Aus: Ausgabe vom 18.07.2018, Seite 12 / Thema

Der Unstaat

Franz Neumanns umfassende Monographie »Behemoth« zu »Struktur und Praxis des Nationalsozialismus 1933–1944« war lange Zeit vergriffen. Jetzt ist eine Neuauflage erschienen

Von Anselm Meyer
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Sämänner des Todes, die »die Welt durch die Obergewalt über riesige Landmassen in ein Chaos« verwandeln (Franz Neumann über das Naziregime). Propagandagemälde des US-amerikanischen Malers Thomas Hart Benton (1889–1975) mit dem Titel »The Sowers« aus dem Jahr 1942

Eine der ersten Studien zum »Nationalsozialismus«, die noch während der Herrschaft der NSDAP verfasst wurde, stammt von Franz Neumann, einem jüdischen Sozialdemokraten, der im US-amerikanischen Exil zu einer bemerkenswerten Einsicht gelangte. Er hatte erkannt, »dass der Nationalsozialismus ein Unstaat ist oder sich dazu entwickelt, ein Chaos, eine Herrschaft der Gesetzlosigkeit und Anarchie, welche die Rechte wie die Würde des Menschen ›verschlungen‹ hat und dabei ist, die Welt durch die Obergewalt über riesige Landmassen in ein Chaos zu verwandeln«. Daher schien »der richtige Name für das nationalsozialistische System: Der Behemoth«.

Lange Zeit war diese erste umfassende Arbeit zur politischen Ordnung des Naziregimes vergriffen, eine Neuauflage der politikwissenschaftlichen Studie, deren Titel auf ein Ungeheuer aus der jüdischen Eschatologie verweist, überfällig. Neumann schrieb das Buch mit dem Anspruch, nicht nur einzelne Aspekte zu untersuchen, sondern Gesellschaft und politisches System des »Nationalsozialismus« in ihrer Gesamtheit zu erfassen. Es war der Anspruch eines Wissenschaftlers, der sich der Kritischen Theorie zugehörig fühlte.

Von den Nazis vertrieben

Franz Neumann wurde 1900 in Kattowitz (heute Katowice) in eine jüdische Familie geboren. Er studierte Jura in Breslau (Wroclaw), Rostock und Frankfurt am Main. Während der Revolution von 1918/19 nahm er am Barrikadenkampf in Leipzig teil und wurde Mitglied der SPD. Nach Abschluss seiner juristischen Ausbildung betätigte er sich als Anwalt und juristischer Berater der Sozialdemokratie. Er wurde Assistent von Hugo Sinzheimer, der an der Ausarbeitung der Weimarer Verfassung beteiligt war und als einer der Begründer des Arbeitsrechts in Deutschland gilt. 1928 zog Neumann nach Berlin und wurde Sozius des Arbeitsrechtlers Ernst Fraenkel, der später ebenfalls eine wegweisende Studie über den »Nationalsozialismus« aus der Perspektive des Verfassungsrechts schrieb. Im April 1933, wenige Monate nachdem die NSDAP die politische Macht erhalten hatte, verhaftete die Polizei den Juristen, der daraufhin einen Monat im Gefängnis saß. Nach seiner Freilassung bereitete Neumann sogleich seine Ausreise aus Deutschland vor. Angesichts einer Horde von SA-Schlägern, die durch sein Büro getobt war, verabschiedete er sich von seinem Freund Fraenkel mit den Worten ins Exil: »Mein Bedarf an Weltgeschichte ist gedeckt«. Zunächst lebte er in London, wo er sich einem weiteren Studium der Politologie und Soziologie zuwandte. An der London School of Economics wurde er bei dem marxistischen Theoretiker Harold Laski, einem prominenten Theoretiker der britischen Linken, dessen Faschismusanalysen einen großen Einfluss auf Neumann hatten, und dem Soziologen Karl Mannheim, auch er Exilant, ein zweites Mal promoviert. Laski empfahl Neumann, Anschluss an das inzwischen ebenfalls ins Ausland umgesiedelte Institut für Sozialforschung (IfS) unter der Leitung von Max Horkheimer zu suchen, und stellte den Kontakt her. 1936 emigrierte Neumann in die USA. In der Zeit beim IfS entstand die erste Fassung von »Behemoth«. Diese Arbeit verschaffte ihm schnell den Ruf als kompetenter Fachmann für die politischen Entwicklungen in Nazideutschland.

