärs sowie von deren Verbündeten durch. »Die Strategie der Nadelstiche, die unsere Kräfte von YPG und YPJ nicht nur in Afrin, sondern auch in anderen von der Türkei besetzten Gebieten wie Idlib, Dscharabulus und Al-Bab verfolgen, ist äußerst erfolgreich«, erklärt Rustem Serwan von der Internationalistischen Kommune Rojava am Freitag gegenüber junge Welt. »Über die Presse kriegt man höchstens einen kleinen Teil von dem mit, was da wirklich läuft«, so der frühere YPG-Kämpfer.

Allein in der ersten Augustwoche seien ein Kämpfer der islamistischen Failak Al-Scham, zwei türkische Soldaten und drei weitere Söldner bei Sprengstoffexplosionen getötet worden, bilanzierte am Freitag die Militärpresse der kurdischen Volksverteidigungseinheiten. Insgesamt liegt die Zahl der seit März getöteten Besetzungskräfte bei mehreren hundert. Neben YPG und YPJ operieren offenbar auch unabhängige Gruppen in Afrin gegen die Besatzung.

Die aktuelle Guerillakriegführung sei lediglich »das Warm-up« zur Befreiung Nordsyriens von türkischer Besatzung, so Serwan. Die strategische Lage verändere sich derzeit zu Ungunsten Ankaras. »Das syrische Regime geht sehr erfolgreich gegen die mit der Türkei verbündeten islamistischen Milizen im Süden Syriens vor. Das dürfte bald abgeschlossen sein«, meint Rustem Serwan. Danach blieben auf syrischem Boden drei relevante Kräfte: Damaskus, die in der »Demokratischen Föderation Nordsyrien« zusammengeschlossenen kurdischen, arabischen und weiteren Kräfte sowie die türkische Armee und ihre islamistischen Verbündeten. Serwan geht davon aus, dass die syrische Armee nach Ende der Offensive im Süden auf Idlib vorrücken wird. »Nicht auf höchster Ebene, aber es gab bereits Verlautbarungen aus dem syrischen Regime, bei dieser Operation mit uns zusammenzuarbeiten. Wir haben auch schon gesagt: Wo immer es Terroristen gibt, sind wir dazu bereit, den Kampf aufzunehmen.« Dennoch dürfe man »die derzeitigen Verhandlungen mit dem Regime nicht überbewerten. Damaskus ist im Moment nicht dazu bereit, wirkliche politische Zugeständnisse zu machen.« Das aber könne sich im Verlauf der kommenden Auseinandersetzungen ändern, denn zumindest gegen die Türkei bestehe ein gemeinsames Interesse. »Niemand in Syrien hat vergessen, dass Erdogan sieben Jahre lang alles getan hat, um dieses Land zu zerstören.«


Lesetip abgeben

Artikel empfehlen:

Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Ähnliche:

Mehr aus: Ausland