Aus: Ausgabe vom 20.07.2018, Seite 11 / Feuilleton

Gute, geregelte Verdauung

Über Vor- und Nachteile des ewigen Aufschiebens aus revolutionärer Sicht

Von Dr. Seltsam
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Was du heute kannst besorgen, ist Wurst?

Prokrastination ist die »Aufschiebekrankheit«. Wer schreibt, kennt sie. Insbesondere Deutschlehrer neigen dazu, die Korrektur von Aufsätzen ewig hinauszuzögern, bis kurz vor den nächsten Klassenarbeitstermin. Einer meiner früheren Referendarskollegen ging gelegentlich so weit zu behaupten, die Tasche mit den Heften wäre gestohlen worden oder verlorengegangen oder sogar verbrannt. Es hat ihm wenig geholfen, sie mussten ja wiederholt werden.

Manchmal hat sie aber auch einen positiven Effekt: Wie oft sollte ich schon operiert werden! Dann hatte ich aber zuviel Angst, oder der OP-Saal war nicht frei, und so habe ich meine Gallenblase bis heute behalten und erfreue mich einer guten, geregelten Verdauung – dank Prokrastination.

Auch in der revolutionären Geschichte hat die Aufschiebekrankheit gelegentlich eine Rolle gespielt. Am 4. Januar 1908 bekam Rosa Luxemburg in ihrer Wohnung in der Cranachstraße 58 in Berlin-Friedenau Besuch von Lenin, der sich auf der Flucht in die Schweiz befand. Bestimmt legte er ihr nahe, dem Vorbild der Bolschewiki zu folgen und die SPD zu spalten – wenn erst einmal der Krieg ausbreche, gebe es keine Gelegenheit mehr, sich den Massen als konsequente revolutionäre Friedenskraft bekannt zu machen. Rosa hatte aber gerade eine lukrative Lehrerstelle an der SPD-Parteischule angetreten (3.000 Goldmark pro Semester), so kam es erst am 31. Dezember 1918 zur Gründung der KPD – zehn Jahre zu spät …

Auch einige der größten Texte der Revolution sind fast an Prokrastination gescheitert. Karl Marx hatte für sein wissenschaftliches Lebenswerk einen genauen Gesamtplan aufgestellt, seine »Kritik der politischen Ökonomie« sollte mehrere Teile umfassen: Kapital, Grundeigentum, Lohnarbeit, Staat, Außenhandel, Weltmarkt. Aber immer kam ihm was dazwischen, etwa die Internationale, Kriege, Revolutionen, Ausweisungen, Krankheiten, Kommunistenprozesse, und so ist uns nur der Torso seines Werkes überliefert.

Selbst das »Manifest der Kommunistischen Partei« haben Marx und Engels nicht pünktlich fertigbekommen! Am 25. Januar 1848 drohte der Bund der Kommunisten, die zur Verfügung gestellten Materialien zurückzunehmen und »weitere Maßregeln ergreifen«, sollte der Text nicht bis zum 8. Februar vorliegen. Sie haben es aber dann doch pünktlich zur Revolution 1848 geschafft.

Ein besonderer Fall von Prokrastination betrifft mich selbst, der ich gelegentlich mit Freude über Kulturthemen in dieser Zeitung schreibe. Im Mai 2017 erhielt ich zur Besprechung das Buch »Dunkle Seele, feiges Maul« von Niklas Frank, 2016 erschienen – zu spät fürs Feuilleton, das immer auf aktuelle Beiträge drängt. Nun hat mir dieses Konvolut aber so gut gefallen, dass ich es trotzdem loben will – unter anderem weil ich eine große Verehrung für den Autor empfinde, der gnadenlos mit Nazis abrechnet, vor allem mit seinem »Vater Hans Frank, der in Nürnberg Gott sei Dank hingerichtete Reichsminister und Generalgouverneur von Polen«.

Am zweiten Julisonntag veranstaltete die Bürgerinitiative »Hufeisern gegen rechts« in der Britzer Hufeisensiedlung eine Kundgebung zum Gedenken an Erich Mühsam, ihren einstigen Mitbewohner in der Dörchläuchtingstraße, der am 10. Juli 1934 im KZ Oranienburg ermordet worden war. Ich war eingeladen und las einige Kapitel aus dem Buch von Rudolf Rocker »Der Leidensweg von Zensl Mühsam« vor: »Als Hitler von Hindenburg zum Reichskanzler ernannt wurde, fühlte jeder von uns (Linken in der Hufeisensiedlung), dass eine schwere Zeit angebrochen war. Wir alle wussten, in welcher Gefahr Erich schwebte. Er bekam Schmähanrufe über das Telefon und anonyme Briefe, in denen ihm sein baldiger Tod angesagt wurde. Er selbst zeigte mir die Ergüsse dieser ›schönen Seelen‹: ›An den Dreckjuden und Geiselmörder Erich Mühsam‹. Wir drängten ihn, sich vorläufig ins Ausland zu begeben, er wollte davon nichts wissen. Ich warnte ihn, dass in einer Zeit, wo ihm jede versäumte Stunde zum Verhängnis werden konnte, lange Überlegungen nicht angebracht wären. Am anderen Morgen – es war vier Tage vor dem Reichstagsbrand – besuchte er mich und gestand, dass unter den gegebenen Verhältnissen mein Vorschlag wohl das beste sei, aber er wollte noch gerne wissen, wie ältere Kameraden einen solchen Schritt beurteilen würden … Das Ende war, dass uns Erich versprach, sofort alle Vorbereitungen zur Abreise zu treffen. Er wollte am 26. Februar in der Früh nach Prag reisen, doch verschob er die Abreise ohne mein Wissen, wahrscheinlich, weil er seine Frau Zensl nicht mittellos zurücklassen wollte und bei seinen Verwandten noch etwas Geld für sie aufzutreiben hoffte. Dieser eine Tag sollte ihm zum Verhängnis werden.«

Am Tag nach de Reichstagsbrand wurde er um fünf Uhr früh von zwei Beamten, natürlich ohne Haftbefehl, abgeholt und begann seinen Todesweg. In den nächsten Tagen wurden in ganz Deutschland mehr als 20.000 Linke den SA-Quälern überantwortet. Mit dem Aufschub ist also Vorsicht geboten. Wann die Politik die Farbe wechselt, kann man nicht wissen, aber man sollte immer abreisefertig sein!

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