Aus: Ausgabe vom 13.07.2018, Seite 12 / Thema

Vom Müssen zum Können

Ein Arbeitslosenprojekt im niederösterreichischen Heidenreichstein erkundet die Bedingungen von Arbeit und experimentiert mit dem Bedingungslosen Grundeinkommen

Von Simon Loidl
63065115.jpg
Auch in Österreich hält das Arbeitsamt, der sogenannte Arbeitsmarktservice, die Anstellungslosen auf Trab – mit dem Projekt »Sinnvoll tätig sein« erhalten einige Arbeitslose in Heidenreichstein eine Verschnaufpause und können sich anderen Dingen widmen (AMS-Geschäftsstelle in Wien, 19.10.2015)

Sieben Jahre lang hat Martina¹ bei der Post als Zustellerin gearbeitet – als Springerin, die immer bereitstand, wenn jemand ausfiel. Dann rückte für mehrere Jahre die Versorgung der Kinder ins Zentrum ihrer Aufmerksamkeit. Fünf hat sie, drei leibliche und zwei Stiefkinder. Der jüngste ist nun schon zwölf Jahre alt, und Martina versucht bereits seit mehreren Jahren, von der Reproduktions- in die Lohnarbeit zurückzukehren. Doch das ist nicht so einfach. Nach unzähligen Bewerbungsschreiben kennt sie alle Varianten von Absagen. »Meistens hört man nur, dass man zu alt ist«, sagt die Mittvierzigerin.

Wir befinden uns im Büro der »Betriebsseelsorge Oberes Waldviertel« im niederösterreichischen Heidenreichstein. Hier finden regelmäßige Einzelgespräche mit den mehr als 30 Teilnehmerinnen und Teilnehmern des Arbeitslosenprojekts »Sinnvoll tätig sein« statt. Seit April 2017 läuft es in der 4.000 Einwohner zählenden Gemeinde im nördlichen Österreich.

Keine Perspektive

Die Menschen in Heidenreichstein haben viel Erfahrung mit dem Thema Arbeitslosigkeit. Die Gemeinde war ein Zentrum der niederösterreichischen Textilindustrie. Bis in die 1970er war ein großer Teil der Erwerbstätigen in den Fabriken beschäftigt. Dann kam der Niedergang, die Branche wanderte ab, die Produktionsstätten wurden geschlossen, Hunderte verloren ihre Arbeit. Bis heute hat sich die für ihre Größe städtisch wirkende Gemeinde davon nicht erholt. Viele junge Menschen verlassen Heidenreichstein, da sie hier keine Perspektiven sehen. Andere sind seit Jahren oder Jahrzehnten arbeitslos. Karl Immervoll kennt sie fast alle persönlich. Seit den 1980er Jahren setzt der Betriebsseelsorger Sozialprojekte um, die sich um das Thema Arbeitslosigkeit drehen. »Sinnvoll tätig sein« ist das bisher ambitionierteste. Immervoll handelte die Rahmenbedingungen mit dem niederösterreichischen »Arbeitsmarktservice« (AMS) aus. Offiziell firmiert das Projekt als AMS-Kurs. Die Projektteilnehmer haben für anderthalb Jahre gegenüber dem AMS keinerlei Verpflichtungen. Sie müssen nicht zu Beratungsterminen erscheinen und keine Bewerbungen nachweisen. Statt dessen sind sie Teil einer Gruppe, die sich intensiv austauscht, über die eigene Situation reflektiert und neue Möglichkeiten der Betätigung erkundet – ob dies neue Jobs, Selbständigkeit oder gemeinnützige Arbeiten sind, ist zunächst zweitrangig.

Finanziell hat sich für die Projektteilnehmer also nichts geändert. Sie beziehen weiterhin Arbeitslosengeld oder Notstandshilfe. Derzeit bekommt man – wenn man mindestens ein Jahr lang einem versicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnis nachgegangen ist – 55 Prozent des zuvor bezogenen Nettoeinkommens. Nach etwa einem halben Jahr, je nach Alter, wird dieser Betrag noch einmal um ein paar Prozent gekürzt und als Notstandshilfe ausbezahlt. Die seit Dezember 2017 amtierende Koalitionsregierung von Österreicherischer Volkspartei (ÖVP) und Freiheitlicher Partei Österreichs (FPÖ) unter Bundeskanzler Sebastian Kurz plant derzeit weitreichende Änderungen dieses Systems. Die Notstandshilfe soll mit der Bedarfsorientierten Mindestsicherung verschmolzen werden. Bei dieser handelt es sich um eine Leistung für Personen ohne Anspruch auf Arbeitslosengeld. Die für Ende des Jahres geplante Neuregelung wird voraussichtlich in Richtung des bundesdeutschen Hartz-IV-Modells gehen.

