Aus: Ausgabe vom 18.07.2018, Seite 6 / Ausland

Wut auf Regierung

Die Proteste in Marokko weiten sich zu Volksbewegung aus

Von Gerrit Hoekman
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»Freiheit, Würde und soziale Gerechtigkeit«: Am Sonntag demonstrierten Zehntausende Menschen in Rabat gegen die marokkanische Regierung

Der Protest im marokkanischen Rif-Gebirge ebbt nicht ab. Am Sonntag haben nach Angaben der Veranstalter erneut rund 30.000 Menschen in der Hauptstadt Rabat gegen die Verurteilung von 39 Aktivisten zu Haftstrafen von bis zu 20 Jahren demonstriert. Das berichtete die Nachrichtenagentur Reuters. Unter den Verurteilten ist auch Nasser Zefzafi, das bekannteste Gesicht des Protestes.

Mit Bussen hatten sich die Demonstranten am Sonntag aus Al Hoceïma auf den 460 Kilometer langen Weg nach Rabat gemacht. Die am Mittelmeer gelegene Rif-Metropole ist seit zwei Jahren das Zentrum der Proteste. Viele Teilnehmer führten in Rabat die grün-gelb-roten Fahnen der Amazigh mit, die in Europa eher unter dem Namen bekannt sind, den ihnen die alten Griechen gaben: Berber. In ganz Marokko machen sie mindestens 45 Prozent der Bevölkerung aus.

Die Amazigh fühlen sich von der Zentralregierung vernachlässigt und drangsaliert. Es fehlen Arbeitsplätze, die Jugendarbeitslosigkeit ist hoch. Sehr viele der jungen Männer, die aus Marokko über das Mittelmeer nach Europa kommen, stammen aus dem Rif. In ihrer Heimat ist die Gesundheitsversorgung deutlich schlechter als im Rest des Landes, die Schulen sind noch weiter heruntergekommen. Am Sonntag forderten Demonstranten auf Transparenten und Pappschildern »Freiheit, Würde und soziale Gerechtigkeit«.

Die 39 Aktivisten wurden bereits im Juni am Ende eines Schauprozesses verurteilt. Aus Angst vor Protesten war der Prozess gegen Zefzafi und seine Mitstreiter ins weit entfernte Casablanca verlegt worden. Sie gaben an, in der Haft misshandelt worden zu sein. Den Verurteilten wird vorgeworfen, die nationale Sicherheit gefährdet zu haben, weil sie sich 2016 und 2017 an tagelangen Straßenkämpfen in Al Hoceïma beteiligt hätten. König Mohammed VI. ließ jede Regung von Opposition mit aller Härte niederschlagen.

Die hohen Haftstrafen führen dazu, dass sich immer mehr Menschen mit dem Kampf der Amazigh solidarisieren. An dem Marsch in Rabat beteiligten sich am Wochenende auch linke Parteien und Gruppen. Der Protest ist zur landesweiten »Hirak Al-Schaabi«, d. h. Volksbewegung, geworden. Die sozialen Probleme betreffen nicht nur die Berber, sondern die große Mehrheit der Marokkaner. Einer aktuellen Studie der OECD zufolge klafft die Schere zwischen Arm und Reich nirgendwo in Nordafrika weiter auseinander. Es gebe eine »alarmierende soziale Ungleichheit«, so die OECD in dem Bericht, den sie laut Morocco World News am 11. Juli vorstellte.

Nach offiziellen Angaben waren unter den Teilnehmern ebenfalls rund 8.000 Anhänger der islamistischen Bruderschaft »Al-Adl Wal-Ihsane« (Gerechtigkeit und Spiritualität), die die Legitimität der marokkanischen Monarchie bestreitet. Solche Ansichten werden in der »Hirak Al-Schaabi« bislang nicht von allen geteilt. Es gehe nicht darum, den König zu stürzen.

»Die ganze Region will Freiheit, Menschlichkeit und soziale Gerechtigkeit«, stellte Silya Ziani bereits im letzten Jahr gegenüber dem Nachrichtensender Al-Dschasira aus Katar fest. Die 24jährige populäre Sängerin wurde im Juni 2017 ebenfalls verhaftet, wenig später aber von Mohammed VI. amnestiert.

Wie sensibel die Lage Marokko mittlerweile ist, zeigt eine Entscheidung des Stadtrats von Agadir, der in der vergangenen Woche beschloss, die Straßen in einem Viertel, in dem vor allem Amazigh wohnen, umzubenennen. Sie sollen in Zukunft die Namen von Städten und Dörfern in Gaza und der Westbank tragen – aus Solidarität mit dem Befreiungskampf der Palästinenser. Das berichtete die arabischsprachige Nachrichtenseite Arabi 21 am Samstag.

Der Amazigh-Aktivist Abdullah Badu wittert dahinter die Absicht, zumindest im Straßenbild sein Volk aus der Historie der Hafenstadt zu tilgen. »Wir können akzeptieren, dass ein, zwei oder drei Straßen nach palästinensischen Städten benannt werden, aber in einem bestimmten Viertel alle Namen zu ändern, das lehnen wir ab«, sagte Badu gegenüber Arabi 21. »Agadir ist eine Hochburg der Amazigh, wir haben keine Probleme mit Palästina. Wir unterstützen die Palästinenser, aber wir stimmen nicht mit denen überein, die den Charakter der Region und Marokkos Geschichte ignorieren.«

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