Aus: Ausgabe vom 18.07.2018, Seite 14 / Feuilleton

Rotlicht: Proletariat

Von Arnold Schölzel
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Brasília, 21. November 2012: Mitglieder der Bewegung der Landlosen (MST) protestieren in Brasiliens Hauptstadt

Das »Kleine politische Wörterbuch« des Dietz-Verlages von 1983 versah das Stichwort »Proletariat« mit einem Hinweispfeil auf »Arbeiterklasse«. Das Wort »Proletariat« war nach 1945 auch in sozialistischen Ländern weitgehend aus dem Sprachgebrauch verschwunden. Übriggeblieben sind »Prolet« oder »Proll« als verbale Anrempelei. Das erinnert daran, dass es auch in der Zeit der »Hochkonjunktur« des Begriffs »Proletariat«, zwischen 1840 und 1933, zwei Verwendungslinien gab: eine herabsetzende, pejorative im heutigen Sinne von »Unterschicht« und »schmuddelig« und eine andere, die »Proletariat« mit Klassenkampf, mit dem Anspruch der Arbeiterbewegung auf eigenständige Politik und Kultur, auf Überwindung des Kapitalismus verband.

Letzteres entsprach dem Inhalt des Begriffs bei Karl Marx und Friedrich Engels, z. B. 1848 im »Manifest der Kommunistischen Partei« mit der immer noch weltweit verbreiteten Losung »Proletarier aller Länder, vereinigt euch!« 1852 fasste Marx das politische Ziel der Arbeiterbewegung erstmals mit der Wendung »Diktatur des Proletariats« zusammen. Die SPD nahm »Proletariat« und »Proletarier« synonym zu »Arbeiterklasse« und »Arbeiter« in ihr Erfurter Programm von 1891 auf, z. B. in dieser Passage: »Immer größer wird die Zahl der Proletarier, immer massenhafter die Armee der überschüssigen Arbeiter, immer schroffer der Gegensatz zwischen Ausbeutern und Ausgebeuteten, immer erbitterter der Klassenkampf zwischen Bourgeoisie und Proletariat, der die moderne Gesellschaft in zwei feindliche Heerlager trennt und das gemeinsame Merkmal aller Industrieländer ist.« Auf »Diktatur des Proletariats« verzichtete die Partei aus verschiedenen Gründen. Wenige Jahre später erklärten Marx-Revisionisten wie Eduard Bernstein die These von der schroffer werdenden Klassenspaltung für überholt. »Proletarier« wurde durch die erfolgreiche Absurdität »Arbeitnehmer« ersetzt.

Bei der revolutionären Linken verlief die Entwicklung vor 1914 entgegengesetzt. Als Beispiel sei hier der Text des Liedes »Dem Morgenrot entgegen« vom Bremer Lehrer Heinrich Eildermann (1907) genannt. Es wurde nach der Oktoberrevolution im Komsomol und international populär. In der dritten Strophe umreißt Eildermann den Inhalt des Begriffs »Proletariat« in knappster Form: »Die Arbeit kann uns lehren, / sie lehrte uns die Kraft, / den Reichtum zu vermehren, / der unsre Armut schafft. / Nun wird die Kraft, von uns erkannt, / die starke Waffe unsrer Hand! / Wir sind die junge Garde / des Proletariats!«

Nach der Oktoberrevolution 1917 und durch die kommunistische Weltbewegung wurde »Proletariat« weit über die Arbeiterbewegung hinaus Teil der Umgangssprache. Um 1930 herum soll das Wort in Deutschland am meisten gebraucht worden sein. Damit war nach Errichtung der faschistischen Diktatur Schluss, nach 1945 wurde auch in kommunistischen Parteien der Terminus »Arbeiterklasse« bevorzugt.

In gewisser Weise führt dieser Abbruch eines Sprachgebrauchs auf die Geschichte des Wortes im Lateinischen zurück: »Proletarius« bezeichnete im antiken Rom etwa seit 500 v. u. Z. den vom Land verdrängten freien Bauern, der allein seine Nachkommen, die »Proles«, als Vermögen besaß. Irgendwann im zweiten Jahrhundert u. Z. verschwand das Wort aus der Umgangssprache.

Der Vorgang aber – Bauern von ihrem Produktionsmittel, dem Boden, zu »befreien« – wiederholt sich bis in die Gegenwart, er wurde im Kapitalismus und im Kolonialismus zur Notwendigkeit für die Produktionsweise: von der ursprünglichen Akkumulation im England des 16. Jahrhunderts bis zur heutigen Enteignung von Kleinbauern in Indien, Afrika oder Südamerika. Stets ging und geht es um den »doppelt freien Lohnarbeiter« ohne Grund- und Kapitalbesitz.

Das Wort »Proletariat« wurde ungebräuchlich, was es bezeichnet, hat endgültig globale Ausmaße angenommen.

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