Aus: Ausgabe vom 13.07.2018, Seite 10 / Feuilleton

Persönlichkeit Nr. 31 und Co.

Von Eike Stedefeldt
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Expressionistisch von Max Taut gestaltetetes Grabmal für den Kaufmann Julius Wissinger, aufgenommen auf dem Südwestkirchhof Stahnsdorf bei Berlin

Genau besehen ist die Angelegenheit, wiewohl journalistisch unbefriedigend, in sich stimmig. Wie der bildende Künstler hinter sein Werk, so tritt, hehre Ideale unterstellt, der Mäzen hinter diesen zurück. Desgleichen in der angewandten, hier der Baukunst: Adressat zeitgenössischer Kritik, aber auch des Nachruhms, ist der Architekt, nicht der Bauherr.

Darum urteilt im vorliegenden Falle die Landesdenkmalliste: »Mit seinen weitgespannten Fassadenabwicklungen dominiert das Lagerhaus Süd-Ost in der Pfuelstraße 5 nicht nur das Straßenbild der Pfuelstraße, sondern auch die westliche Spreeuferkante zwischen Oberbaum- und Schillingbrücke. Das weitläufige, um drei Höfe gebaute Lagerhaus entstand 1905–07 nach Plänen des Baumeisters Kurt Berndt«, der etliche Zeichen klassischer Moderne in Kreuzberg setzte. Wem zum Auftraggeber die Angabe zu spärlich ist, der einst unter »Cöpenickerstrasse 6a u. 7« verortete Komplex sei »für die Samenhandlung Julius & Paul Wissinger errichtet« worden, den werden leider die einschlägigen biographischen Lexika mit präziser Unkenntnis schon des Namens überraschen – und alle Wege nach Stahnsdorf führen.

»Herzlich willkommen auf dem Südwestkirchhof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz« heißt ein Faltblatt die Besucher »der Grabstätten berühmter Persönlichkeiten des 19. und 20. Jahrhunderts aus Politik, Wirtschaft, Kultur und Wissenschaft«. Doch wo es sonst den teuren Toten Beruf, Verdienste, Ereignisse zuordnet, handelt es die Persönlichkeit Nr. 31 knapp als »Kaufmann« ab. »Wissinger, Julius, 9.7.1848–7.4.1920« hat auch hier bloß noch als Bedeutungsträger Bedeutung: für ein »bedeutendes expressionistisches Grabmal von Max Taut«. Er konnte das 1923 vollendete, auf sieben Gräber angelegte und heftig umstrittene Erbbegräbnis nicht mal selbst in Auftrag geben.

Wer waren jene Kaufleute, deren Namen allenfalls mit »Kunstmäzene« kombiniert wird? Traueranzeigen verweisen auf zwei Brüder als Firmeninhaber – eben Hermann Otto Julius Wissinger und Paul Wissinger (1851–1919) – sowie darauf, dass der ältere und seine 1942 neben ihm beigesetzte Gattin Amalie, geb. Schunack, drei Kinder hatten: Julius jun., Walther und Alfred. Letzterer wurde 1940 in Stahnsdorf beerdigt. Am selben Tag wie – »nach kurzem Krankenlager an den Folgen einer Grippe« – sein vermutlicher Großvater Julius Wissinger starb ein Säugling namens Ingrid; so wurde dies auch des Mädchens letzte Ruhestätte.

Der ein Jahr vor dem älteren Bruder am 5. April »durch einen sanften Tod in die Ewigkeit abberufene« Paul Wissinger hatte zwei Kinder: Paul jun. sowie Anna, die seine Todesanzeige formulierte. Eine Ehefrau wird darin nicht erwähnt.

Nachrufe liefern oft reichlich Stoff, indes: Zu Ehren der alten Wissingers fand sich keiner. Als wäre etwa Paul Wissinger sen. nicht sehr wohl als, wie man heute sagen würde, Lobbyist in Erscheinung getreten. 1878, im Jahr nach Etablierung der Firma in der Landsberger Straße 46/47 im Friedrichshain, wurde er Mitglied der Deutschen Gartenbau-Gesellschaft. Und als am 19. Dezember 1895 ein geplantes »Gesetz zur Regelung des Verkehrs mit Handelsdünger, Kraftfuttermitteln und Saatgut« seine Branche mit Kennzeichnungs-, Gesundheits-, Umwelt- und Tierschutzpflichten bedrohte und am 28. Dezember die Samen- und Futtermittelhändler Berlins darüber berieten, war es der »Vortrag des Herrn P. Wissinger, worin näher ausgeführt und begründet wurde, daß dieser Gesetzentwurf (…) den Handel in den davon betroffenen Artikeln geradezu unmöglich machen würde«. Also, berichtete die bei der Verlagshandlung Paul Parey in der Kreuzberger Hedemannstraße 10 verlegte Gartenflora, beschloss man, einen Verein der Berliner Samenhändler zu gründen und beauftragte »die Herren Wissinger, Fiegel, Metz und Werner mit den vorbereitenden Schritten für einen Zusammenschluß sämtlicher, zu dem gleichen Zwecke schon bestehenden und sich noch bildenden Vereine Deutschlands«. Der erwähnte Herr Metz führte die aufs Jahr 1854 zurückgehende Sämerei A. Metz & Co.

Das Ableben der Urväter des Saatgutimperiums zeigten Julius Wissingers Söhne bereits als gemeinsame Inhaber der Firmen »A. & W. Wissinger« und »A. Metz & Co. Nachfolger« an. Vater und Onkel waren ihre Teilhaber gewesen; der frühere Rivale gehörte ihnen seit 1915.

Dass zu Wissingers, einschließlich ihres Mäzenatentums, am Ende dieser Notiz unerwartet doch noch vieles mitzuteilen bleibt, ist nicht zuletzt einem späten Zufallsfund ausgerechnet in der kleinen Friedrich-von-Raumer-Bibliothek geschuldet. Ihr Domizil ist eine 1955 erbaute, frisch sanierte Wohnanlage an der Kreuzberger Dudenstraße. Architekt war: Max Taut.

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