Als 1942 das Office of Strategic Services, der Nachrichtendienst des US-amerikanischen Kriegsministeriums, gegründet wurde, fand Neumann dort aufgrund seiner Expertise Anstellung als stellvertretender Leiter der Central European Section der Research and Analysis Branch. Seine Tätigkeit für den Geheimdienst ermöglichte Neumann eine intensivierte Beschäftigung mit Nazideutschland. Auf der Grundlage des ihm zugänglichen, schier unüberschaubaren Quellenmaterials, das er zu ordnen hatte, verfasste er eine Erweiterung des »Behemoth«, die 1944 erschien und fast doppelt so umfangreich geriet wie die erste Version von 1942. Nachdem der OSS mit Kriegsende aufgelöst worden war, arbeitete Neumann zwei Jahre für das State Department als Chefanalyst für Nachkriegsdeutschland. Hier war er für die Erarbeitung von Strategien zur Entnazifizierung und Demokratisierung verantwortlich. In diesem Zusammenhang war er auch an der Vorbereitung der Nürnberger Nachkriegsprozesse beteiligt und war kurzzeitig als Berater des Chefanklägers in Nürnberg, Robert H. Jackson, tätig. 1948 erhielt Neumann einen Ruf an die Columbia University, wo er fortan einen Lehrstuhl für Politische Wissenschaften innehatte. Auch wenn er nicht mehr direkt für eine Institution der US-amerikanischen Regierung arbeitete, war er weiterhin bemüht, einen Beitrag zur Demokratisierung Deutschlands zu leisten. So war er maßgeblich an der Gründung der Freien Universität und der Einrichtung der politikwissenschaftlichen Fakultät beteiligt, wo er auch als Gastprofessor in Erscheinung trat. Neumann sollte nicht sehr alt werden: Er starb 1954 bei einem Autounfall in der Schweiz.

Zerstörte Souveränität

Franz Neumann begann die Arbeit am »Behemoth« zu einer Zeit, als noch nicht abzusehen war, wie sich Deutschland entwickeln würde. Das Naziregime saß fest im Sattel und eilte von Sieg zu Sieg. Seine Macht schien unbegrenzt zu sein. Deutsche Soldaten standen in Afrika und in Norwegen, besetzten große Teile Frankreichs und bereiteten den Überfall auf die Sowjetunion vor. Das Reich selbst wurde von einem ungeheuren Modernisierungsschub erfasst, die Industrie produzierte problemlos Luxusgüter und Waffen. Wie war das möglich? Und vor allem, was war das eigentlich, dieses »Dritte Reich«? Neumann wählte für sein Buch den Titel »Behemoth«, inspiriert von den Schriften der Thora, in denen in einem apokalyptischen Kampf das Ungeheuer des Landes, der Behemoth, gegen das Ungeheuer aus dem Meer, den Leviathan, kämpfte. Beide Ungeheuer wurden in der politischen Philosophie von Thomas Hobbes zu Metaphern, die gesellschaftliche Ordnungen repräsentierten. Der Behemoth stand für den Bürgerkrieg, die vorstaatliche Zeit, in der sich die Menschen voreinander fürchten mussten, weil kein Souverän herrschte, der Recht und Sicherheit herstellte und bewahrte. Der Leviathan, der sich aus den Fluten erhebt, verkörpert dagegen den bürgerlichen Staat, in dem der einzelne per Gesellschaftsvertrag seine eigene Macht zu großen Teilen aufgibt, um in einem friedlichen Gemeinwesen zu leben.

Im Deutschland des »Nationalsozialismus« herrschte Neumann zufolge nicht mehr der Zustand des Leviathan, sondern der des Behemoth, sprich das Chaos. Die rationalen Momente der Herrschaft, die den bürgerlichen Staat ausmachten, waren abgeschafft, die Allgemeinheit des Gesetzes war kassiert. Statt dessen galten die Nürnberger Gesetze, die Juden außerhalb des Rechts stellten – Sondergesetze, die ex negativo die »Einheit der Artgleichen« gewähren sollten, wie sich der Rechtstheoretiker der Nazis, Carl Schmitt, ausdrückte. Wer jüdisch war, konnte kein deutscher »Volksgenosse« sein. Zwar galten Juden als Staatsbürger, doch dieser rechtliche Status büßte unter den Nazis seine eigentliche Bedeutung völlig ein. Die imaginierte rassische Zugehörigkeit war an die Stelle des allgemeinen, abstrakten Rechts getreten.

