Aus: Ausgabe vom 20.07.2018, Seite 7 / Ausland

Aus Feinden werden Nachbarn

Erste Flugverbindung zwischen Äthiopien und Eritrea nach 20 Jahren Krieg

Von Gerrit Hoekman
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Warmer Empfang in Addis Abeba: Eine Frau hat sich für den Besuch des eritreischen Präsidenten Isayas Afewerki die äthiopischen Nationalfarben auf die Wangen gemalt (14.7.2018)

»Dieser Tag ist ein einzigartiges Ereignis in der Geschichte von Äthiopien und Eritrea«, freut sich der Chef der Fluggesellschaft Ethiopian Airlines, Tewolde Gebremariam, am Mittwoch gegenüber der Nachrichtenagentur AFP. Grund für die Freude: Zum ersten Mal seit 20 Jahren hatte auf dem Bole International Airport von Addis Abeba ein Linienflug nach Asmara abgehoben, der Hauptstadt Eritreas. 15 Minuten später startete eine Maschine in die Gegenrichtung.

Der Friedensvertrag zwischen den beiden Nachbarstaaten in Ostafrika ist nur etwas mehr als zehn Tage alt, da ändern sich schon ganz praktische Dinge. Die Menschen können nun auch wieder grenzüberschreitend miteinander telefonieren. Am wichtigsten aber: Das Binnenland Äthiopien erhält eine Transitstrecke zum Meer und tritt dafür dem Nachbarn unter anderem das Dorf Badme mit seinen 800 Einwohnern ab.

Vordergründig hatten diese Grenzstreitigkeiten im Mai 1998 zum Krieg geführt, als Eritrea das von beiden Staaten beanspruchte Yirga-Dreieck besetzte. Die äthiopische Luftwaffe bombardierte die Hauptstadt Asmara und verhängte einen Wirtschaftsboykott gegen Eritrea, das mit der Schließung der Seehäfen von Massawa und Assab reagierte, über die Äthiopien zwei Drittel seines Handels abwickelte. Im Laufe des Krieges gewann Äthiopien die Oberhand und besetzte alle strittigen Regionen entlang der Grenze.

Am 18. Juni 2000 vereinbarten die beiden Staaten im »Abkommen von Algier« einen Waffenstillstand, der überwiegend eingehalten wurde. Dafür sorgten 4.000 Blauhelmsoldaten, die 2008 jedoch wieder abzogen, weil sie von Äthiopien in ihrer Arbeit behindert wurde. Die Vereinten Nationen hatten das im Yirga-Dreieck liegende Badme Eritrea zugeschlagen, Äthiopien erkannte den Beschluss nicht an.

Bei dem Konflikt ging es um wirtschaftliche Fragen. Eritrea, das nach einem jahrzehntelangen Befreiungskampf 1993 die Unabhängigkeit von Äthiopien erlangte, begann sich in der Folgezeit auch ökonomisch immer mehr abzukoppeln. Es verabschiedete sich aus dem gemeinsamen Währungsverbund, woraufhin Äthiopien eine neue Währung einführte.

Eritrea und Äthiopien zählten lange zum sozialistischen Lager, Eritreas regierende Partei »Volksfront für Demokratie und Gerechtigkeit« nennt sich bis heute marxistisch. Das Land schottet sich von der Außenwelt ab. Selbst über die Bevölkerungszahl gibt keine gesicherten Erkenntnisse.

Präsident Isayas Afewerki soll wie ein Diktator herrschen, der politische Gegner in den Kerker werfen oder gleich umbringen lässt. Er soll die Bürgerinnen und Bürger zu jahrelanger Fronarbeit für den Staat zwingen. Ob es sich dabei um Propaganda handelt, ist schwer zu sagen. Eritrea ist mit internationalen Sanktionen belegt. Im November entscheidet die UN darüber, ob sie verlängert werden. Im Moment sieht es wohl danach aus.

Nach der Vertragsunterzeichnung in Addis Abeba strahlten der äthiopische Premierminister Ahmed Abiy und Afewerki vor den Kameras um die Wette. Es folgte ein herzliche Umarmung, die den Eindruck machte, ernstgemeint zu sein. Danach machte sich Afewerki auf dem Weg zur seit 20 Jahren leerstehende Botschaft, um dort die Flagge seines Landes zu hissen.

Der frühere Geheimdienstchef Ahmed Abiy gilt als Motor der rasanten Entwicklung. Der 41jährige, der erst seit Februar im Amt ist, hat anscheinend das Ziel, alle Konflikte am Horn von Afrika zu lösen. Unlängst lud er den südsudanesischen Präsidenten nach Addis Abeba ein.

Innenpolitisch hat Abiy eine weitreichende Privatisierung staatlicher Betriebe – etwa des Stromerzeugers – angekündigt. Gute Beziehungen zu Eritrea sind für Investoren schon deshalb wichtig, weil sie Äthiopien einen Zugang zum Meer eröffnen. Schon jetzt kontrollieren internationale Agrarkonzerne – darunter auch deutsche – große Teile des Landes. Die Bevölkerung muss weichen und darf zu einem Hungerlohn auf den Äckern arbeiten.

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