Martina würde am liebsten wieder im Verkauf tätig sein, denn dies ist der Beruf, den sie gelernt hat. Doch hier rechnet sie sich keine Chancen aus: »Die schauen einen kurz an, und wenn man etwas ›stärker‹ gebaut ist, kann man das vergessen. Die nehmen nur Bohnenstangen.« Doch eigentlich ist ihr egal, in welcher Branche sie arbeitet. Das Wichtigste in einem Betrieb sei ein gutes Arbeitsklima. Und dass man überhaupt arbeitet und mit anderen zusammen ist, statt nur zu Hause für Familie und Haushalt zu sorgen. Genau dies schätzt Martina auch am Projekt »Sinnvoll tätig sein«. »Ich habe viele neue Leute kennengelernt. Mit diesen bei den Gruppengesprächen zu sitzen, ist für mich eine Auszeit, in der ich vom Stress runterkommen kann, der zu Hause entsteht.« Zudem sehe man bei diesem Austausch die eigene Situation plötzlich aus einer anderen Perspektive. Es seit motivierend zu erfahren, was andere aus ihrem Leben machen und wie sie versuchen, mit der Arbeitslosigkeit umzugehen, sagt sie.

Neue Bekanntschaften und Perspektiven – das sind zwei der wichtigsten Ziele von »Sinnvoll tätig sein«. »Die Leute haben sich Netzwerke geschaffen«, erzählt Peter Preissl, einer der Projektleiter. Durch den Austausch mit anderen eröffneten sich für einige der Teilnehmerinnen und Teilnehmer völlig neue Wege. Hinzu kommt, dass Langzeitarbeitslose aus der Isolation geholt werden. »Der Ansehensverlust durch Arbeitslosigkeit ist auf dem Land noch größer. Viele gehen dann kaum mehr aus dem Haus«, sagt Preissl. Ein weiteres Ziel des Projekts sei es, diesen Menschen das Gefühl zu geben, dass sie nicht allein sind mit ihrer Situation. Darüber hinaus geht es darum herauszufinden, welche Tätigkeit für eine Person geeignet ist. Die Grundfrage, die an die Teilnehmer gerichtet wird, ist: Was willst du tun? Die Leute sollen ihre Fähigkeiten entdecken, und diese mit anderen teilen. »Menschen können sich entwickeln, wenn sie relativ frei von äußeren Zwängen sind«, erklärt Immervoll die Idee hinter der Maßnahme, mit der auch ausgelotet werden soll, wie sich ein Grundeinkommen in einer kleinen Gemeinde auswirkt. Arbeitslose seien »unglaublich aktiv«, sagt er und verweist auf Pflege, Betreuung und Vereinsarbeit. All diese Bereiche funktionierten oft nur deshalb, weil es Menschen gebe, die eben keiner Vollzeitbeschäftigung nachgehen. Das Paradoxe sei aber, dass von diesen Leuten verlangt werde, sich um eine solche zu bemühen.

Problem Vollzeitarbeit

Genau das ist Barbaras Dilemma. Die 46jährige übt »viele kleine Tätigkeiten« aus, wie sie erzählt. Sie betreut ihren krebskranken Nachbarn, beaufsichtigt ihre Kinder und verdient nebenbei noch etwas Geld durch Hilfsarbeiten im Haushalt. »Wenn ich für alles, was ich mache, bezahlt würde, wäre ich glücklich«, sagt sie. Würde sie hingegen wieder eine Vollzeitstelle annehmen, müsste sie ihre sozialen Aktivitäten einstellen. Der Nachbar bräuchte dann eine teure Pflegekraft, und Barbara müsste sich eine Kinderbetreuung suchen. Auch sie erzählt, wie sich ihr soziales Umfeld durch ihre Teilnahme an »Sinnvoll tätig sein« verändert habe. Die gelernte Floristin hat sich in die »Gartengruppe« eingebracht. Mehrere Frauen und Männer treffen sich regelmäßig und beschäftigen sich mit Gartenarbeit und Pflanzen. Eine Teilnehmerin hat dabei ihre Liebe zu dieser Arbeit entdeckt und bemüht sich nun um ein Praktikum in einem Gärtnereibetrieb. Aber die Gartengruppe setzt auch ganz konkrete Projekte um. So wurden vernachlässigte öffentliche Grünflächen in Heidenreichstein neu bepflanzt – die Teilnehmer sind also auch für die Gemeinde und ihre Mitbürger »sinnvoll tätig«. Ganz glücklich ist Barbara allerdings nicht damit, wie die Gruppe gearbeitet hat. Alles sei etwas chaotisch abgelaufen. So habe bei der Bepflanzung einer Grünfläche niemand die Verantwortung übernommen und die anderen angeleitet. Deshalb hat sie sich in diese Rolle gedrängt gefühlt, die sie zunächst nicht wollte. Projektleiter Preissl meint, dass genau dies – zu lernen, wie Zusammenarbeit mit anderen ­funktioniert – eine der Erfahrungen sei, die »Sinnvoll tätig sein« nützlich mache. Barbara bestätigt dies. Das Projekt habe ihr in sozialer Hinsicht viel gebracht, ergänzt sie. Die Teilnehmer seien ein »bunt gemischter Haufen aus allen Schichten«, und da sei auch so manches Vorurteil zu finden. Man habe einander in der Gruppe unterstützt und sich über Erfolge der anderen gefreut.

