Aus: Ausgabe vom 23.07.2018, Seite 5 / Inland

Sklaven für Paketdienste

Medienbericht deckt »mafiöse Strukturen« in der Branche auf

Von Bernd Müller
DHL_Zustellbasis_fue_49342824.jpg
Den Arbeitern wird alles abverlangt. DHL-Zustellbasis in Kleinmachnow (18.5.2016)

Die in den vergangenen Jahren rasant gewachsene Branche der Paketzusteller ist für ihre miesen Arbeitsbedingungen bekannt: Wer sich wehrt, muss von jetzt auf gleich gehen. Inzwischen wird es immer schwerer, Leute für den Job zu finden. Deshalb bedienen sich die Unternehmen mitunter mafiöser Strukturen, um Menschen aus Osteuropa zu rekrutieren. Dies belegt ein am Freitag veröffentlichter Bericht des NDR.

Das Beispiel ist ein Subunternehmen des Paketdienstleisters Hermes. In Harrislee (Kreis Schleswig-Flensburg) betrieb es bis vor kurzem ein Paketdepot. Vor sechs Wochen führte dann die Polizei dort eine Razzia durch. Sie ermittelt gegen den Betreiber und vier weitere Personen, denen vorgeworfen wird, illegal Fahrer aus dem Nicht-EU-Ausland eingeschleust und beschäftigt zu haben.

Das hat System, denn in der Bundesrepublik lassen sich immer weniger Fahrer finden, die zu den in der Branche üblichen Bedingungen arbeiten wollen. Pro Stunde müssen sie für den kargen Mindestlohn 15 bis 20 Pakete zustellen, was weder in Städten noch im ländlichen Raum machbar ist, so Tim Engartner, Professor für Sozialwissenschaften an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main, im Interview mit dem NDR. »Und wenn dann Unwägbarkeiten auftreten, wie zum Beispiel Verkehrsunfälle, müssen sie sogar mitunter selbst dafür haften.«

Die beiden Branchenführer DHL und Hermes, die auf einen Marktanteil von knapp 90 Prozent kommen, tragen den Konkurrenzkampf auf dem Rücken der Paketboten aus. Denn trotz atemberaubender Mengenzuwächse sanken die Gewinne der Unternehmen. DHL fuhr einem Bericht des Handelsblatts vom 16. Mai zufolge eine Milliarde Euro weniger ein als erwartet. Die Service-Sparte der Otto Group, zu der Hermes gehört, hatte einen Verlust von sechs Millionen Euro zu verbuchen. Für Kay Schibur, Vorstand der Otto Group, ist der Fall klar: Die Löhne sind der Kostentreiber. »70 Prozent der Hermes-Kosten gehen auf das Konto des Personals«, berichtet er. Die Paketboten verursachten 50 Prozent der Aufwendungen.

Über ein System von Subunternehmen versuchen DHL und Hermes seit Jahren, die Lohnkosten zu drücken. Subunternehmen zahlen keine Tariflöhne, »sondern wenn überhaupt das gesetzlich vorgeschriebene Minimum, den Mindestlohn von derzeit 8,84 Euro brutto pro Stunde«, heißt es bei dem DGB-Projekt »Faire Mobilität«. Indem sie sogenannte Freiberufler beschäftigen, umgehen sie auch den Mindestlohn und andere Sozialstandards.

Inzwischen richtet sich der Blick der Paketdienstleister nach Osteuropa. Denn je weiter man Richtung Osten geht, desto billiger sind die Arbeitskräfte. Bei Recherchen fand der NDR Anzeigen im Internet, die auf Russisch und Ukrainisch für Paketfahrer-Jobs in Deutschland werben. Bedingung ist ein polnisches Visum. Das bekommen die Männer von einem Vermittlungsbüro in Polen, welches die Ukrainer wirbt, einstellt und mit allen notwendigen Papieren versorgt. Es schickt sie dann legal zu Subunternehmen von Hermes nach Schleswig-Holstein, die sie direkt als Paketfahrer einsetzen oder an andere Subunternehmen weitervermitteln.

Den auf diese Weise geworbenen Paketfahrern werden Löhne geboten, die mal bei 900 Euro, mal bei 1.300 Euro liegen. Davon werden ihnen mitunter 300 Euro im Monat für ein Zimmer abgezogen, das sie sich noch mit anderen teilen müssen.

Razzien gab es auch in Thüringen und Nordrhein-Westfalen. Dort sollen Subunternehmer von Hermes Moldauer mit rumänischen Pässen versorgt und für wenig Geld als Paketfahrer beschäftigt haben. Nach Angaben des NDR schrieb die Bundespolizei, »dass die Sub-Subunternehmer ›professionelle Dokumentenfälscherwerktstätten‹ nutzten und teilweise ›auf kriminelle Netzwerke‹ zurückgriffen«. Professor Engartner sagte, mitunter könne man von »mafiösen Strukturen« sprechen. Er könne nicht verstehen, »warum man da von gesetzgeberischer Seite nicht stärker einschreitet und versucht, diesen Akteuren das Handwerk zu legen«. Eine Lösung besteht für ihn darin, dass der Staat wieder stärker eingreift. »Ich könnte mir vorstellen, dass man wieder verstaatlicht und diese verschiedenen Frachtpostgesellschaften unter dem Dach der dann wieder teilverstaatlichten Deutschen Post AG zusammenführt.«


Lesetip abgeben

Artikel empfehlen:

Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

Mindestlohn Für Arbeit, von der man leben kann

Leserbriefe zu diesem Artikel:

Ähnliche:

Mehr aus: Inland