Aus: Ausgabe vom 18.07.2018, Seite 5 / Inland

Poker um Thyssenkrupp

Richtungsstreit beim Essener Mischkonzern geht weiter. Betriebsratschef warnt vor Zerschlagung

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Hauen und Stechen im Schatten: Vorstandsmitglieder von Thyssenkrupp bei der Hauptversammlung in Bochum am 29.1.2016

Die Chefin der Krupp-Stiftung, Ursula Gather, will nicht Nachfolgerin von Ulrich Lehner an der Spitze des Aufsichtsrats von Thyssenkrupp werden. Das teilte die Stiftung, die mit 21 Prozent der Anteile größter Aktionär von Thyssenkrupp ist, am Dienstag in Essen mit. Lehner hatte am Montag abend angekündigt, zum Ende des Monats den Aufsichtsratsvorsitz bei dem Stahl- und Industrie­güterkonzern niederzulegen. Damit hat sich die Führungskrise bei Thyssenkrupp verschärft. Zuvor hatte bereits Vorstandschef Heinrich Hiesinger unter dem Druck von Großaktionären das Handtuch geworfen. Übergangsweise leitet Finanzvorstand Guido Kerkhoff das Unternehmen.

Gather versicherte in der Mitteilung, die Stiftung werde den Auftrag, »die Einheit des Unternehmens möglichst zu wahren, auch weiterhin verantwortlich wahrnehmen«. Das Thyssenkrupp-Management war vor allem von dem schwedischen Finanzinvestor Cevian und dem US-Hedgefonds Elliott mit der Forderung nach einem drastischen Konzernumbau unter Druck gesetzt worden.

Bei den Beschäftigten wächst deshalb die Angst vor einer Zerschlagung des Konzerns. Dazu dürfe es nicht kommen, forderte Gesamtbetriebsratschef Wilhelm Segerath am Dienstag in Essen: »Wir wollen gemeinsam mit der Stiftung und allen Aktionären versuchen, das Unternehmen zu erhalten.« Die Politik schütze den Finanzmarkt, aber zu wenig »die Industrie und die Realwirtschaft«, kritisierte Segerath.

Thyssenkrupp steht auch nach Einschätzung von Aktionärsvertretern am Scheideweg. »Die neue Spitze im Aufsichtsrat muss die Richtung vorgeben. Man muss sich zügig über die Strategie einigen«, sagte der Geschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW), Thomas Hechtfischer, gegenüber dpa. Die Abgänge von Hiesinger und Lehner werfen nach Hechtfischers Einschätzung kein gutes Licht auf die Situation im Aufsichtsrat: »Das sieht nach Hauen und Stechen aus.« Lehner habe sich gegen eine Zerschlagung ausgesprochen: »Jetzt ist die Frage: Stand er mit dieser Position allein da und ist deshalb zurückgetreten?«

Hiesinger hatte zu seinem Rücktritt erklärt, er »gehe diesen Schritt bewusst, um eine grundsätzliche Diskussion im Aufsichtsrat über die Zukunft von Thyssenkrupp zu ermöglichen«. Lehner nannte nun das mangelnde Vertrauen der großen Aktionäre als Grund für sein Ausscheiden. Ein gemeinsames Verständnis im Aufsichtsrat über die strategische Ausrichtung sei nicht mehr gegeben gewesen. Seine Entscheidung solle dazu beitragen, »das notwendige Bewusstsein bei allen Beteiligten zu schaffen, dass eine Zerschlagung des Unternehmens und der damit verbundene Verlust von vielen Arbeitsplätzen keine Option darstellt – weder im Sinne des Stifters noch im Sinne unseres Landes«.

Auch der Bundestagsabgeordnete Hubertus Zdebel (Die Linke) sprach von einem »heftigen Richtungsstreit« bei Thyssenkrupp. Im Moment lasse sich die Führungsriege von den »renditegetriebenen Großanlegern« die Linie diktieren. Die drängten, obwohl bei Thyssenkrupp die Gewinne »in Milliardenhöhe sprudeln«, auf Tempo beim »Konzernumbau – sprich Jobkahlschlag«. Für Zdebel sind zunächst Krupp-Stiftung und Landespolitik am Zug: »Ministerpräsident Armin Laschet ist jetzt als Mitglied des Kuratoriums der Krupp-Stiftung gefordert. Er muss darauf hinwirken, dass die weitere Zerschlagung des Konzerns endlich gestoppt wird. Der marktliberale NRW-Wirtschaftsminister Andreas Pinkwart hingegen möchte sich lieber ganz raushalten.« Sollte hier nichts passieren, hat Zdebel einen Rat für die Belegschaft: »Streiks und Arbeitskämpfe sind die Sprache, die das Kapital noch immer am besten versteht.« (dpa/jW)

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