Aus: Ausgabe vom 13.07.2018, Seite 5 / Inland

Tarifflucht Grenzen aufzeigen

Streit um Lohndumping bei der Supermarktkette Real. Beschäftigte, Verdi und Unterstützer erhöhen Druck. Streiks wahrscheinlich

Von Stefan Thiel
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Bei Real könnte bald mehr als nur die Leergutannahme geschlossen bleiben (Streik in Hamburg, August 2007)

Der Streit spitzt sich zu. Im Kampf gegen Tarifflucht, Lohndumping und Leiharbeit bei der zum Metro-Konzern gehörenden Supermarktkette Real verschärfen die Gewerkschaft Verdi und die »Aktion Arbeitsunrecht« ihre Gangart gegenüber dem Unternehmen.

So führt die Initiative am heutigen Freitag, den 13. ihren gleichnamigen Aktionstag in 19 Städten vor Real-Niederlassungen durch, um unter dem Motto »Der Horror ist Real« auf die beschäftigtenfeindlichen Dumpingpraktiken des Metro-Konzerns aufmerksam zu machen. Am Donnerstag wies die Initiative Unterstützer in einer Pressemitteilung noch mal ausdrücklich auf die Möglichkeit und Rechtmäßigkeit von »Flashmobs« in den Filialen hin.

»Flashmobs« sind im Handel durchaus ein probates Mittel, um Beschäftigte während eines Arbeitskampfes zu unterstützen und Streikbruch in den Filialen zu erschweren. Wenn etwa Aktivisten die Gänge mit Einkaufswagen versperren, Unmengen an Produkten auf die Kassenbänder legen oder anderweitig für Unruhe sorgen, kann der Betrieb schon mal ins Stocken geraten.

In den letzten Tagen häuften sich außerdem Hinweise, Verdi könne bei Real endlich zu Warnstreiks aufrufen. Entsprechende Informationen der Gewerkschaft waren offenbar bereits am Mittwoch zur Wirtschaftswoche durchgesickert. Am selben Tag berichtete das Magazin in einer Vorabmeldung aus seiner neuen Ausgabe, Verdi plane für Freitag und Sonnabend »bundesweite Arbeitsniederlegungen in einer Vielzahl der 280 Filialen«. Direkt bestätigen wollte die Gewerkschaft dies gegenüber der Zeitschrift nicht. Wie jW jedoch am Donnerstag aus Gewerkschaftskreisen erfuhr, kann davon ausgegangen werden, dass es in nächster Zeit zu entsprechenden Aktivitäten in den Filialen kommt. Warnstreiks sind also wahrscheinlich.

Verdi will damit der Tarifflucht bei Real Grenzen aufzeigen. In der hart umkämpften Einzelhandelsbranche will sich die Supermarktkette ganz offensichtlich durch Lohndrückerei Wettbewerbsvorteile verschaffen. Das Aufkündigen von Tarifverträgen hat dabei fast schon Tradition: Nachdem das Unternehmen bereits im Juni 2015 aus dem Flächentarifvertrag der Branche ausgestiegen war, kündigte es im März dieses Jahres auch den 2016 mit Verdi abgeschlossenen »Zukunftstarifvertrag« auf. Die darin vereinbarten Gehaltseinbußen als Gegenleistung für gewisse Bestandsgarantien der Kapitalseite haben sich also nicht gelohnt. Der Metro-Konzern will noch viel mehr aus den rund 34.000 Beschäftigten der Kette herauspressen.

Zu diesem Zweck wechselte Real in diesem Frühjahr vom Handelsverband Deutschland (HDE) zur Unternehmervereinigung »Arbeitsbedingungen im Handel und Dienstleistungsgewerbe« (AHD). Letztere wurde bereits Ende der 1980er Jahre vom Metro-Vorläufer Asco gegründet und schließt bevorzugt Dumpingtarifverträge mit der unternehmernahen »Gewerkschaft« DHV ab. Neue Mitarbeiter sollen fortan nur noch nach dem deutlich schlechteren DHV-Tarifvertrag bezahlt werden. Zudem wurden im Juni große Teile der »Altbeschäftigten« in das Konzerntochterunternehmen Metro Services GmbH überführt. Auch dort gilt der DHV-Tarifvertrag. Verdi befürchtet Lohneinbußen von bis zu 40 Prozent.

Die Aussage des Managements die »Altbeschäftigten« würden einen »Bestandsschutz« bei Löhnen und Arbeitsbedingungen erhalten, hält die Gewerkschaft für eine reine Beruhigungspille. Sobald Befristungen ausliefen, die Übernahme von Auszubildenden anstehe oder sich die Wochenarbeitszeit ändere, würden »Angestellte genötigt, den billigeren Vertrag zu unterschreiben«, so die niedersächsische Verdi-Landesfachbereichsleiterin für den Handel, Sabine Gatz, gegenüber der Celleschen Zeitung (Mittwochausgabe).

Zur doppelten Tarifflucht kommen bei Real übrigens auch noch der verstärkte Einsatz von Werkverträgen und Leiharbeit. Auch hier nutzt das Unternehmen alle zur Verfügung stehenden legalen Tricks. Nach dem Arbeitnehmerüberlassungsgesetz (AÜG) müssen Leiharbeiter nach neun Monaten Arbeit im Betrieb genauso bezahlt werden wie die Stammkräfte. Bei Real werden sie deshalb einfach nach acht Monaten wieder entlassen.

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Debatte

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  • Beitrag von Alexander K. aus L. (12. Juli 2018 um 21:39 Uhr)

    Ob Halberg Guss oder Real, es ist Zeit, dass wir endlich zum Gegenangriff übergehen. Danke für diesen tollen Artikel. So werden wir über die Klassenkämpfe in diesem Land auf dem neuesten Stand gehalten. Manche Reformisten sollen ja glauben, sowas gibt es gar nicht mehr.

    • Beitrag von Thomas B. aus B. (13. Juli 2018 um 06:08 Uhr)

      'Zur doppelten Tarifflucht kommen bei Real übrigens auch noch der verstärkte Einsatz von Werkverträgen und Leiharbeit. Auch hier nutzt das Unternehmen alle zur Verfügung stehenden legalen Tricks.'

      Das sehe ich genauso, das Ende der Fahnenstange ist erreicht, die Zumutungen untragbar geworden. Das Problem ist jedoch, daß all die Schweinereien gesetzlich legitimiert wurden. Man sollte diejenigen, die das Elend initiiert haben, niemals aus den Augen verlieren.

Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

Lohndumping Die Arbeitskosten und die Konkurrenz

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