Überhaupt, so beobachtete Neumann, konnte von abstrakter Herrschaft des Souveräns keine Rede mehr sein. Die politische Herrschaft in Deutschland ruhte nicht mehr auf den institutionell getrennten Gewalten. Die staatliche Souveränität wurde im »Nationalsozialismus« völlig zerstört. An deren Stelle traten unvermittelt die Vertreter der vier mächtigsten gesellschaftlichen Kräfte: die Führer der Wehrmacht, die Großkonzerne, die Ministerialbürokratie und schließlich, als neu hinzutretende Kraft, die Partei mitsamt ihren angeschlossenen Institutionen. Hitlers staatspolitische Aufgabe bestand Neumann zufolge darin, diese Gruppierungen unter einem Dach zu halten. Anstelle eines Gesellschaftsvertrags einigten sich diese vier Kräfte untereinander auf Kompromisse. Neumann sah in Hitler nicht den allmächtigen Diktator, sondern lediglich eine charismatische Figur, die sicherstellte, dass all diese Gruppen um der Kriegführung willen bestmöglich miteinander auskamen. Demgemäß konnte das Naziregime für Neumann kein totaler Staat sein. Und tatsächlich hatten die Nazis für das moderne bürgerliche Konstrukt Staat nicht viel übrig. Dieser sollte nach und nach absterben, und einer »organischen Volksgemeinschaft« weichen.

Herrschaft der Rackets

Dies ist die zentrale Erkenntnis im »Behemoth«: Anstelle der »Rule of law« herrschten Rackets, Banden, die gangster- bzw. mafiaähnliche Strukturen bildeten. In Nazideutschland waren das demnach vier »Banden«, die mit den ihnen angeschlossenen Institutionen ihre Kräfte auf die Führung von Angriffskriegen hin kanalisierten und, was bei Neumann nur am Rande Erwähnung findet, die Durchführung des Kernkonzepts der »nationalsozialistischen Revolution«, die Vernichtung der europäischen Juden. Neumann spricht deswegen auch davon, dass Deutschland in ein riesiges Heerlager verwandelt worden sei und geführt würde wie eine Armee. Der Propaganda räumte er dabei eine zentrale Rolle ein: Sie habe die Aufgabe, den einzelnen so zuzurichten, dass er ein genügsamer Soldat der deutschen Sache werde, auch wenn er nicht Teil der kämpfenden Truppen ist.

Neumann wies immer wieder darauf hin, dass die Privatwirtschaft weitestgehend unangetastet blieb. Der Staat griff also nicht – total – ein und unterwarf sich das Kapital durch Enteignungen. Im Gegenteil, die Naziführer, die sich nach und nach an die Spitzen der Bürokratie setzten, konnten sich auf die Zusammenarbeit mit der Industrie und deren Unterstützung verlassen, da diese in der neuen politischen Führung eine Kraft erkannte, die ihren Status nicht angreifen würde, sondern Wirtschafts- und Arbeitspolitik ganz in ihrem Sinne betrieb. Der »Nationalsozialismus« war für Neumann deswegen eine bürgerliche Bewegung, auch wenn sie sich revolutionär und antibürgerlich gerierte, da die kapitalistische Produktionsweise mitnichten zur Disposition stand. Durch eine Sozialpolitik, die zu einem großen Teil zu Lasten der Juden und des Mittelstands ging, präsentierte sich der »Nationalsozialismus« als Bewegung des kleinen Mannes.

