Aus: Ausgabe vom 23.07.2018, Seite 4 / Inland

Rechtsterror – Gefahr nicht gebannt

Nach Urteil im NSU-Prozess: Gegen militantes Neonazinetzwerk »Combat 18« wird weiter nicht ermittelt

Von Gitta Düperthal
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Militante neofaschistische Organisationen konnten im April auf dem Festival »Schwert und Schild« im sächsischen Ostritz offen ihre Embleme und menschenverachtenden Parolen zur Schau stellen

Einen bemerkenswerten Einblick in Weltbild und Strategie der militanten Neonazigruppe »Combat 18« hat am Donnerstag abend im NDR-Magazin »Panorama« ausgestrahlter Report geliefert. »Combat 18« (C 18) – die Zahlen stehen für den ersten und achten Buchstaben des Alphabets, damit für die Initialen »AH«, also für »Adolf Hitler« – wurde bereits Anfang der 1990er Jahre in Großbritannien gegründet. Die »Kampftruppe« ist der bewaffnete Arm des internationalen Neonazinetzwerks »Blood and Honour« und in vielen Ländern Europas aktiv. Seine Prinzipien des »führerlosen Widerstands« haben auch die Rechtsterroristen des NSU angewandt.

Im Beitrag des von ARD und ZDF finanzierten Rechercheformats »Strg F« wird der Frage nachgegangen, ob in der Bundesrepublik weiterhin Morde und Anschläge militanter Neonazis drohen könnten. Tatsächlich absolvierten »C 18«-Aktive im vergangenen Jahr in Tschechien Schießtrainings. »Strg F«-Reporter werteten Unterlagen aus, die von der antifaschistischen Gruppe »Exif« veröffentlicht worden waren: Eine Art Handbuch von »Combat 18 Deutschland« und Bankunterlagen des mutmaßlichen Kassenwartes der Truppe, Stanley R. Auf Kontoauszügen sind zahlreiche Namen von Neonazis aus dem gesamten Bundesgebiet verzeichnet.

Die Reporter haben den tschechischen Schießstand aufgesucht, den die Neonazis für ihre Trainings nutzten. »Wir haben uns als ›ganz normale Schießwütige‹ ausgegeben und mit versteckter Kamera gedreht«, berichten sie in ihrem Film. Zur Begrüßung hieß es: »Gott sei Dank keine deutschen Neger«. Dann Kameraschwenk auf Nazidevotionalien: eine Hitler-Büste, ein SS-Helm, eine Mütze mit SS-Totenkopf, die deutsche Reichsflagge.

Bekannt wurde der Schießtourismus im September 2017, als die Polizeieinheit GSG 9 am Grenzübergang zwischen Bayern und Tschechien zwölf Neonazis stoppte und bei ihnen unter anderem 26 Patronen fand, die auch für Sturmgewehre genutzt werden können. Stanley R., ein polizeibekannter Neonazi aus Hessen, gab später zu, dass die Gruppe an jenem Tag von einem Schießstand in Tschechien kam. Im Münchener NSU-Prozess war R. als »Szenekundiger« befragt worden. Die weitläufigen Verbindungen des »NSU-Trios« zu Gleichgesinnten, die sehr wahrscheinlich an der Vorbereitung und Ausführung der mindestens zehn Morde und des Nagelbombenattentats in der Kölner Keupstraße beteiligt waren, wurden vom Gericht trotzdem ausgeblendet.

Sogenannte nationale Sektionen von »C 18« existieren unter anderem in der Schweiz, in Schweden, Italien, den USA, in Spanien, Frankreich, Serbien, Tschechien und Litauen. In den 1990er Jahren hat die »Kampftruppe« in Großbritannien eine Serie von Anschlägen begangen. Im Jahr 2000 veröffentlichte der Norweger Erik Blücher alias Tor Erik Nilsen, eine Führungsfigur von Blood and Honour Scandinavia, unter dem Titel »The Way Forward« (»Der Weg vorwärts«) eine Art Manifest des bewaffneten Kampfes. »C 18« bezeichnete er darin als »Armee von Blood and Honour«.

In Deutschland sei das militante Netzwerk mittlerweile über die ganze Republik verteilt, berichtete »Strg F« in einem ausführlicheren Beitrag, der auf »Youtube« verfügbar ist. In Dortmund rekrutiert sich die »C 18«-Gruppe aus den Kreisen der »Oidoxie-Jungs«. Das Team filmte bei einem Konzert der 1995 gegründeten Neonaziband, eine Reporterin und ihr Kollege wurden dort prompt als »Zecken« verdächtigt und bedrängt.

Auch in Griechenland ist »C 18« aktiv: Am 6. März wurden bei Razzien sechs Mitglieder der Kampftruppe festgenommen. Sie müssen sich für insgesamt 30 Anschläge auf Migranten und Linke verantworten. Ihnen wird unter anderem Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung, Besitz von Sprengstoff und Sprengmechanismen sowie Brandstiftung vorgeworfen. Bei Hausdurchsuchungen in Athen und der nordgriechischen Hafenstadt Thessaloniki sind nach Angaben des Ministeriums für Bürgerschutz Brandflaschen, Sprengstoff und Propagandamaterial sichergestellt worden.

In Deutschland wird gegen »C 18« nach Angaben von Panorama bislang nicht ermittelt.

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Mord in Serie Das braune Terrornetzwerk und seine Helfer

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