Aus: Ausgabe vom 13.07.2018, Seite 8 / Kapital & Arbeit

»Der Gegner zeigt schon mal seine Waffen«

Heute protestiert die »Aktion Arbeitsunrecht« in über 19 Städten gegen die Geschäftspraktiken von Real. Ein Gespräch mit Jessica Reisner

Interview: Susanne Knütter
Real_Mitarbeiter_pro_47631640.jpg
Wird es neben den Aktionen im Rahmen des »Schwarzen Freitags« auch Arbeitsniederlegungen der Beschäftigten geben? – Streikende Real-Beschäftigte vor der Zentrale der Metro AG in Düsseldorf (30.9.2015)

Warum haben Sie die Supermarktkette Real für den heutigen »Schwarzen Freitag« ausgewählt?

Vor zwei Jahren ist der Tarifvertrag mit Verdi als Flächentarifvertrag gekündigt worden. Dann hat man einen sogenannten Zukunftstarifvertrag geschlossen, der beinhaltete, dass die Beschäftigten auf Teile ihres Lohns verzichten. Dafür aber eine Bestandsgarantie erhalten. Diesen Zukunftstarifvertrag hat die Real-Geschäftsführung inzwischen auch gekündigt und möchte nun nicht mehr mit Verdi verhandeln, sondern statt dessen mit der gelben Scheingewerkschaft DHV – mit dem ehemaligen Deutschen Handelsgehilfen-­Verband. Durch dieses Konstrukt sollen die Gehälter für alle, die neu eingestellt werden, um ungefähr 20 Prozent niedriger liegen als die von Beschäftigten mit alten Verträgen. Das heißt, dass die Kernbelegschaft, die noch da ist, noch mehr unter Druck gerät. Das ist sowieso schon der Fall, weil unglaublich viele feste Arbeitsplätze ausgelagert worden sind an Leiharbeitsunternehmen und über Werkvertragsarbeit laufen. Sehr viele Gehälter müssen aufgestockt werden, damit diese Leute überhaupt das Existenzminimum erreichen. Da die Metro-Geschäftsführung die Geschicke von Real maßgeblich leitet, handelt es sich dabei eigentlich um eine versteckte Subventionierung der Metro-Aktionäre. Für die hat der Konzern alleine Anfang 2018 Dividenden von über einer Viertelmilliarde Euro ausgeschüttet.

Welche Aktionen sind geplant?

In Düsseldorf, wo die Metro AG ihren Hauptsitz hat, ist z. B. angedacht, einen Autokorso durch die Innenstadt zu machen. Der Konzern sponsert in einem Stadtteil Kulturveranstaltungen in großem Stil. Mit unserer Protestaktion wollen wir einen anderen Blick auf das von der Stadtverwaltung so gern gesehene Kultursponsoring durch die Metro AG werfen. In Bielefeld wird es ein Fußballspiel geben mit einem gelb gekleideten Schiedsrichter, der den DHV darstellt, mit einem Team, das die Real-Beschäftigten verkörpert, und einer Mannschaft, die das Management imitiert. Nur mit der unfairen Besonderheit, dass die Leute, die bei der Real-Belegschaft spielen, überhaupt keine Tore schießen können, weil die Bälle nicht durch die winzigen Öffnungen des Tores passen.

Was wollen Sie mit den Protestaktivitäten erreichen?

Wir wollen, dass den Leuten klarer wird, was für eine unfassbare Ungerechtigkeit hier praktiziert wird und dass dem keine Sachzwänge zugrunde liegen. Tarifflucht, Lohndumping und die Auslagerung von Arbeitsplätzen an Subunternehmen sind gewollt, und das funktioniert, weil die Unternehmen so gut wie keine Gegenwehr erfahren. Daran wollen wir kurbeln, dass bei den Kunden oder auch Verwandten und Bekannten der Real-Belegschaft das Bewusstsein entsteht: »Stimmt, dass ist ja voll schlimm, was der Kollegin da widerfährt. An der Aktion beteilige ich mich jetzt auch.« Und je mehr draußen passiert, desto mehr wird an dem Image des Konzerns gekratzt.

Haben Sie in der Vergangenheit mit ähnlichen »Schwarzer Freitag«-Aktionen Erfolge erzielen können?

Auf jeden Fall. Zum Beispiel musste H&M einen echt großen Imageschaden hinnehmen. Diese Kette hatten wir letztes Jahr im November als Kandidatin ausgewählt. Bei ihr ist das Thema Flexverträge unser Hauptangriffspunkt gewesen. Der Fall ist durch sehr viele Medien gegangen. Auch unsere Nominierungen für den Schwarzen Freitag beunruhigen Unternehmen mitunter unheimlich. Aus Betrieben wissen wir, dass es Chefs gibt, die sich selber bei Betriebsversammlungen vor die Belegschaft stellen und sagen: »Wir wollen auf gar keinen Fall auf so einem Blog wie Arbeitsunrecht auftauchen.«

Ändern Unternehmer tatsächlich die Arbeitsbedingungen, wenn sie in der Öffentlichkeit für ihre Geschäftspraktiken angeprangert werden?

Es bringt die Unternehmen in eine Situation, in der der Gegner schon mal seine Waffen zeigt. Das ist dem Unternehmer unangenehm. Das führt unter Umständen dazu, dass er dann wesentlich umgänglicher wird. Bei H&M nehmen wir das auf jeden Fall so wahr. Nach dem Schwarzen Freitag zeigte sich die Unternehmensleitung freundlicher in Verhandlungen mit Betriebsräten, weil sie im Moment keinen zusätzlichen Ärger brauchen kann.

Jessica Reisner ist Campaignerin bei der »Aktion Arbeitsunrecht«

Das junge Welt-Sommerabo

Lesen Sie drei Monate die gedruckte Ausgabe der Tageszeitung junge Welt! Das Abo kostet 62 Euro statt 115,20 Euro und endet automatisch, muss also nicht abbestellt werden. Dazu erhalten Sie das Buch »Marx to go« aus dem Verlag Neues Leben. Dieses Angebot ist nur bestellbar bis 24. September 2018.


Lesetip abgeben

Artikel empfehlen:

Mehr aus: Kapital & Arbeit