Aus: Ausgabe vom 17.07.2018, Seite 11 / Feuilleton

Der Weg nach unten

Und China ist das neue Amerika: Rawson Marshall Thurbers Wolkenkratzer-Actionfilm-Schwachsinn »Skyscraper«

Von Peer Schmitt
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Ruft schon mal die Feuerwehr, gleich brennt die »Perle«. Und irgendwo turnt Dwayne Johnson

Schon ganz früh in der Hochzeit der Moderne, als es u. a. noch Filme gab, waren die Skyscraper, die Wolkenkratzer, eine dankbare Fassade, an der diverse Spinner herumklettern durften. In den 1920ern hieß der berühmteste von ihnen Harold Lloyd, der zufällig auch noch genau so aussah, wie man sich damals einen Architekturstudenten vorstellte, der dazu auserkoren war, ein Leben in der steten Gefahr des mittleren Angestellten zu fristen. Er war ein begnadeter komischer Vogel.

Seit jenen Tagen sind die Skyscraper als Symbol und Fassade aus der Filmgeschichte kaum wegzudenken. Erfunden wurden sie bereits im Chicago der 1880er, in den 1920ern und 30ern waren sie dann auf dem, nun ja, Gipfel ihrer Popularität. Gleichsam als Denkmal einer Renaissance kapitalistischen Großunternehmertums, für das die Figur des visionär emporstrebenden Architekten vorbildlich sein soll. So etwa Cary Cooper als unbeugsamer Baumeister des freien Unternehmergeistes in King Vidors Verfilmung von Ayn Rands Roman »The Fountain­head« (»Der ewige Quell«, 1943; Verfilmung »Ein Mann wie Sprengstoff«, 1949).

Der Hochmut der Städte

Was also ist ein Wolkenkratzer? Ein Gebäude, das durch beträchtliche, im Idealfall rekordverdächtige Höhenangabe besticht und ein Stahlskelett aufweist. Und obwohl zu den physikalischen Eigenheiten von Stahlkonstruktionen auch ihre verhältnismäßige Feuerfestigkeit gehört, bricht scheinbar gerade in Wolkenkratzern immer gerne ein Brand aus. Büromobiliar ist nämlich im allgemeinen nicht so feuerfest wie ein Stahlgerüst. Der Wolkenkratzer ist etwas, das bei aller Nüchternheit des Stahls zur Hybris einlädt. Jean Baudrillard beispielsweise bemerkte in seinem Reisebericht »Amerika« (1993), Wolkenkratzer seien pure architektonische Objekte, die sowohl das Planungsbestreben der Architekten als auch die Funktionalität der Städte verwerfe und somit lediglich den eigenen Wahnsinn (»Délire«) bestätige. In dieser Hinsicht vergleicht er sie mit dem, nun ja, »Hochmut (›Oorgueil‹) der Städte der Renaissance«.

Der berühmteste Hochhausbrandfilm ist wohl »The Towering Inferno« (»Flammendes Inferno«, John Guillermin, 1974). Zum Personal gehören selbstverständlich ein Architekt (Paul Newman), ein Feuerwehrmann (Steve McQueen) und ein niederträchtiger Kapitalist (William Holden), der beim Bau fatalerweise ausgerechnet am Brandschutz gespart hat. Bei allem krisengeplagten Zynismus der 1970er sind die Probleme also noch hausgemacht. Die infernalischen Flammen sind die Folge von Fahrlässigkeit, Gier und Missmanagement (nichts ist mehr planbar) und nicht die eines terroristischen Anschlags. Zudem ist dieser Film alles in allem einem fotografischen und sozialen Realismus verpflichtet. Wenn’s brennt, kommt die Feuerwehr, und in der Folge sehen sich noch die zerstrittensten Konkurrenten dazu gezwungen, irgendwie sinnvoll zu interagieren.

Männlichkeit gerettet

In »Skyscraper« von Rawson Marshall Thurber, der bisher bezeichnenderweise hauptsächlich bei ausgewiesenem Schwachsinn (»Central Intelligence«, 2016; »We’re the Millers«, 2013) Regie geführt hat, kann nun von all dem nicht im geringsten mehr die Rede sein.