Bezogen auf die Größe der Gemeinde existieren in Heidenreichstein auffallend viele soziale Projekte. In einer ehemaligen Textilfabrik befindet sich die »Arche«, ein Treffpunkt für Langzeitarbeitslose und sozial Abgehängte. Sie dient zum Informationsaustausch und als Auffangstelle. Menschen suchen und bekommen hier Beratung und Unterstützung, oder finden einfach nur soziale Kontakte. Während Fürnweger die Arbeit der Einrichtung erklärt, hören mehrere ältere Frauen zu und trinken Tee oder Kaffee. Sie treffen sich hier zum Plaudern, weil sie sonst niemanden haben. Nach einiger Zeit kommt eine etwa 50jährige Frau durch die Eingangstür, begrüßt die Anwesenden und gießt sich Kaffee in einen Plastikbecher. Ein paar freundliche Worte werden ausgetauscht. Die Einladung, sich zu der Runde zu setzen, lehnt die Frau, die eine Weste mit der Aufschrift »Solartaxi« trägt, aber ab. Sie müsse gleich wieder los, es stünden gleich noch ein paar Fahrten an.

Das »Solartaxi« ist ein weiteres soziales Projekt. Es geht um Mobilität für die älteren Bürger Heidenreichsteins. Zu diesem Zweck wurden 2013 zwei solarbetriebene Kleinwagen angeschafft. Für zwei Euro pro Fahrt können sich Bürger des Waldviertels, zu dem Heidenreichstein zählt, von zu Hause abholen und zum Arzt, zum Einkaufen oder ins Wirtshaus chauffieren lassen. »Viele würden nur zu Hause sitzen, wenn es das nicht gäbe«, erklärt Nadine Fürnweger, die Leiterin der »Arche«. Auch hier geht es darum, soziale Isolation zu durchbrechen.

»Unglaubliches ist möglich, wenn Leute keinen Druck haben und sich nicht zu verstellen brauchen«, antwortet Immervoll auf die Frage, wie er den Verlauf des Projekts einschätzt. Die meisten der Teilnehmerinnen und Teilnehmer hätten sich individuell weiterentwickelt. Es seien Gruppen entstanden, die sich auch außerhalb der Projekttreffen zusammenfinden und wohl auch nach dem Ende von »Sinnvoll tätig sein« weiterbestehen. Einige, die vorher nirgends engagiert waren und die meiste Zeit allein zu Hause verbrachten, hätten wieder Anschluss gefunden. Damit habe ein Schritt zum Gemeinschaftlichen stattgefunden. Menschen, die bisher isoliert gewesen seien, betätigen sich nun und kommen so auf neue Ideen, was sie mit ihrem Leben und für die Gemeinschaft tun könnten. Leider gebe es aber seitens der politisch Verantwortlichen in der Gemeinde kein Bewusstsein dafür. Dabei habe der Versuch gezeigt, dass vieles entstehen kann, wenn Leute zusammenarbeiten. Immerhin haben viele der arbeitslosen Teilnehmer die Frage »Was willst du tun?« für sich damit beantwortet, dass sie für andere Menschen da sein wollen, die Hilfe benötigen. Was dies für eine Stadt bedeuten könnte, in der viele Alte und Pflegebedürftige leben, liegt auf der Hand.

Von der Gemeinde gab es trotzdem keinerlei Unterstützung. Überhaupt laufe »Sinnvoll tätig sein« allen politischen Trends zuwider. Während seitens der Politik Spaltung gefördert werde, versucht das Projekt das genaue Gegenteil zu erreichen. Es gehe darum, die Isolation zu überwinden.

