Aus: Ausgabe vom 11.08.2018, Seite 11 / Feuilleton

»Wie aus dem Ei gepellt«

Mit Futteral und Mosaik, ohne Kantine: Ein Sammelband zum Umbau des Kulturpalasts Dresden

Von Sigurd Schulze
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Restaurierung des Mosaiks »Der Weg der roten Fahne« (Foto aus dem besprochenen Band)

Eine glückliche Hand bewies die Stadt Dresden, als sie 2009 die »Architektensozietät von Gerkan, Marg und Partner (gmp)« mit dem Umbau des Kulturpalasts beauftragte. Im Kern ging es bei diesem Auftrag um den Einbau eines neuen Konzertsaals, der höchsten akustischen Ansprüchen gerecht werden musste. Meinhard von Gerkan, eine Legende seit er Mitte der 60er den Flughafen Berlin-Tegel entwarf, hat nun einen Sammelband über Planung und Umsetzung des Projekts bis zur Wiedereröffnung im Frühjahr 2017 mitherausgegeben

Von Gerkan stellt in dem Band nicht ohne Genugtuung fest, dass die Stadt einer populistischen Strömung widerstand, die die Zeugnisse der DDR-Moderne zu Gunsten des barocken Gesamteindrucks tilgen wollte. Als ein solches Zeugnis sollte der Kulturpalast nach der Runderneuerung beinahe unverändert im Stadtbild erscheinen, entschied der Stadtrat, und stellte sich damit gegen Forderungen, das Gebäude abzureißen oder historisch zu umkleiden (Architekt Hans Kollhoff wollte bei der Gelegenheit gleich noch Ladenstraßen einrichten). Dem Büro gmp musste das Kunststück gelingen, in einem selten eng gesteckten baulichen Rahmen einen Konzertsaal von internationalem Rang, ein Kabaretttheater und eine Bibliothek zu implantieren – für von Gerkan eine geradezu undankbare Aufgabe, die jedoch seinen Ehrgeiz weckte. Er versteht Architektur als Kunst in sozialer Bindung.

Der Kulturpalast ist seit einem halben Jahrhundert eine fest etablierte Größe im Dresdner Stadtbild, wohltuend zurückhaltend, ohne Hang zum Sensationellen. Der Architekturkritiker Falk Jaeger formuliert im Band treffend: »Wo man normalerweise das Rathaus erwartet, am Altmarkt, erblickt man, wie aus dem Ei gepellt, den eleganten Bau der DDR-Moderne, in den es den Besucher geradezu hineinzieht.«

Ausführlich beschreibt Jaeger die Probleme der nach 40jährigem Betrieb nötigen Sanierung, die Grundsatzfragen aufwarf, zum Beispiel, ob der alte Mehrzwecksaal durch einen völlig anders gestalteten Konzertsaal ersetzt werden durfte. Anhänger der Ostmoderne forderten die Erhaltung des Bestehenden, Architekt Wolfgang Hänsch pochte auf sein Urheberrecht, was, wie Jaeger schreibt, im Falle der Durchsetzung auf einen Schildbürgerstreich hinausgelaufen wäre – der vernutzte Saal hätte vollständig abgerissen und originalgetreu wieder aufgebaut werden müssen. Mit seinem Kippparkett besaß er ein Alleinstellungsmerkmal, aber die starre Sitzordnung und der Verzicht auf gebogene Formen schmälerten die Akustik.

Zu diesem Schluss kam auch das Landgericht Leipzig und wies Hänschs Klage ab. Im Sinne des Denkmalschutzes wurden dennoch viele Elemente der Innenausstattung erhalten oder wiederhergestellt – ein künstlerisch-architektonischer Erfolg, auch wenn die mit Sicherheitsglas beplankten Treppengeländer überdimensioniert wirken. Gerhard Bondzins 315-Quadratmeter-Mosaik »Der Weg der roten Fahne» an der Westseite des Baus hatte seine Feinde, doch obsiegte auch in diesem Fall die Vernunft: Das Kunstwerk bleibt als Zeitzeugnis erhalten.

Zentral war die Akustik des Konzertsaals, die, so Jaeger, den Vergleich mit den neuen Sälen in der Berliner Philharmonie, dem Leipziger Gewandhaus oder der Elbphilharmonie nicht scheuen muss. Unter dem Strich scheint ihm die »architektonisch runderneuerte Ikone der Ostmoderne« als Genugtuung »für all jene« geeignet, »die die Errungenschaften der DDR-Architektur durch die vom Westen dominierte Nachwendearchitektur entwertet sehen«.

Zu kurz kommt im Band die neue Konzertorgel der Firma Eule, Bautzen, mit ihren 67 Registern und 4.000 Pfeifen, die zu 80 Prozent aus Spenden finanziert wurden – eine Glanzleistung des Fördervereins der Dresdner Philharmonie.

Ein wichtiges Ziel des Umbaus waren verbesserte Arbeitsbedingungen für die Musiker der Dresdner Philharmonie und der Gastorchester. Im Sinne des von von Gerkan verfolgten Prinzips des »dialogischen Entwerfens» wurden die Grundrisse der Stimmzimmer, Garderoben und Depots in intensiven Diskussionen mit dem Orchester abgestimmt. Am Ende war der Orchestervorstand höchst zufrieden. Was allerdings fehlt, ist eine Kantine, wie sie etwa in der neuen Staatsoperette Dresden oder der Berliner Philharmonie zu finden ist. Als Ort zur Verpflegung, aber auch Treffpunkt der Künstler hat sich das sehr bewährt. Angesichts der engen Zusammenarbeit bei der Planung ist dieses Manko verwunderlich. Eine Lösung werde gesucht, beteuern Intendantin Frauke Roth und Orchestervorstand.

Das Buch enthält Grundrisse der einzelnen Etagen. Anschaulich wird zum Beispiel, wie passgenau die Bibliothek in den oberen Geschossen die Kuppel des Konzertsaals nach Art eines Futterals umschließt. Am Schluss zeigt der Band auf einer Doppelseite ein Foto von der Restaurierung des Mosaiks »Der Weg der roten Fahne», ein erneutes Bekenntnis dazu, die »Zeugnisse einer immerhin 40 Jahre andauernden geschichtlichen Epoche» zu erhalten, schreibt von Gerkan. Die Autoren versäumen nicht zu erwähnen, dass Walter Ulbricht zu den 70 Personen gehört, an die das Mosaik erinnert. Ulbricht war maßgeblich an der Entscheidung zum Bau des Kulturpalastes beteiligt, der zum Prototypen des Palastes der Republik in Berlin werden sollte. Zur Debatte um eine gerechte Beurteilung der DDR-Geschichte liefert dieser Band kompetente Beiträge.

Meinhard von Gerkan und Stephan Schütz (Herausgeber): Kulturpalast Dresden. Jovis-Verlag, Berlin 2018, 103 Seiten, 20,80 Euro


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