Ein milliardenschwerer chinesischer Baumagnat (Chin Han) hat in Hongkong das höchste Gebäude der Welt errichten lassen, gleichsam direkt in den Himmel hinein (eine mythologische Geschichte des Hochmuts begleitet das Projekt explizit: Turmbau zu Babel usw. usf.). Terroristische Gangster zündeln dann an dem Wolkenkratzer herum. Erkennbare politische Motive haben sie nicht. Sie sind vorrangig daran interessiert, Einsicht in ihre Kontoauszüge nehmen zu können. Niemand kann oder will sie aufhalten, außer Dwayne Johnson, der zufällig von den Chinesen als freischaffender Sicherheitsexperte engagiert wurde und zur Bestätigung seiner Maskulinität seine Familie – Ehefrau (Neve Campbell) und zwei gemeinsame Kinder – aus dem brennenden Hochhaus rettet. Im Kampf gegen Flammen und Terroristen zeigt er sich zählebiger als selbst ein Bruce Willis in der »Die Hard«-Serie (»Stirb langsam«).

Die Zählebigkeit bei der Fassadenkletterei in den Flammen hat die üblichen Momente großer unfreiwilliger Komik. Die Männlichkeit des Helden bewährt sich dennoch, obwohl sie zu Beginn leicht angeknackst ist. Als Veteran der Terrorbekämpfung hat der Held bereits ein Bein verloren und trägt eine entsprechende Prothese. Die Wunde selbst sieht man nie, nur dass Dwayne Johnson in seiner Wohnküche gelegentlich ein paar Schmerztabletten schluckt. Die Prothese behindert ihn nicht weiter beim Klettern und Kämpfen. Im Gegenteil, sie erweist sich noch als ausgesprochen nützlich, beispielsweise als Sperre für eine Brandschutztür. Mit der nützlichen Prothese der Maskulinität kriegt es Dwayne Johnson mal wieder hin: Familie gerettet, Feuer auch irgendwie gelöscht. Wie auf Knopfdruck.

Baseball im Himmel

Das Gebäude wirkt wie eine Halluzination. Zum einen scheint es eine Wohnlandschaft mit Gärten, Bunkern und Tresoren zu sein. Im obersten Stockwerk aber befindet sich eine Kugel, die dem Gebäude seinen Namen gibt – »The Pearl« –, jedoch verdächtige Ähnlichkeit mit einem gigantischen Baseball hat. Zum einen ist es ein vager Verweis, dass nunmehr China so etwas wie das neue »Amerika«, der Hort einer großkapitalistischen Renaissance ist: ein Baseball im Himmel. Zum anderen zeigt sich daran bereits die halluzinatorische Verzerrung der Größenverhältnisse, die den merkwürdigen Räumen dieses Wolkenkratzers zu eigen ist.

Im Inneren des Baseballs befindet sich ein Spiegelsaal, dessen Spiegel in Wahrheit Bildschirme sind, die wiederum die Außenwand des Baseballs bilden. Auf Knopfdruck auf der Fernbedienung lässt sich somit die Illusion herstellen, die Außenwände würden verschwinden bzw. restlos durchsichtig werden; sozusagen ein Baseball der Transparenz. Plötzlich steht Dwayne Johnson gleichsam schwebend über (besser: in) der Skyline von Hongkong wie ein schwindelfreier Gigant über einem Miniaturmodell von Stadt.

Diese halluzinatorische Transparenz wird im Showdown des Films wieder aufgenommen. Als Zitat der »Magic Mirror Maze«-Sequenz aus Orson Welles Film »The Lady From Shanghai« (»Die Lady von Shanghai«, 1947), die in letzter Zeit wieder vermehrt in Anspruch genommen wird (sehr elaboriert z. B. zuletzt in »Star Wars: Die letzten Jedi«). Warum wohl?

Weil es darin eben um Risse und Fragmentierung des Bildes geht, Transparenz und Opazität zugleich. Um einen Scherbenhaufen. Dieser Wolkenkratzer ist letztlich nichts anderes als ein ebensolcher.

»Skyscraper«, Regie: Rawson Marshall Thurber, USA 2018, 103 min, bereits angelaufen

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