Aus: Ausgabe vom 13.07.2018, Seite 8 / Ansichten

Kein Naturgesetz

Hälfte der Renten in der BRD unter 800 Euro. Gastkommentar

Von Sabine Zimmermann
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Für die Mehrheit der heute Berufstätigen ist Altersarmut programmiert

Weniger als 800 Euro Rente – das ist für die Hälfte aller Rentnerinnen und Rentner traurige Realität. Unter 1.000 Euro lagen 2016 sogar 62 Prozent. Niedrigrenten sind alltäglich geworden.

Die Bundesregierung beschwichtigt, dass bislang vergleichsweise wenige Rentner in Armut leben. Noch können viele auf die Absicherung über ihren Ehepartner oder auf eine gute Betriebsrente bauen. Doch diese Absicherungsmodelle schwinden. Armut ist bei Rentnern schon heute weiter verbreitet als in der Gesamtbevölkerung. Die Zahl derjenigen, die sogar auf die Grundsicherung im Alter angewiesen sind, hat sich binnen weniger Jahre verdoppelt.

Für die Zukunft verheißt dieser Trend nichts Gutes. Die Biographien künftiger Rentengenerationen sehen anders aus als bei heutigen Rentnerinnen und Rentnern. Die Alleinverdienerehe entspricht nicht mehr der Lebenswirklichkeit. Vom Unternehmen finanzierte, hohe Betriebsrenten sind selten geworden. Zudem wird das gesetzliche Rentenniveau schon in wenigen Jahren weiter absinken. Entgeltumwandlung und private Vorsorge können die Lücke bestenfalls teilweise füllen. Sie wälzen zudem die Kosten der Alterssicherung von den Unternehmen auf die Beschäftigten ab. Geringverdienende, die nur kleine Renten zu erwarten haben, können sich ohnehin keine private Vorsorge leisten.

Zu Recht sorgen sich deshalb viele Menschen um ihr Auskommen im Alter. Dabei bleibt die umlagefinanzierte Rentenversicherung das verlässlichste Alterssicherungssystem. Sie krankt aber derzeit an zwei Problemen. Zum einen wurde sie in den 2000er Jahren unter Rot-Grün systematisch beschädigt, zum Vorteil von Unternehmern und Versicherungswirtschaft. Zum anderen hat die »Agenda 2010« einen riesigen Niedriglohnsektor geschaffen – und niedrige Löhne ziehen niedrige Renten nach sich.

Doch nach einem Leben voller harter Arbeit hat jeder Mensch das Recht, den verdienten Ruhestand in Würde zu verbringen. Der Schlüssel dazu ist das Rentenniveau: Es muss wieder auf den langjährigen Wert von 53 Prozent steigen, statt weiter abzusinken. Niedrigeinkommen müssen in der Rentenberechnung hochgewertet werden. Das Instrument dazu gibt es schon, aber bislang nur für die Zeit vor 1992. Damit eine solche Hochwertung künftig gar nicht erst erforderlich wird, braucht es einen altersarmutsfesten Mindestlohn. Schließlich fordert Die Linke eine solidarische, einkommens- und vermögensgeprüfte Mindestrente. Altersarmut und Niedrigrenten sind also kein Naturgesetz, auch nicht in einer alternden Gesellschaft. Es gibt nur eine Voraussetzung: Alle müssen sich an der Finanzierung angemessen beteiligen, auch Unternehmer, Gutverdienende, Selbständige (auch im eigenen Interesse) und Abgeordnete. Nur dann lässt sich wieder mit Recht behaupten: Die Rente ist sicher.

Sabine Zimmermann ist arbeitsmarktpolitische Sprecherin der Fraktion Die Linke im deutschen Bundestag

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