Aus: Ausgabe vom 13.07.2018, Seite 16 / Sport

Die Farbe des Sieges

Wie migrantische Millionäre zu französischen Patrioten wurden

Von Hansgeorg Hermann, Paris
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»Ein französischer Name«: Samuel Umtiti und Trainer Didier Deschamps nach dem gewonnenen Halbfinale am Dienstag

Die Weltmeisterschaft im Feindgebiet Russland hatte noch nicht ganz begonnen, da fiel den Franzosen eines schönen Morgens am Frühstückstisch schon das frische Croissant in den Kaffee. Anne-Sophie Lapix, blonde Nachrichtensprecherin des Fernsehkanals France 2, hatte das anstehende Turnier nüchtern und offenbar wenig begeistert als Veranstaltung definiert, bei der »einige Millionäre einem Ball hinterherlaufen«. So weit, so richtig. Das Problem, das ihre Vorgesetzten sahen: Die überwiegende Mehrheit der 23 hochbezahlten Leistungssportler der »Équipe Tricolore« ist dunkelhäutig. Lapix’ Spruch, fürchteten die durchweg weißen Verantwortlichen und ihre Geldgeber, könnte als Rassismus gewertet werden. Die Frau stand schon wenige Stunden später wieder vor der Kamera, diesmal um sich zu entschuldigen.

Eine eher kleine Episode im großen Roman, den sich die Franzosen am Ende der fast politikfreien Sportschau an der Moskwa schreiben wollen. Schlimmer ging es während der beiden langen Jahre zu, in denen Trainer Didier Deschamps nicht nur brave, aus der gehobenen Mittelschicht stammende Spieler zu beurteilen und in eine gewinnträchtige Mannschaft einzugliedern hatte, sondern auch unbequeme Profis wie den bei Real Madrid unter Vertrag stehenden Karim Benzema. Der Sohn eines Kabylen und einer Mutter aus Oran ist eigentlich ein Schweiger, darin dem Deutschen Mesut Özil ähnlich. Was ihn von Özil unterscheidet, ist sein Mut, am Ende doch noch den Mund aufzumachen und zu sagen, was er und die Freunde in seiner Geburtsstadt Lyon denken.

Nachdem Coach Deschamps schließlich leichten Herzens auf den schwer zu dressierenden Benzema verzichtet hatte, erklärte der Mittelstürmer: »Im großen und ganzen sieht es so aus: Wenn ich treffe, bin ich Franzose, wenn ich nicht treffe, bin ich Araber.«

Benzema ist nicht dabei, und seine ehemaligen Kameraden sind nach Siegen über Argentinien, Uruguay und Belgien im Finale angekommen. Keine Rede allerdings mehr von »Blacks, blancs, beurres«, so wie nach dem Erfolg beim Championat von 1998, als das Land sich nicht nur als Titelträger im Fußball, sondern gerne auch als Weltmeister im Integrieren der schwierigen Kinder aus den ehemaligen Kolonien präsentierte. 20 Jahre später kommt der Großteil dieser »schwarzen, weißen und butterfarbenen« jungen Männer nicht mehr aus den Vorstädten von Paris, Lyon oder Marseille. Der weiße Torwart Hugo Lloris ist Spross eines Bankiers und einer Rechtsanwältin; der Verteidiger Raphaël Varane ist der Sohn eines Englischlehrers aus Martinique; Paul Pogbas wohlhabende Eltern stammen aus dem westafrikanischen Guinea, und ihr Sohn war in der Saison 2016/17 mit 105 Millionen Euro Ablöse der seinerzeit teuerste Spieler der Welt. Kylian Mbappé, dunkelhäutig und erst 19 Jahre alt, ist Kind eines ehemaligen Hochleistungssportlers aus Kamerun; N’Golo Kanté, der Weltklassemann im Mittelfeld, hat zwei Nationalitäten, die französische und die des zentralafrikanischen, von postkolonialen Kriegen heimgesuchten Mali.

Die Mannschaft, die sich am Sonntag technisch begabten, aber rüden kroatischen Nationalistenkickern stellen muss, sei ihm »ein bisschen zu exemplarisch«, sagte in dieser Woche der als Beobachter nach Moskau gereiste Pariser Soziologe Seghir Razi. Sie orientiere sich an Werten der französischen Bourgeoisie, wonach »der Schlüssel zum sportlichen Erfolg im ›Sich-selbst-übertreffen‹ und im materiellen Desinteresse zu suchen sei«. Was Razi nicht sagte: Der Verzicht auf großes Geld betrifft natürlich nicht die Arbeit im Klub – ob Real, Manchester United, City oder Paris Saint-Germain, sondern das vergleichsweise bescheidene Salär, mit dem Deschamps’ Ballkünstler nach dem Turnier entlohnt werden sollen. Eine fixe Summe gab es vorher nicht, über die Höhe der Prämie sollen Erfolg oder Misserfolg entscheiden: Nach letzten Wasserstandsmeldungen wären das selbst im Fall des Titelgewinns nicht mehr als 250.000 Euro pro Nase.

Beispielhaft für den seit dem Spiel gegen Belgien aufbrandenden Enthusiasmus der Franzosen steht der Name des bärtigen Innenverteidigers Samuel Umtiti, sein Tor bescherte den »Bleus« die Finalteilnahme. Laurent Joffrin, Chefredakteur der Pariser Tageszeitung Libération, schwärmte am Donnerstag: »Umtiti, un nom français«, zu deutsch: Umtiti, ein französischer Name. Die vom Philosophen Jean-Paul Sartre gegründete, zu Beginn mit durchweg umstürzlerisch argumentierenden Redakteuren besetzte Zeitung ist nicht erst seit Joffrin längst in den Händen braver Sozialdemokraten. Das Bekenntnis zu einem schwarzen jungen Mann, der in Kameruns Hauptstadt Yaoundé das Licht der Welt erblickte, ist daher keine gewöhnliche Sache. Aber aus dem ehemaligen Linksblatt ist bisweilen auch heute noch das Echo der Revolte der sechziger Jahre zu hören. Ob es am Ende ganz verhallt und die Nation sich im grauen, oft genug rassistischen Alltag wiederfindet, wird sich schon am Sonntag zeigen.

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