Aus: Ausgabe vom 20.07.2018, Seite 4 / Inland

Pharmalobbyisten im Amt

Firma brachte offenbar gestohlene und wirkungslose Krebsmedikamente in Umlauf. Staatsanwalt ermittelt, Behörden und Politik schauten lange weg

Von Susan Bonath
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Thomas Barta, Abteilungsleiter im Gesundheitsministerium, kann keine Entwarnung geben

Kriminelle Pharmaunternehmer schmuggeln mutmaßlich aus einer griechischen Krankenhausapotheke gestohlene Krebsmedikamente nach Deutschland. Durch falschen Transport werden diese unbrauchbar. Eine Brandenburger Firma vertreibt sie. Zwar ermittelt die Staatsanwaltschaft und auch die Landesbehörden wissen Bescheid. Doch niemand unternimmt etwas – anderthalb Jahre lang. Erst ein Bericht des ARD-Magazins »Kontraste« aus der vorherigen Woche hat die Politik nun offenbar aufgeschreckt.

Es habe Versäumnisse gegeben, räumte Brandenburgs Ministerin für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Frauen und Familie, Diana Golze (Die Linke), am Mittwoch ein. Obwohl ihr das Gesundheitsamt untersteht, habe es sie nicht informiert, beteuerte sie gegenüber dem Rundfunk Berlin-Brandenburg. Die verdächtigen Medikamente – 700 verschiedene seien auf einer Liste erfasst – habe man am Montag zurückgerufen. Es solle zudem geprüft werden, der Firma die Erlaubnis zu entziehen, sagte Golze.

Laut Kontraste-Recherche war der Skandal in Griechenland bereits im Herbst 2016 durch einen anonymen Hinweis aufgeflogen. Dort habe es Razzien und mehrere Verhaftungen gegeben. Der Vorwurf: Diebstahl von Medikamenten im Wert von mehreren Millionen Euro. Diese seien ungekühlt in andere Länder transportiert worden, darunter auch Deutschland. Einer der Zwischenhändler des Diebesguts: der Pharmagroßhändler Lunapharm mit Sitz im brandenburgischen Blankenfelde-Mahlow. Umgehend hätten griechische Ermittler die deutschen Behörden in diesem Zusammenhang informiert. Die Staatsanwaltschaft Potsdam jedenfalls ermittelt seit März 2017 gegen die Geschäftsführerin des Unternehmens. Es gehe um mutmaßliche Hehlerei und Verstöße gegen das deutsche Arzneimittelgesetz, sagte deren Sprecherin Dorina Dubrau. Am 5. April 2017 habe ihre Behörde das Brandenburger Landesamt für Arbeitsschutz, Verbraucherschutz und Gesundheit (LAVG) über den Verdacht informiert.

Dem Landesamt obliegt die Kontrolle von Firmen wie Lunapharm. Dieses hätte durchaus umgehend eingreifen können – und wäre sogar dazu verpflichtet gewesen, wie Wolf-Dieter Ludwig von der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft meint. »Es hätte die Öffentlichkeit sofort informieren und die Medikamente aus dem Handel ziehen müssen«, kritisierte Ludwig. Dass amtliche Wegschauen hält er vor allem für »verantwortungslos gegenüber den Krebspatienten«.

Das LAVG beteuerte zunächst, es habe nach bestem Gewissen gehandelt und sogar Proben genommen. Die Untersuchungen im Landeslabor Berlin-Brandenburg hätten ergeben, dass die Mittel »voll wirksam« gewesen seien. Gefahr für Patienten habe nicht bestanden, erklärte der Abteilungsleiter für Gesundheit im Ministerium, Thomas Barta, am vorherigen Freitag. Mittwoch räumte er dann doch ein, dass nur Medizin in Pulverform getestet wurde, und zwar nach vorheriger Ankündigung. Flüssige Wirkstoffe, die gekühlt werden müssen, habe man allerdings nicht geprüft. Dazu sei das Labor auch nicht in der Lage.

Nun schieben sich die Beteiligten die Schuld gegenseitig in die Schuhe. Abteilungsleiter Barta will erst am Freitag nach dem Fernsehbericht von dem offensichtlichen Ausmaß des Medikamentenskandals erfahren haben. Dem steht nicht nur die Aussage der Staatsanwaltschaft entgegen. Im Bericht wurde auch aus einem E-Mail-Verkehr aus dem vergangenen Jahr zitiert, welcher der ARD vorliege. Darin hätten die griechischen Behörden das Landesamt mehrfach und eindringlich vor dem Handel mit möglicherweise nutzlosen oder gar gefährlichen Medikamenten gewarnt. Einmal habe das Landesamt beispielsweise wörtlich geantwortet: »Würden wir einen Rückruf aller Medikamente veranlassen, würde dies im Bankrott der Firma enden.«

Gesundheitsministerin Golze rügte dagegen, das Gesundheitsamt sei offenbar seiner Pflicht, Arzneimittel zu überwachen, nicht ordentlich nachgekommen. Es habe ihm vorliegende Hinweise nicht an die Hausspitze weitergeleitet. »Es ist nicht nachvollziehbar, warum nicht früher gehandelt wurde«, so Golze im Gespräch mit dem RBB. Sie will nun herausfinden, »wer wann was gewusst hat«.

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Krankes System Gesundheitspolitik auf Kosten der Kranken

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