Aus: Ausgabe vom 13.07.2018, Seite 15 / Feminismus

Ein unanständiges Angebot

Oscar-Akademie wollte Schauspielerin Emmanuelle Seigner in ihre Reihen aufnehmen – zwei Monate nach Rauswurf ihres Ehemannes Roman Polanski

Von Friederike John
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Er flog raus aus der Oscar-Akademie, sie wurde eingeladen dabeizusein: die französische Schauspielerin Emmanuelle Seigner und ihr Ehemann, der 2003 mit dem Oscar geehrte Regisseur Roman Polanski

Die Academy of Motion Picture Arts and Sciences steckt tief im Fettnapf. Die Organisation, die mit dem Academy Award, bekannt als Oscar, alljährlich den berühmtesten Filmpreis der Welt verleiht, sieht sich seit der »Me-too«-Debatte um sexuelle Belästigung und Missbrauch in der Branche mehr denn je im Zugzwang, den Anteil weiblicher Mitglieder in ihren Reihen zu erhöhen und Frauen so mehr Mitspracherechte einzuräumen. Dabei agiert sie streckenweise recht tollpatschig, wie ihr jüngster Annäherungsversuch zeigt. Die Ehre der Mitgliedschaft wurde der französischen Actrice Emmanuelle Seigner angetragen – genau zwei Monate nachdem ihr Ehemann Roman Polanski von der Akademie ausgeschlossen worden war. Seigner lehnte dankend ab – mit einem offenen Brief, der am Wochenende in der Sonntagszeitung Journal du Dimanche veröffentlicht wurde. Beide Vorgänge offenbaren ein bemerkenswertes Maß an Doppelmoral auf der einen und an Instinktlosigkeit auf der anderen Seite. Genau das wirft Seigner der Akademie in ihrem Schreiben vor.

Gegen Starregisseur Polanski liegt seit 40 Jahren in den USA ein Haftbefehl vor. Er hatte zugegeben, 1977 die damals 13jährige Samantha Geimer unter Drogen gesetzt und anschließend Sex mit ihr gehabt zu haben. Den Vorwurf einer Vergewaltigung hat er jedoch stets zurückgewiesen. Im folgenden Jahr floh er nach Paris. In Europa konnte er seine Karriere uneingeschränkt fortsetzen, wurde mit vielen Preisen ausgezeichnet. 1989 heiratete er Seigner, das Paar bekam zwei Kinder. 2003 wurde der französisch-polnische Filmemacher in Abwesenheit für seinen Film »Der Pianist« mit dem Oscar geehrt. Der Akademie gehörte er danach weitere 15 Jahre an.

Emmanuelle Seigner betont in ihrem Brief, auch sie setze sich für Gleichberechtigung ein und sei »schon immer« Feministin gewesen. Zugleich kritisiert sie jedoch, dass Polanski »vor die Tür gesetzt« wurde, um »den Zeitgeist zu befriedigen«. Das Angebot der Akademie an sie sei eine »unerträgliche Heuchelei«, schrieb die 52jährige. Zugleich verwies sie darauf, dass Samantha Geimer Polanski vor Jahren öffentlich vergeben hat und sich für ein Ende der Strafverfolgung ausspricht.

Mitglied der Akademie kann man nur durch Einladung ihres Aufsichtsrats (»Board of Governors«) werden. Dem 54köpfigen Gremium gehören Hollywood-Größen wie Regisseur Steven Spielberg oder die Schauspieler Tom Hanks und Whoopie Goldberg an. Seit dem vergangenen Oktober haben mehr als 100 Schauspielerinnen öffentlich erklärt, sie seien von dem Hollywood-Produzenten Harvey Weinstein vergewaltigt oder belästigt worden. Der Fall Weinstein hatte eine weltweite Debatte über Sexismus und sexuelle Übergriffe ausgelöst. Die Akademie hatte in der Folge für ihre rund 7.000 Mitglieder einen Verhaltenskodex formuliert – und danach einige ausgeschlossen. Zusammen mit Polanski flog Anfang Mai der US-Schauspieler Bill Cosby raus, der wenige Tage zuvor wegen schwerer sexueller Nötigung in drei Fällen schuldig gesprochen worden war. Samantha Geimer verurteilte den Rauswurf Polanskis übrigens als »hässlich und gemein« und als »reine PR«. Er selbst äußerte nach der Entscheidung der Akademie in einem Interview mit dem polnischen Magazin Newsweek Polska, die »Me-too«-Bewegung sei »eine Art Massenhysterie«. Die breite Unterstützung dafür basiere auf Angst. (mit AFP)

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