Aus: Ausgabe vom 19.07.2018, Seite 10 / Feuilleton

SPD ist nicht lustig

Teufel, Gott und andere Fakes: Von Ernst Volland ist eine Werkschau erschienen

Von Christof Meueler
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Die Kraft des Fakes: »Frische Malerei« von Blaise Vincent (Ernst Volland) auf einem Fensterrollo 1982 in Westberlin. Wie das Werk heißt, kann nicht mehr rekonstruiert werden, da die Titel spontan entstanden

Ernst Volland, kennen Sie den? Er ist über 70. Von ihm gibt es nun eine große Werkschau im Ziegelsteinformat auf fast 600 Seiten für 59 Euro. Ein sehr guter Mann, schon lange dabei im Kultur- und Antikulturbetrieb. Kann Malerei, Montage, Plakate, überhaupt Kunst. Und gute Witze machen, von links. Das können gar nicht so viele, weil viele linke Künstler dazu immer ein bisschen zu christlich, zu stumpf oder zu vorsichtig sind. Weil sie die Leute nicht verprellen wollen oder erschrecken oder verjagen. Die großen Ziele und die kleinen Geister.

Man müsste einmal das Sozialdemokratische im Unkomischen, das sich teilweise linke Unterhaltung nennt, erforschen. Seit Gerhard Henschels Fallstudie über den angeblich fortschrittlichen Kitsch, »Das Blöken der Lämmer« (1994), ist da nichts mehr gekommen. Dass Sigmar Gabriel Vollands Werkschau in der Zeit gepriesen hat, ist kein Widerspruch, sondern konsequent, weil dem früheren SPD-Chef stets auch etwas Unpassendes und Überbordendes anhaftet. Der Mann ist zwar kein Komiker, aber er wirkte in seiner Partei oft wie ein Schlauchbootkapitän, der sich einen zu starken Außenbootmotor angebaut hat. Das hatte in seiner kühlen Technokratenpartei durchaus menschliche Züge.

Mehr aber auch nicht. Denn die SPD an sich ist nicht lustig und deshalb ist Volland – anders als der plakative Berufsozialdemokrat Klaus Staeck – auch zu einer anderen bundesdeutschen Strömung zu zählen, irgendwo zwischen Anarcho-Moralismus, Scherzbolschewismus und Titanic. Das sind die Künstler, die für eine gute Pointe ihre Großmutter verkaufen würden.

Für Volland ist die SPD der falsche Ansprechpartner. Man wusste und weiß ja nie, was an der gut sein soll. Bei CDU/CSU dagegen wusste man stets, was schlecht ist. So schuf Volland Montagen gegen den rauschhaften Rechtsaußen Franz Josef Strauß (»Wann grüßt er mit gestrecktem Arm?«, 1974) oder das biedere Ex-NSDAP-Mitglied Karl Carstens, das sich 1979 zum Bundespräsidenten wählen ließ. Volland setzte ihm einen Stahlhelm auf, hinter dem ein Hakenkreuz aufschien. Die einfachen Agitprop-Mittel, die heute keiner mehr bringt.

Lustiger waren die Kohlwitze, die sich zwar wegen dessen tolpatschiger Erscheinung (das Dickunddoofe in einer Person vereint) offenkundig anboten, aber die man dann künstlerisch erst einmal hinbekommen muss. Mustergültig schafften das nur Pit Knorr und Hans Traxler, als sie Kohl als »Birne« durchsetzten und eben Volland, der Kohl als Pendant zum deutschen Schäferhund (»Zwei Freunde für Deutschland«, 1979) stilisierte – mit der für Kohl typischen, die Lippen leckenden Zunge des angestrengten Ehrgeizlings. Bei Volland gibt es auch die ewig um die Führung des »Union«-Lagers rangelnden Parteichefs Kohl und Strauß als grinsende Großmütter unter der Parole »Bleibt sauber« – das war 1975 und wirkt heute angesichts der Paranoiapropagandapartei AfD geradezu gemütlich. Doch Volland wusste um die grundsätzliche Austauschbarkeit des politischen Personals und montierte die Köpfe von Strauß und von SPD-Kanzler Helmut Schmidt auf die Körper des jeweils anderen (»Behüte Gott«, 1978) oder er ließ die beiden als Bodybuilder den FDP-Vorsitzenden Hans-Dietrich Genscher im Bikini in ihrer Mitte hochheben (»Ich find’ beide süß«, 1975).

Am bekanntesten wurde Volland mit seinen Jägermeister-Fake-Anzeigen (»Ich trinke Jägermeister, weil mein Dealer zur Zeit im Knast sitzt«, 1980), wie er überhaupt den Fake effektiv als kunstpolitisches Mittel einsetzte. Für das Fernsehen gründete er eine Pseudopartei und als angebliches Grundschulkind korrespondierte er mit Bischöfen über Gott und Teufel und mit dem Verteidigungsministerium über Bundeswehrpanzer, verbunden mit der Frage, ob nicht ein Achtjähriger in Afghanistan der Bundeswehr vor Ort helfen könnte? Höhepunkt dieser Strategien war die Erfindung eines Künstlers namens Blaise Vincent, der mit »heftigen« Bildern 1982 die Westberliner Kunstwelt verunsicherte. Volland nahm die damalige Mode der »jungen Wilden« mit betont nachlässig hingeworfenen Bildchen auf die Schippe, die er als »frische Malerei« aus Frankreich bewarb und in einem Katalog von einem gewissen Ramcel Hamcud abfeiern ließ – ein Anagramm von Marcel Duchamp. Eine schöne Fake-Rezension von Vollands Werkschau schrieb Fritz Tietz kürzlich im Neuen Deutschland.

Mit seinen »eingebrannten Bildern«, in denen er ab Ende der neunziger Jahre historische Fotografien von beispielsweise Hitler, Mao, Adenauer, Hanns-Martin Schleyer ins Unscharfe verfremdet, machte Volland dann durchaus sehr ernsthaft auf das Manipulative im vermeintlichen Realismus aufmerksam.

Die meiste Patina haben seine Cartoons aus den 80er Jahren angesetzt. Anders als die von Ernst Kahl, F. K. Waechter oder Volker Kriegel sind sie heute nicht mehr so witzig. Kennen Sie die? Sehr gute Leute.

Ernst Volland: Eingebrannte Bilder, Plakate, Cartoons, Buntstiftbilder, Fakes und Dokumente. Hirnkost KG, Berlin 2018, 592 S., 44 Euro

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