Mit der Regierung von ÖVP und FPÖ haben sich die Rahmenbedingungen für Arbeitslosenprojekte dramatisch verschlechtert. »Sinnvoll tätig sein« läuft im Oktober aus. Es sei äußerst unwahrscheinlich, dass die Zuständigen einer Weiterführung zustimmen, sagt Immervoll. Für die Teilnehmer bedeutet dies, dass sie wieder in die frühere AMS-Routine zurückkehren müssen. Die Meldungen über bevorstehende Veränderungen, die die Regierung beim Arbeitslosengeld und der Notstandshilfe plant, haben bei einigen Projektteilnehmern zu Verunsicherung geführt. Viele spüren nun, da das Ende von »Sinnvoll tätig sein« in greifbare Nähe rückt, zum ersten Mal seit Monaten wieder die Existenzängste, die früher ihren Alltag bestimmten.

Sieben von den ursprünglich 44 Personen, die im Frühjahr 2017 in das Projekt eingestiegen sind, haben seither reguläre Anstellungen gefunden. Ein paar wollen sich selbständig machen. Damit ist »Sinnvoll tätig sein« auch aus arbeitsmarktpolitischer Perspektive erfolgreich. Das freut Initiator Immervoll, er fürchtet jedoch, dass dies als Argument gegen die Intention des Projekts herangezogen wird. Immerhin geht es ihm und den wissenschaftlichen Begleitern von »Sinnvoll tätig sein« auch darum, vor dem Hintergrund knapper werdender Jobs den gegenwärtigen Arbeitsbegriff radikal zu hinterfragen. Den derzeit stattfindenden großen Veränderungen in der Arbeitswelt könne nicht nur mit einer veränderten Regulierung begegnet werden. Vielmehr bedürfe es eines Bildungsprozesses. Das derzeitige Bildungssystem sei darauf ausgerichtet, die Menschen auf einen bestimmten Job vorzubereiten. »Wenn ich diesen nicht bekomme, bin ich ein Versager. Wenn es nun künftig durch Digitalisierung und Automatisierung immer weniger Jobs gibt, entstehen immer mehr ›Versager‹.« Statt dessen müsse den Menschen beigebracht werden, selbst tätig zu werden – und Erwerbsarbeit sei eben nur eine von vielen Möglichkeiten.

Umstrittenes Konzept

Hinter »Sinnvoll tätig sein« steckt auch die äußerst kontrovers geführte Debatte über ein Bedingungsloses Grundeinkommen, eine staatliche Leistung, die jeder im gleichen Umfang erhalten soll. Es gebe viele gute Argumente für und wider das Bedingungslose Grundeinkommen, die alle diskutiert werden können, sagt Immervoll. Ihm gehe es vor allem darum, zu zeigen, zu welchen Entwicklungen Menschen fähig seien, wenn ihnen etwas vom Druck genommen werde, der derzeit durch den Zwang entsteht, auf dem Arbeitsmarkt erfolgreich zu sein. »Der Punkt ist: Wenn jemand ein Grundeinkommen hat, hat er mehr Entscheidungsmöglichkeiten und muss nicht jeden Job zu allen Bedingungen annehmen.« Für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer von »Sinnvoll tätig sein« konnte dieser Zustand zumindest für einen Zeitraum von eineinhalb Jahren hergestellt werden.

Diesen Effekt beschreibt auch einer der Wissenschaftler, die das Projekt in Heidenreichstein beobachten. »Den meisten Teilnehmern geht es um ein Eck besser, weil sie nicht mehr drangsaliert werden«, sagt Franz Schandl. Der selbst in Heidenreichstein aufgewachsene Historiker und Publizist war von Beginn an in die Ausarbeitung von »Sinnvoll tätig sein« involviert. Er nimmt an den monatlichen Gruppensitzungen teil und beschreibt die Entwicklung des Projekts. Zunächst war eine umfangreicher wissenschaftliche Auswertung geplant, erzählt er. Allerdings gaben die angeschriebenen Forschungsförderungsstellen in Wien und Brüssel kein Geld. Vor einigen Monaten starteten Schandl und seine Kollegen schließlich einen Crowdfunding-Aufruf. Auf diese Weise konnten 20.000 Euro an Spenden gesammelt werden. Mit dieser Summe wird nun eine abgespeckte Variante der Begleitstudie finanziert. Nach dem Ende des Projekts soll zudem ein Sammelband publiziert werden.

