Aus: Ausgabe vom 13.07.2018, Seite 10 / Feuilleton

Bitte nicht aufhören

William Finnegans preisgekrönte Surfer-Autobiographie »Barbarentage« liegt endlich auf deutsch vor

Von Michael Saager
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Ungeheure Meditation: William Finnegan sucht im Surfen den ewigen Augenblick

»Kein Mumm, kein Ruhm«, heißt es in Tim Wintons Surfer-Roman »Atem«. Auch in den Büchern des Schriftstellerkollegen Kem Nunn (»Wellenjagd«, »Wo Legenden sterben«) ist Surfen, im Deutschen bisweilen Wellenreiten genannt, ein ewiges Spiel mit der Vernichtung, eine Droge für Beinahe-Verrückte, die freilich nur genießen kann, wer entsprechende Lektionen in Demut gelernt hat.

Lektionen in Demut lernt der leidenschaftliche Surfer William Finnegan reichlich. Im Winter 1997, da surft er schon eine halbe Ewigkeit, kommt er in Portugal gemeinsam mit seinem Freund Peter um ein Haar ums Leben, weil sie von der Strömung ins offene Meer hinausgezogen und anschließend von einer fürchterlichen Wand aus Wasser und Geröll zerbeult, zerschrammt und brutal durchgewaschen werden. Im Gegensatz zu dem Freund, der danach fertig ist mit Madeira, bleibt für Finnegan die Rechnung offen. Die vernünftige »Klarheit Peters« hat er nicht.

Der gebürtige Südkalifornier Finnegan ist hierzulande nicht sehr bekannt, im englischsprachigen Raum indes ist der Autor des New Yorker berühmt für seine Reportagen über den Bürgerkrieg im Sudan oder das Apartheidregime Südafrikas. Noch lieber als das Schreiben ist ihm jedoch das Surfen. Nach der Lektüre seiner 2016 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneten, 566 Seiten starken Surfer-Autobiographie »Barbarentage« weiß man wirklich sehr viel über Surfstyles, Bretterformen, »Spots«, »Breaks«, »Takeoffs«, rechts- und linksbrechende Wellen.

Abgesehen von akribisch ausgebreiteten sportlich-technischen Einsichten in diese Lebensform mit natürlicher »Angstgrenze«, ist »Barbarentage« aber vor allem die grandios geschriebene, spannende Geschichte einer mittlerweile 50 Jahre währenden Leidenschaft. Das vielstrapazierte Wort »Abenteuer« bekommt in diesem angenehm selbstironischen Buch, das gleichzeitig so etwas wie politisch-intellektuelle Biographie ist und voller luzider (Pop-)Kulturanalysen von Kalifornien, Hawaii, Samoa, Indonesien oder Südafrika steckt, einen wahrhaftigen Klang. Kein Lebensthema des Autors bleibt unberührt, die Rastlosigkeit und das Fernweh Finnegans wirken unbedingt ansteckend: Während man am Schreibtisch eine Rezension über die ungeheure Meditation Surfen in die Tastatur tippt, kommt man sich ziemlich langweilig vor. Man will sofort raus in die Welt, an den Strand, ans Meer. Auch ohne Surfbrett.

»Dort draußen«, schreibt Finnegan, »war alles auf verstörende Weise miteinander verflochten. Die Wellen waren das Spielfeld. Sie waren das Ziel. Das Objekt tiefster Sehnsucht und Verehrung. Doch gleichzeitig waren sie auch der Gegner, der Widersacher, manchmal sogar der Todfeind.« Die Angst kommt und geht. Die Zweifel bleiben. Des Surfers Liebe, Sehnsucht und Besessenheit bündelt Finnegan im letzten Satz des Buches: »Ich wollte nur einfach nicht, dass es jemals endete.«

William Finnegan: Barbarentage. Aus dem Englischen von Tanja Handels, Suhrkamp-Verlag, Berlin 2018, 566 Seiten, 18 Euro

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