Aus: Ausgabe vom 17.07.2018, Seite 3 / Schwerpunkt

Neckartal wird zu Cyber-Valley

Forschung zu intelligenter Technologie an der Schnittstelle zur Rüstungsindustrie

Von Christoph Marischka
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KI-Assistent »Cimon« von Airbus für die Internationale Raumstation (22.2.2018)

In Baden-Württemberg haben sich im Dezember 2016 Wissenschaft, Politik und Industrie in der Cyber-Valley-Initiative zusammengeschlossen, um im Neckartal zwischen Stuttgart und Tübingen ein »Ökosystem« für die Forschung zu künstlicher Intelligenz (KI) zu entwickeln. Bereits ein gutes Jahr später bezeichnete die Wissenschaftsministerin des Landes die Region als »nachweislich ­stärkste(n) Forschungsstandort in Sachen künstliche Intelligenz bundesweit.« Das ging aus einer Pressemitteilung ihres Ministeriums vom 28. März 2018 hervor.

Beteiligt sind neben dem Land und den Universitäten Tübingen und Stuttgart die Max-Planck-Gesellschaft sowie die Unternehmen Bosch, Daimler, Porsche, BMW sowie die traditionsreiche Rüstungsfirma ZF Friedrichshafen. Zunächst war auch Facebook dabei, später ist der Amazon-Konzern eingestiegen, der noch in diesem Jahr mit dem Bau eines KI-Entwicklungszentrums in Tübingen beginnen wird. Das Land finanziert weitere Bauvorhaben und gemeinsam mit der Industrie Stiftungsprofessuren und Forschungsgruppen u. a. zu selbstlernenden Systemen und maschinellem Sehen.

Als besonderes Merkmal und Anliegen formuliert das Konsortium das Ziel, »von der Grundlagenforschung möglichst rasch zu marktfähigen Anwendungen zu kommen«, wie aus einer Mitteilung der Max-Planck-­Gesellschaft vom 15. Dezember 2016 hervorgeht. Auf cyber-valley.de heißt es, Startup-Unternehmen seien Motoren auf dem »Weg von der Grundlagenforschung bis zur Kommerzialisierung«, weshalb »Forscher unterstützt werden, Unternehmen zu gründen«.

Zu diesem Komplex gehört entsprechend auch der von der Technologieförderung Reutlingen/Tübingen gemeinsam mit der Landeskreditbank Baden-Württemberg (L-Bank) aufgebaute Technologiepark ­Tübingen-Reutlingen (TTR), der explizit darauf ausgelegt ist, »technologieorientierten Unternehmen« zunächst flexible und repräsentative Räumlichkeiten »vom Büro bis zum Reinraum« zur Verfügung zu stellen und den anschließenden Ausbau zu ermöglichen. Dabei wirbt die TTR GmbH explizit mit ihrer »unmittelbare(n) Nähe zu Forschung und Wirtschaft«, wie ihre Webseite ttr-gmbh. de offenbart. Tatsächlich befinden sich die am Cyber-Valley beteiligten Max-Planck-Institute und das für Amazon vorgesehene Baugebiet auf bzw. direkt neben dem Tübinger Sitz des TTR – der sogenannten »Oberen Viehweide«.

Am Reutlinger Standort des Technologieparks, wenige Kilometer entfernt, hat die TTR GmbH im April 2018 gemeinsam mit der Europäischen Weltraumagentur (ESA), dem Deutschen Zentrum Luft- und Raumfahrt, Airbus Defence & Space sowie dem Unternehmen Bosch ein »Business ­Incubation Centre« (BIC) eingeweiht.

Das BIC bietet damit eine Schnittstelle vom Cyber-Valley zur Rüstungsindustrie und obgleich es nicht unmittelbarer Teil des Konsortiums ist, entspricht es dessen Idee einer schnellen Umsetzung öffentlich finanzierter Forschung in die Praxis und private Gewinne. Als Vorbild dürfte dabei auch Michael Black gelten, geschäftsführender Direktor des Max-Planck-­Instituts für intelligente Systeme und Sprecher des Cyber-Valley. Aus seiner Forschung am MPI ging Software zur dreidimensionalen Vermessung von Menschen aus Bild- und Videodateien hervor, zu deren Weiterentwicklung und Vermarktung Black mit drei Kollegen 2013 das Unternehmen Body Labs gründete, das 2017 – Presseberichten zufolge für 50 bis 100 Millionen US-Doller – an Amazon verkauft wurde.

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