Auch hier greift die Theorie der Rackets: Die Mafia herrscht nicht nur durch Gewalt, sondern auch durch Linderung der Not des ihr gefügig gemachten Personals. Sozialpolitik und Terror sind die zwei Seiten derselben Medaille, mit denen Gangster wie auch Nazis ihre Herrschaft ausübten. Neumann konnte in diesem Zusammenhang zeigen, dass die Wirtschaftspolitik letzterer darauf hinauslief, die Macht der Monopole noch zu stärken, indem gezielte Kampagnen gefahren wurden, die darauf hinausliefen, den Mittelstand zu schwächen und dessen Unternehmen in den Monopolen aufgehen zu lassen. Ein wesentlicher Aspekt dieser Politik war die Zerstörung des politischen Einflusses der Arbeiterklasse. Ganz im Sinne der Bandenherrschaft musste dies im Sinne eines vermeintlichen Einvernehmens geschehen. So wurden mit der angeblichen Schaffung der »Volksgemeinschaft« die sozialen Antagonismen, die sich im Klassenkampf ausdrückten, scheinbar aufgelöst. Da es aber nach wie vor eine Arbeiterklasse gab, durften die Gewerkschaften nicht einfach zerschlagen werden. Es galt, sie durch eine neue Institution zu ersetzen, die ihre Aufgaben im Sinne der neuen »Volksgemeinschaft« erfüllen sollte. In der zu diesem Zwecke gegründeten »Deutschen Arbeitsfront« wurden alle Arbeiter zusammengefasst. Neumann schreibt über diese Organisation, dass sie in keiner Weise eine Gewerkschaft sei, die die Rechte der Lohnabhängigen vertrat und Gehaltsverhandlungen führte. Statt dessen sei sie ein Instrument zur Kontrolle der Arbeiterklasse, das helfe, die Anfragen aus der Privatwirtschaft nach Arbeitskraft effektiv zu befriedigen. Er beharrt darauf, dass die Rede von der »Volksgemeinschaft« Augenwischerei war und die gesellschaftlichen Antagonismen keineswegs aufgelöst worden seien. Sie wurden nur durch Symbolpolitik und einige Zugeständnisse eskamotiert. Der privatwirtschaftliche Kapitalismus blieb weiterhin bestehen.

Im IfS herrschte über die Bedeutung dieser Befunde keineswegs Einigkeit. Die Frage, ob das Naziregime noch als privatwirtschaftlich oder bereits als staatskapitalistisch charakterisiert werden musste, spaltete die Mitarbeiter des Instituts in zwei Lager. Neumann und der Chefökonom des Instituts, Friedrich Pollock, waren hierbei die Antipoden. Neumann sah richtig, dass die kapitalistische Produktionsweise nicht suspendiert und die Arbeiterklasse nach wie vor ausgebeutet wurde. Pollock war der Ansicht, dass der Staat nicht nur in die Warendistribution im Sinne der Kriegswirtschaft eingriff, wie Neumann es sah, sondern die Warendistribution gänzlich unter die Ägide der Politik gestellt hat, was anders ausgedrückt bedeutet, dass ein wesentliches Charakteristikum des Kapitalismus abgeschafft worden wäre. Dieser Streit ließ sich nicht befriedigend beilegen, weil es für beide Ansichten gute Gründe und Beweise gab.

Was die politische Ordnung jedoch anging, erkannte Neumann wie wenig andere, was die Nazidiktatur ausmachte. Es handelte sich nicht mehr um einen Staat im herkömmlichen Sinne des Wortes, sondern um ein Monstrum in den Händen der Partei, das alles verschlang, was ihm im Weg stand. Zwar gab es noch Regeln und Gesetze, die indes bloß verwaltungstechnischer Natur waren. Sie repräsentierten keine Verfassung mehr. Die Herrschaft des Gesetzes war suspendiert.

Im Dienste des OSS

Für kurze Zeit konnte Neumann seine theoretischen Erkenntnisse über die deutsche Barbarei praktisch werden lassen. Als Mitarbeiter des OSS wurde er in der Feindaufklärung aktiv und half den USA, Strategien zu entwickeln, mit denen die Nazis schneller besiegt werden konnten. Neumann und seine Kollegen, zu denen u. a. Herbert Marcuse und Otto Kirchheimer gehörten, befassten sich mit allen, den Zustand der deutschen Gesellschaft, deren Führung und Wirtschaft betreffenden Fragen. Es handelte sich um eine glückliche und auch seltsam anmutende Fügung, dass erklärte Marxisten wie Neumann und Marcuse Anstellung bei einem Geheimdienst der USA fanden. Es spricht für die Weitsichtigkeit seines Gründers William Donovan und für den genuin antifaschistischen Charakter der Institution, sich über bestehende politische Widersprüche hinwegzusetzen. Die Fronten gegen Deutschland schmiedeten die unwahrscheinlichsten Allianzen.