Eine zentrale Frage für die Forscher ist natürlich, wie sich die bedingungslose Zahlung von Leistungen auf die Menschen auswirkt. Schandl sagt, er sei selbst weder Anhänger noch Gegner eines Bedingungslosen Grundeinkommens. Man könne damit gewiss nicht alle sozialen Probleme lösen. Aber: »Solange wir im Kapitalismus leben, brauchen die Menschen Geld. Die Frage ist: Zu welchen Bedingungen kommen sie an dieses?« Wenn der Druck durch Arbeitsmarkt und Verpflichtung zur Lohnarbeit genommen werde, wäre das ein guter Schritt. Aber natürlich bestehe mit dem Grundeinkommen auch die Gefahr, dass den Menschen einfach ein minimales »Überlebensgeld« ausbezahlt werde, mit dem sie sich gerade das Nötigste leisten könnten.

»Arbeitslosigkeit ist als gesellschaftliches Problem zu denken, nicht als individuelles Manko«, schreibt Schandl über »Sinnvoll tätig sein« in der von ihm herausgegebenen Zeitschrift Streifzüge. »Sorge, Hilfe und Verständnis prägen (…) das Heidenreichsteiner Experiment, es ist somit keine Variante eines alternativen Zucht- und Ordnungsprogramms. Auch nicht durch die Hintertür, selbst wenn man sich möglicherweise nur zwischenzeitlich in eine Nische gerettet hat. Druck soll genommen, nicht entfacht werden.«²

Allerdings reiche es nicht, den Druck zu mildern, der seitens Politik, des Arbeitsmarktservice und der Unternehmer aufgebaut wird, denn auch das unmittelbare gesellschaftliche Umfeld trägt zu diesem bei. Deshalb wurde eine Begleitgruppe ins Leben gerufen, zu der Menschen aus der Gemeinde eingeladen wurden, die sonst nicht mit »Sinnvoll tätig sein« in Berührung gekommen wären. Bei den regelmäßigen Treffen der Gruppe informieren die Initiatoren über das Projekt, es wird diskutiert und reflektiert. Es geht darum, in die Bevölkerung von Heidenreichstein hineinzuwirken und bestehende Vorurteile gegen die »Beschäftigungslosen« abzubauen.

»Sinnvoll tätig sein« mag ein kleines Experiment sein, sagt Schandl, aber bezogen auf die Größe Heidenreichsteins ist es wichtig. Immerhin ein Prozent der Bevölkerung ist Teil davon, ein weiteres Prozent ist über die Begleitgruppe involviert. Kritikern des Bedingungslosen Grundeinkommens setzt Franz Schandl Pragmatismus entgegen: »Arbeitskritik, bisher ein Feld von Theoretikern und sonstigen Phantasten, gewinnt an Statur und Terrain«, schreibt er. »Kreativität setzt Zwang nicht voraus. Der Schritt vom Müssen zum Können wäre ein große Emanzipation. Und es gibt keinen Ort, an dem nicht begonnen werden könnte.«³

In Kontakt bleiben

Doch genau an dem Ort, wo nun begonnen wurde, geht es bald wieder zu Ende. Was passiert nach dem Ende von »Sinnvoll tätig sein« im Herbst? »Irgendwie werden wir weitermachen«, zeigt sich Immervoll trotz der widrigen Voraussetzungen optimistisch. Mit den Teilnehmern werde man auf jeden Fall in Kontakt bleiben und versuchen, das zusammen mit diesen Erreichte weiterzuführen. Insbesondere geht es darum, dass jene, die nun wieder gezwungen sein werden, auf dem Arbeitsmarkt zu bestehen, nicht wieder in die Isolation zurückfallen. Die Verbindungen, die in den vergangenen Monaten entstanden sind, könnten dazu beitragen.

Anmerkung:

1 Alle Namen von Projektteilnehmerinnen wurden geändert.

2 www.streifzuege.org/2017/in-der-drangsalierung-haengen

3 Ebd.

Simon Loidl schrieb an dieser Stelle zuletzt am 19. Mai 2017 über österreichische Rüstungsunternehmen und deren Geschäft mit dem Krieg.

Der richtige Begleiter für den Sommer im Marx-Jahr!

Unser Aktionsabo der gedruckten Ausgabe (62 Euro statt 115,20 Euro): Sechs Tage in der Woche, mit vielen Hintergründen und Analysen, mit thematischen Beilagen und am Wochenende acht Seiten extra. Das Abo endet nach drei Monaten automatisch. Als Zugabe gibt es das Buch »Marx to go« aus dem Verlag Neues Leben.


Lesetip abgeben

Artikel empfehlen:

Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

Geld statt Arbeit Grundeinkommen: Lösung oder Illusion?

Ähnliche:

Regio: