Aus: Ausgabe vom 23.07.2018, Seite 5 / Inland

Heuschrecken knabbern Stahl

Hedgefonds gewinnen an Einfluss bei Thyssen-Krupp. Gewerkschaft befürchtet Zerschlagung des Konzerns. Kanzlerin duckt sich weg

Von Gerrit Hoekman
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Ungewisse Zukunft. Blick aus Duisburg-Marxloh auf ein Stahlwerk von Thyssen-Krupp

Sigmar Gabriel (SPD) fiel weder als Wirtschafts- noch als Außenminister als Revoluzzer auf, sondern erwies sich als Bestandsbewahrer kapitalistischer Interessen. Doch nun in der Thyssen-Krupp-Krise entdeckt Gabriel den Arbeiterführer in sich.

In einem Interview mit der Funke-Mediengruppe zog er am Freitag kräftig gegen die Hedgefonds vom Leder, die gerade dem letzten Industriekonzern an Rhein und Ruhr das Fell über die Ohren ziehen wollen. Man müsse der »Heuschrecke den Geschmack an Thyssen-Krupp verderben«, forderte Gabriel. »Investoren, die alleine mit dem Ziel bei Unternehmen einsteigen, um ohne Rücksicht auf die Menschen Kasse zu machen, sind eine Gefahr für die Demokratie. Das ist Klassenkampf von oben.«

Gemeint ist der US-amerikanische Hegdefonds Elliot, der Ende Mai Gerüchte bestätigte, sich bei Thyssen-Krupp eingekauft zu haben. Allerdings in einer Größenordnung, die unterhalb der meldepflichtigen Grenze von drei Prozent liegt. Das sieht nach wenig aus, aber Elliot hat den Ruf aus nichts viel zu machen. Die Maxime der New Yorker: Maximale Rendite für die eigenen Teilhaber. Egal wie und immer auf dem Rücken der Beschäftigten.

Boss ist Paul Singer, der als schmerzfrei gilt, was die Belange der Belegschaft angeht. Er ist Mitglied der Republikanischen Partei.

Kaum war Elliot Aktionär bei Thyssen-Krupp begann der Hedgefonds heftig mit dem zweitgrößten Teilhaber Cevian zu flirten, einem Finanzinvestor aus Schweden. Weil Cevian laut Managermagazin 18 Prozent hält, könnten sie gemeinsam bald den bis jetzt größten Aktionär, die Krupp-Stiftung, überflügeln, die über 21 Prozent verfügt. Cevian ist schon länger unzufrieden mit der Geschäftspolitik bei Thyssen-Krupp. Der Umbau des Konzerns geht dem Investor nicht schnell genug.

Ende Juni wurde die Fusion mit dem indisch-niederländischen Stahlriesen Tata Steel aus IJmuiden besiegelt. Thyssen-Krupp erhält 50 Prozent an dem Joint Venture, dessen Firmenzentrale ihren Sitz in Amsterdam bekommen soll. Die Belegschaft stimmte dem Vorhaben am 5. Juli zu, vor allem weil es eine Jobgarantie bis Ende 2026 beinhaltet. Maximal sollen 2.000 Arbeitsplätze abgebaut werden. »Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht«, sagte der Betriebsratsvorsitzende Tekin Nasikkol gegenüber der Westfälischen Allgemeinen Zeitung.

Doch Elliot und Cevian geben keine Ruhe. Der von Thyssen-Krupp-Chef Heinrich Hiesinger ausgehandelte Vertrag mit Tata Steel sei Käse. Hiesinger warf frustriert das Handtuch, kurz darauf suchte der Vorsitzende des Aufsichtsrats, Ulrich Lehner, ebenfalls das Weite. Beide wollten die Stahlsparte unbedingt im Gesamtkonzern behalten, die Investoren hätten nichts dagegen, wenn sie komplett abgestoßen würde.

Gewerkschaften und Belegschaft wittern jetzt den Versuch, Thyssen-Krupp zu zerschlagen. Besonders in Duisburg, wo die meisten Hochöfen des Unternehmens stehen, zittern die Beschäftigten. »Thyssen-Krupp muss Chefsache werden«, forderte Duisburgs Oberbürgermeister Sören Link (SPD) am Wochenende im Deutschlandfunk. Der Konzern sei wichtig, »auch was die Bedeutung für die Emotionen in der Stadt, was die Tradition der Stadt angeht«.

In der Welt am Sonntag kündigte NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU), der im Kuratorium der Krupp-Stiftung sitzt, an: »Ich werde mit allen Akteuren sprechen, um den Zukunftsprozess von Thyssen-Krupp aktiv zu begleiten«, . In Berlin äußerte sich erstmals auch die Kanzlerin zu den Turbulenzen beim führenden deutschen Stahlkonzern. Sie befürworte wie Parteifreund Laschet ein »möglichst breit aufgestelltes Unternehmen«, sagte Angela Merkel laut dpa am Freitag. Am Ende sei es aber eine wirtschaftliche Entscheidung des Konzerns, so Merkel. Soll heißen: Wenn es hart auf hart kommt, schlägt sich die Bundesregierung in die Büsche.


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