Der OSS profitierte ungemein von den dem marxistischen Materialismus verpflichteten Wissenschaftlern. Um die politischen Entwicklungen zu verstehen, die zum Faschismus führten, musste man zunächst begreifen, welche wirtschaftlichen Bedingungen diese Entwicklungen möglich gemacht hatten. Darin waren sich Neumann und Horkheimer einig, auch wenn sie sich darüber stritten, in welchem Verhältnis Politik und Wirtschaft in Nazideutschland zueinander standen. Die Fokussierung auf die Wirtschaftslage und die Wirtschaftspolitik des »Dritten Reichs« war für den Geheimdienst von vitalem Interesse, da sich daraus ableiten ließ, wie es um die Produktionskraft Deutschlands und die Kampfkraft der Wehrmacht stand. Die Analytiker vom Institut für Sozialforschung waren in der Lage, die großen Linien der deutschen Wirtschaftspolitik vom ausgehenden Kaiserreich über die Weimarer Republik zu zeichnen und so die Anforderungen, die sich an die Politik der NSDAP stellten, verständlich zu machen. Der Marxismus bot das Instrumentarium, die Zusammenhänge von Politik und Wirtschaft zu untersuchen – besser als dies die bürgerliche Ökonomie vermochte. Die Erkenntnisse, die sich aus dieser Art der Untersuchung ergaben, konnten nicht mehr sein, als eine Deskription der Wirklichkeit. Genau das wollten die Analytiker um Neumann aber transzendieren, sie wollten »die Realität nicht durch bloß die Gedanken verdoppeln«, wie es Herbert Marcuse ausdrückte. Neumann verfasste seine Studie in diesem Geiste.

»Behemoth« war der »Blueprint«, nach dem die Analytiker im OSS das Material auswerteten und zu militärisch brauchbarer »Intelligence« verarbeiteten. Die letzten Entscheidungen lagen natürlich bei den Stäben. Inwiefern Neumanns Analysen Einfluss auf deren Entscheidungen hatten, lässt sich nicht mit letzter Sicherheit sagen, da keine Informationen darüber vorliegen, wie intensiv die Bullentins rezipiert worden sind. Angesichts der Bombardierungen Deutschlands lässt sich aber sagen, dass Neumann auf diese Strategie keinen Einfluss nehmen konnte. Er sprach sich gegen das »Strategic bombing« aus, da er infolge seiner Analysen zu dem Schluss gekommen war, dass dies dem Regime nur in die Hände spielen würde. Ebenso wenig konnten die Exilanten ihre Vorgesetzten darüber aufklären, dass es sich beim »Nationalsozialismus« nicht um eine Fortführung des preußischen Militarismus handelte, sondern um eine neue, »moderne« Bewegung, die sich traditionalistisch gab. Neumanns »Behemoth« gibt eine anregende Auseinandersetzung zum Thema »Nationalsozialismus«. Aus heutiger Sicht kann das Buch auch als Studie der Transformation einer bürgerlichen Demokratie in autoritäre Herrschaft gelesen werden. Die Arbeiten geben nämlich Aufschluss darüber, wie Vertreter aller gesellschaftlichen Sphären daran mitgearbeitet haben, diese Form der Demokratie abzuschaffen und dabei ganz im Sinne ihrer gesellschaftlichen Interessen zu handeln. Neumanns Studie ist die Analyse einer Gesellschaft nach erfolgreicher »konservativer Revolution«. Deren treibende Kraft war die NSDAP. Anstatt aber einen totalen Staat aufzubauen, zersplitterte die Herrschaft, die Pfründe wurden unter den reaktionären Kräften aufgeteilt.

Es scheint, wie Alfons Söllner im Vorwort zur Neuausgabe schreibt, ein Geheimnis, wie Neumann es geschafft hat, die politische Struktur und Entstehungsgeschichte dieser politischen Ordnung und Gesellschaft zu analysieren, noch während sie Bestand hatten, und der Autor selbst weit weg vom Geschehen saß. Dieses Buch ist Teil der antifaschistischen Geschichte und kann sowohl Vorbild zur Aufklärung über gegenwärtige autoritäre Strukturen wie auch zugleich Mahnung sein.

Franz Neumann: Behemoth. Struktur und Praxis des Nationalsozialismus 1933–1944. Neu herausgegeben von Alfons Söllner und Michael Wildt. Europäische Verlagsanstalt, Hamburg 2018, 775 Seiten, 38 Euro

Anselm Meyer hat Geschichte und Philo­sophie studiert und arbeitet beim Editionsprojekt »­Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden«.


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Der gelbe Stern Antisemitismus in Geschichte und Gegenwart

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