Aus: Ausgabe vom 19.07.2018, Seite 10 / Feuilleton

Verhinderter Höhlenretter

Von Thomas Wagner
xElon_Musk_54870732.jpg
War Essig mit dem PR-Erfolg: U-Boot-Eigner Elon Musk ist enttäuscht

Anfang Juli sorgten sich Menschen weltweit um das Schicksal einer Jugendfußballmannschaft, die über zwei Wochen tief in einer thailändischen Höhle feststeckte. Zahlreiche Höhlentaucher reisten an, um dabei zu helfen, die zwölf Kinder und Jugendlichen und ihren Trainer zu retten. Das Unterfangen erschien vielen als beinahe hoffnungsloses Rennen gegen die Zeit. Vor Ort wurden Rettungspläne ersonnen.

Ein Unternehmer aus dem Silicon Valley glaubte, die zündende Idee zu haben. »Warum nicht auf die Schnelle ein Mini-U-Boot bauen, um die Kleinen herauszuholen?« überlegte sich Elon Musk. Der Vorstandsvorsitzende des Elektroautobauers Tesla und Gründer des Raumfahrtunternehmens Space X kündigte an, aus Teilen von Space-X-Raketen ein Unterseeboot in Kindergröße bauen zu lassen und dieses dem Rettungsteam zur Verfügung zu stellen. Am 9. Juli twitterte er, nach Thailand gereist zu sein, um den Helfern vor Ort sein in Nullkommanix zusammengebautes Gefährt höchstpersönlich zu übergeben.

Das Mini-U-Boot bekam den Namen der eingeschlossenen Fußballmannschaft: »Wild Boar« (Wildschwein). Es wäre ein großer PR-Erfolg für den Multimilliardär gewesen, wenn das torpedoförmige Gerät tatsächlich erfolgreich eingesetzt worden wäre. Doch das Rettungsteam vor Ort lehnte dankend ab. Das U-Boot sei zwar technologisch »gut und fortschrittlich«, aber für den Einsatz nicht »praktikabel«, zitierte die FAZ (11.7.2018) den Einsatzleiter der Rettungsaktion, Narongsak Osotthanakorn. Die Ausrüstung passe einfach nicht für eine Rettungsmission in der Höhle.

Damit wird Musk, der zuvor Bilder des in einem Swimmingpool tauchenden Boots auf Twitter veröffentlicht hatte, wohl nicht gerechnet haben. Denn er gehört zu jenen Konzernherren aus dem Silicon Valley, die glauben, mit Hilfe ihrer technischen Erfindungen buchstäblich alle Probleme der Menschheit lösen zu können: vom Klimawandel über die Kinderarmut und ansteckende Krankheiten bis hin zur Kolonisierung des Mars. Die Befreiung von ein paar Knirpsen aus einer unzugänglichen Höhle nimmt sich dagegen fast wie eine leicht zu bewerkstelligende Aufgabe aus. Der Politologe und Silicon-Valley-Kritiker Evgeny Morozov hat diese Ideologie allumfassender technologischer Machbarkeit »Solutionismus« genannt. Die Diskussion um Technik, schreibt er in seinem 2013 erschienenen Buch »Smarte neue Welt. Digitale Technik und die Freiheit des Menschen«, werde so geführt, »als ginge es fast ausschließlich um Hilfsmittel und darum, welche Möglichkeiten diese Hilfsmittel ihrem Nutzer bieten«. Solches Denken verführe dazu, nach Lösungen zu suchen, bevor das Problem hinlänglich untersucht wurde.

Genau das, eine gründliche Analyse der vorliegenden Situation, haben offensichtlich die Mitarbeiter des Aktionsteams in Thailand getan. Mit Erfolg: Ein Kind nach dem anderen wurde von den Tauchern unversehrt aus der Höhle herausgeholt. Überschattet wurde die grandiose Leistung nur dadurch, dass einer der ausnahmslos erfahrenen Spezialtaucher bereits bei der Vorbereitung der hochgefährlichen Rettungsexpedition im engen Höhlentunnelsystem sein Leben verlor. Elon Musk wiederum scheint ob der Zurückweisung seines Hilfsangebots nachhaltig beleidigt zu sein. Laut Medienberichten beschimpfte er einen an der Rettungsaktion beteiligten britischen Taucher in einem Twitter-Post als »Pedo guy«, als Pädophilen. Für das U-Boot hat er jetzt keine Verwendung mehr. Er hat es vor Ort gelassen. Für den Fall, dass es bei künftigen Taucheinsätzen vielleicht doch noch einmal gebraucht werden könnte.

Das junge Welt-Sommerabo

Lesen Sie drei Monate die gedruckte Ausgabe der Tageszeitung junge Welt! Das Abo kostet 62 Euro statt 115,20 Euro und endet automatisch, muss also nicht abbestellt werden. Dazu erhalten Sie das Buch »Marx to go« aus dem Verlag Neues Leben. Dieses Angebot ist nur bestellbar bis 24. September 2018.


Lesetip abgeben

Artikel empfehlen:

Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Regio:

Mehr aus: Feuilleton